1803

Gedanken zur Zeit 1803 29-06-10: Was hat eigentlich Fußball mit Politik zu tun? Für BILD unendlich viel

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4 Responses to 1803

  1. … und hier in UK, lieber Bildkommentator, würden Sie es nicht wagen, vom deutschen Team, das noch viel bewegen kann und von seinen Lehrstücken, egal für wen, zu sprechen…

  2. Gaby sagt:

    Hallo, in die Runde,

    in meinem Umfeld werden die Fähnchen aus Spaß an der WM-Freude an die Hauswände gewimpelt oder an die Autos gestöpselt. Mein Mann und ich wedeln nicht mit Fahnen, denn in den Reihen der politisch Linksgerichteten hieß es noch in den 1970ern: Die Fahne falten heißt, der Nation einen Dienst zu erweisen.

    Dass es allerdings ein Trugschluss ist, zu glauben, die vielen, vielen Deutschlandfähnchen, die derzeit überall zu sehen sind, wären harmlos, bekam ich kürzlich sehr anschaulich zu spüren.

    Mein über 70jähriger Freund Eberhard, Vertriebener aus den Ostgebieten, erklärte mir kürzlich, dass jeder, der Flagge zeigt, ein Nazi ist. Ob dieses Pauschalurteils zeigte ich mich zwar empört, aber Eberhard blieb knurrig bei seiner Ansicht. Er müsse es wissen, er habe erlebt, was Fahnen aus Menschen macht.

    Das zweite Erlebnis hatte ich mit dem alten Huber über’n Gartenzaun. Ich grüßte so fröhlich wie immer und er meinte ganz versonnen: „Ach, die Fahnen, sie erinnern mich an meine Jugend. Ich kam als bettelarmer Bub aus dem Hunsrück, trat in die Partei ein, bekam eine Uniform und wunderschöne braune Stiefel, soooo schöne Stiefel. Die hätte ich mir nie leisten können!!! Das waren noch Zeiten und überall Fahnen“. „Und was ist mit den Millionen Toten und zerbombten Städten?“, fragte ich. Das riß den Huber schlagartig aus seiner Träumerei und er grunzte: „Das war doch alles halb so wild!“

    Ich war wirklich schockiert, denn bisher, in all den 25 Jahren, die ich den Huber flüchtig kenne, hat nichts darauf hingedeutet, dass er zerbombten Zeiten nachtrauert. Da er von geschenkten Stiefeln und Uniform sprach, vermute ich, dass er gar in der SS gewesen ist. Seither begegne ich dem Huber nicht mehr so unbefangen wie bisher.

    Jetzt, mitten im schwarz-rot-goldenen Flaggenmeer denke ich, die 68er hatten Recht: Die Fahne einzuholen heißt, der Nation einen Dienst zu erweisen!

    Gaby

  3. Volker Hamburg sagt:

    Der WM/EM- Fussballnationalismus wird von Politik und Mainstreampublizistik immer wieder herangezogen, um ihn für eigene Zwecke zu instrumentalisieren… -aber das funktioniert nur sehr beschränkt. 2006 kann ich mich an einen Spiegel- Artikel von Mathysek erinnern, in dem er peinlicherweise davon schwärmte, Fussballnationalisten in Agenda-Reform- Fans zu verwandeln… (Ein Peter Hartz, es gibt nur ein Peter Hartz…) Das verfängt aber auch bei schlichten und absolut politikignoranten Fahnenschwingern meistens nicht wirklich! Oftmals kommen auch demonstrative Stadionbesuche von Politdarstellern wie z.B. Fr. Merkel nicht gut an, weil der „wahre deutsche Fussballpatriot“ verärgert darauf reagiert, wenn solche Prominenz es sich, auf seine Kosten, „für Lau gutgehen läßt“!
    Am 10.07. ist die Schow gelaufen, auch wenn einige Zeitgenossen noch bis Weihnachten einen schwarz-rot-goldenen Fetzen im Autofenster hängen haben… -für den DFB könnte eh schon nächsten Sonntag Schluß sein (Bonus Diaz Argentinia)… -und dann hat der Alltag das Land wieder. Und die meisten Fahnenschwinger werden durch die schnöde Realität vom patriotischen Schulterschluss mit den hiesigen Machteliten, wenn diesen überhaupt gegeben hat, wieder kuriert sein. Was „das Bild der Deutschen im Ausland“ angeht, glaube ich nicht, das die Massen dort an „kinderlose, vergreiste Exportfetischisten“ denken, sondern wie schon immer, große dicke Leute sehen, denen das Hotel/Strand/Pool nicht sauber und ruhig genug ist, die ständig pöbeln und sich beschweren, dafür aber gut zahlen und deswegen trotzdem gern genommen werden…

  4. Gaby sagt:

    Guten Morgen, in die Runde,

    von Patriotismus, also Vaterlands- oder Mutterlandsliebe, halte ich überhaupt nichts. Es wird mir zu viel gewaltsam gestorben (Krieg), zuviel manipulativ gelogen (Medien, Politiker) und ökonomisches wie ökologisches Elend geduldet im Namen des Volkes und der Marktwirtschaft. Patriotismus erwartet ein persönliches Opfer, das ich nie bereit war und bin, zu geben. Ich behalte mein Bestes für mich und gebe es nicht denjenigen, die das Beste von mir wollen, indem sie behaupten: „Ich will doch nur dein Bestes!“

    Aber ich sehe mir an, wenn unsere Fußball-Nationalelf bei WMs spielt und drücke der Mannschaft meine Daumen. Dieses Jahr spielt unsere Mannschaft in Südafrika ungewohnt super. 4:0 gegen Argentinien. Da habe ich mich gefreut, denn unsere Mannschaft hat diesen Sieg aufgrund ihrer feinen Spieltechnik verdient.

    Nach dem Spiel bebte das Dorf, in dem ich lebe. So einen akustisch lauten Jubel habe ich all die 25 Jahre, in denen ich hier lebe, nicht erlebt; nicht mal im Karneval. Ich bin durch die Straßen spaziert, um mir anzusehen, was passiert. Die drei Kneipen quollen über und expandierten die besinnungslos feiernden Menschen auf die Straße. Meine Artgenossen lagen sich in den Armen, küssten sich, klopften sich auf die Schultern, vereinten sich im Tanz. Jeder mit jedem per du, jeder jedes Freund, jeder jedermanns/frau Bruder und Schwester. Und obendrein wild hupende Autokolonnen, so aufdringlich unausweichlich, wie sie nicht einmal Hochzeiten in meinem gewöhnlich stillen, leicht depressiven Dorf erlauben würden.

    Und noch etwas habe ich gesehen, das ich sonst nur aus Filmen aus den 60er oder 70er Jahren kenne: Wild rennende Kindergruppen oder auf Fahrrädern hektisch strampelnd, stürmten gruppenweise durch die Straßen, machten viel Krach und jedes Kind schwenkte eine kleine, mitunter gar für seine Körpergröße viel zu große Deutschlandfahne. Wo kommen all die Kinder her, fragte ich mich ziemlich erstaunt. Ich wusste bis dato nicht, dass in meinem Heimatdorf sooooo viele Kinder leben!

    Ziemlich beeindruckt bin ich nach einer Weile nach Hause gegangen. Ich habe Einzigartiges gesehen, ausgelöst durch den 4:0 Sieg gegen Argentinien. Einen solchen Furor Germanicus gab es in meinem Dorf nicht mal 2006, dem angeblichen Sommermärchen der Deutschen!

    Es stimmt also nicht, dass die Deutschen nicht begeisterungsfähig wären. Es stimmt hingegen, dass das Individuum in der Masse für kurze, gar lange Momente, kein Individuum mehr ist und es fällt dem Einzelnen schwer, der Magie der Masse, im positiven wie negativen Sinne zu widerstehen.

    Anbei ein zweiminütiges YouTube-Video: „Adorno über Gruppenverhalten“.

    Mir wird langsam klar, warum ein Teil der Deutschen am 18. Feb. 1943 „JA“ brüllten, als Goebbels die Frage nach dem Totalen Krieg stellte.

    Schönen Sonntag,

    Gaby

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