1982

Gedanken zur Zeit 1982 05-11-11: Erfahrungen mit Web-Blogs

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7 Responses to 1982

  1. Gaby sagt:

    Lieber Herr Dr. Jahnke und liebe Interessierte,

    Blogs sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Hier wie dort herrschen latente Aggressivität, Frustrationen und ein gedemütigtes Selbst in den Herzen der Menschen beiderlei Geschlechts. Also wird Dampf abgelassen: gegen Männer, gegen Frauen, gegen Linke, gegen Rechte, gegen Ausländer und weil’s Spaß macht, gegen diejenigen, die der eigenen Meinung zuwider laufen und auch noch die Frechheit besitzen, trotz virtueller Drohung zu widersprechen. Fakten stören sowieso nur; sie sind schizophrener Weise Stolpersteine im vermeintlich freidemokratischen Gedankenfluss.

    Mit Demokratie hat das kaum etwas zu tun und schafft vor allem keine Atmosphäre, freiwillig etwas Sachliches hinzuzulernen bzw. Fragen zu stellen, in der Hoffnung, sie würden sachlich beantwortet. In diesem Sinne ist nicht nur Ihre Website, sondern sind auch Ihre kleinen Foren eine absolute Ausnahme im deutschen Websiteblogdschungel. DANKE dafür, Herr Dr. Jahnke!

    An dieser Stelle sei mir bitte in diese Runde die Frage gestattet: Sind die Deutschen mehrheitlich Demokraten? Haben wir uns mental tatsächlich aus der muffigen Nachkriegszeit gelöst, sind wir also tatsächlich über die autoritäre, obrigkeitshörige geistige wie moralische Verfasstheit unserer Eltern und Großeltern hinaus gewachsen?

    Zwar kann niemand etwas dafür, im Elternhaus keine vernünftige Erziehung genossen zu haben, aber Jens Berger nehme ich sehr übel, dass er sich zu jeder sich bietenden Gelegenheit an Dr. Jahnke abarbeitet, also damit prahlt, im Kohlekasten groß geworden zu sein. Ein solch ungehobeltes Verhalten, auch noch mehrfach praktiziert (!!), verbietet sich einem demokratisch-kultivierten Menschen von selbst. Welche Schlüsse ich daraus, auch für die innere Kultur der NDS ziehe, lasse ich an dieser Stelle dahin gestellt. Spenden erhalten die Macher der NDS von mir nicht; im Gegenzug ignoriere ich deren Website seit vielen Wochen.

    Im Mittelalter beherrschten Aberglaube, die Angst vor Gott, Schlechtwetter, dem Weibe schlechthin, dem Teufel und der Hölle die Menschen und wir modernen Leute lachen darüber. Warum eigentlich? In unseren modernen Zeiten lebt der Aberglaube munter weiter, lediglich die Bösewichter haben sich angepasst, wie Sie, Herr Dr. Jahnke, bereits ausgeführt haben. Es ist ja auch sehr viel einfacher, die Spekulanten und den Zins für alles Ungemach des beginnenden 21. Jhr. verantwortlich zu machen, als intensiv und zeitraubend nachzuschlagen, was das warenproduzierende Kapital im Kern ist und welcher Rattenschwanz an inhumanen Zumutungen ihm insbesondere seit 200 Jahren folgt. Es ist einfacher, pauschal, also ohne jeden Beweis, gegen die Kapitalisten zu poltern, als sein eigenes verkorkstes Weltbild auf den Prüfstand zu stellen und seine wie auch immer gearteten Wissenslücken zu füllen; Kenntnisse um den real existierenden Klimawandel eingeschlossen.

    Was mir in der von den Medien bereit gestellten Blogszene (Spiegel, Bild etc.), aber auch von denjenigen, die privat von Männern betrieben werden, seit Jahren auffällt, ist die Dominanz männlicher bzw. männlich anmutender Nicknamen. Entweder verstecken sich die Frauen hinter maskulin wirkenden Namen oder sie meiden, aus welchen Gründen auch immer, diese häufig aggressiv aufgeheizten Blogs.

    Frauen kommunizieren jedoch munter auf Plattformen wie „Brigitte“, „Freundin“, Emma“ oder die der seriösen Tier- und Umweltschützer. Selbstredend ist das nur eine persönliche Betrachtung, also keine repräsentative Studie, zeigt mir aber, dass Frauen im Internet kommunikativ präsent sind, das Netz also nicht per se meiden, wie es das männliche Vorurteil oft zu wissen glaubt.

    Tja, wie ich eingangs schrieb: Deutsche Blogs sind ein Spiegel unserer Gesellschaft.

    Ich wünsche allen Mitlesern einen schönen Sonntag,

    Gaby

  2. Manfred Steingrube sagt:

    Auf vielen Blogs geht es nicht anders zu als in der Politik auch. Vieles läuft durcheinander, ist unkoordiniert und gar manches von zweifelhaftem Demokratieverständnis geprägt. Ich habe es noch nie verstanden, warum ein Andersdenkender als Abweichler diffamiert wird, nur weil der eine andere Überzeugung hat!? Ist es denn wirklich so „feindlich“, die andere Meinung neben der seinen zu akzeptieren? Es geht doch nicht um Leben oder Tod.

    • globalnote sagt:

      Das Freund-Feinddenken ist nach meinem Eindruck oft Abreagieren von Frustrationen, wofür ein Gegner gebraucht wird und was unter der Tarnkappe von Decknamen ungefährlich ist. Wahrscheinlich sind diese Menschen im Privatleben feige. Andererseits scheinen mir Anhänger der Linkspartei besonders unverträglich zu sein, vielleicht weil sie sich als Underdogs der Gesellschaft fühlen. Auch kommen viele aus den NBL und sind in keinerlei Demokratie aufgewachsen, die sie zur Toleranz hätte erziehen können. Die Moderatoren, wie Jens Berger, agieren dann als Einpeitscher, um sich eine Schar ergebener Jünger zu halten. Als angeblicher Journalist und Betreiber des Spiegelfechter scheint er keinen normalen Beruf zu haben, und nachdem er von Albrecht Müller bezahlt wird, kann er vielleicht auch gar nicht anders. Müller ist nach meiner Erfahrung total verbissen und intolerant. Dabei trägt er leider viel zur Verdummung und Verbiesterung seiner Anhänger bei.

    • Gaby sagt:

      Guten Abend, Herr Steingrube und alle anderen, die mitlesen und mitdiskutieren,

      der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat einmal geschrieben:

      „Nach und nach wurde jene geheimnisvolle, gefährliche Kraft, das Selbst, zum Maßstab der gesellschaftlichen Beziehungen.“

      Sennett beschäftigt sich mit den Auswirkungen des „neuen Kapitalismus“, der seit der New Economie entstand und in den westlichen Gesellschaften eine Atmosphäre der Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung erzeugt. Hieraus resultiert seiner Meinung nach eine rücksichtslose Ellenbogengesellschaft, deren unterschwellige Ahnung, dass zur Aufrechterhaltung des durch und durch automatisierten, rationalisierten warenproduzierenden Systems gerade mal 30 Prozent einer hochtechnisierten Bevölkerung genügen und die restlichen 70 Prozent schlichtweg überflüssig sind. Dieser Instinkt erzeugt unter den Menschen der westlichen Welt ganz real einen ungeheuren Konkurrenzdruck und entfesselt diese geheimnisvolle, gefährliche Kraft, die zum Maßstab des Alltäglichen wird, nämlich den Egoismus, wozu auch die aggressive Rechthaberei um jeden Preis zählt.

      Meiner Einschätzung nach sind nicht so sehr, aber natürlich auch, unsere oft sinnlos palavernden, mitunter rüpelhaften Politiker unser gesellschaftliches Vorbild, sondern es ist die unbeschreiblich flexible Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus, der immer die vermeintliche Gunst der Stunde profitorientiert für sich zu nutzen weiß. Skrupellos werden gesellschaftliche Veränderungen von Trend-Scouts erschnuppert und per konkretem Marketing verwurstelt, also unter’s Volk gebracht, in der Hoffnung, eine neue Geldquelle angebohrt zu haben.

      Sicher erinnert Ihr Euch an solchen Werbeblödsinn wie: „Mein Haus, meine Familie, mein Auto, mein Boot.“, „Geiz ist geil“, „Unter’m Strich zähl‘ ich!“ Werbung ist überall, sie ist allgegenwärtig! Wir können uns ihr nicht entziehen! Kapitalistische Werbung wirbt um unsere Seelen, dringt in unsere Seelen ein wie Gift, lenkt unser Denken, unsere Wünsche, unser Handeln, verändert unsere immer labiler werdenden Wertvorstellungen, klinkt sich nahtlos in gesellschaftliche Veränderungsprozesse ein, um daraus Geld zu schlagen. Werbung beschleunigt innerhalb der Kategorien des Kapitalismus die gesellschaftliche Schmelze der Moralvorstellungen, also dem Kitt, den die Gesellschaften seit der Steinzeit zusammen halten. Wir werden mehr und mehr atomisierte Einzelkämpfer, die keine Familie mehr im Rücken haben, die unseren Rücken, unser Ego stützend korrigieren und genau hier setzt der Hebel der kapitalistischen Menschenbeeinflussung ein, nicht ursächlich, aber als Brandbeschleuniger.

      OK, ich will den Teufel nicht an die Wand malen und in Deutschland herrschen nach wie vor Anstand, Höflichkeit, Benimm und sehr, sehr vielfach noch ekelhafte hündische Ergebenheit vor vermeintlichen Autoritäten, gar Hitler-Schwärmerei, aber ich beobachte in zunehmendem Maße eine reale Verrohung der Sitten, auch peu á peu an meinem Arbeitsplatz und ganz schlimm in manchen Internetforen, wo das Phänomen der egomanischen Ichlinge und Stichlinge vollkommen unmaskiert zutage tritt, beispielsweise sehr, sehr häufig auf Youtube.de.

      Ich will mit dem bisher Geschriebenen ausdrücken, dass ich die perverse Ökonomie des Neoliberalismus dafür verantwortlich mache, dass wir uns gesellschaftlich nicht nur refeudalisieren, sondern die Demokratie in spätestens 50 Jahren auf der westlichen Hemisphäre dieses Planeten ein Fremdwort sein wird. Der Markt, das Kapital, will es so, weil die Diktatur seine ureigendste Identität und sein günstigstes Biotop ist.

      Zufällig ist mir heute beim Surfen im Internet ein Foren-Kommentar des von mir sehr geschätzten Herrn Jakob Augstein auf den Bildschirm meines Computers geflogen, seines Zeichens Journalist und Verleger der Wochenzeitschrift „Der Freitag“ und der beginnt so:

      08.2011 | 21:40 Jakob Augstein
      Liebe Leser, dass der WInd im SPON Forum immer ein wenig rauher weht, das weiß ich ja und darüber wundere ich mich nicht. Das ist auch in Ordnung so. Aber dass hier und bei den Kollegen von den Nachdenkseiten jetzt so herumgekeift wird, das hat mich doch erstaunt. Kenne ich so gar nicht. Da hatte ich irgendwie mehr Benehmen erwartet. Im Schulmeister- oder Kasernenton ist jedenfalls nicht gut reden, finde ich. […]

      http://www.freitag.de/community/blogs/jaugstein/kommentare?start=10

      Wer als Leser oder Forenkommentator des von Herrn Dr. Jahnke betriebenen Infoportals glaubt, Dr. Jahnke würde mit seiner Kritik an der fehlenden Netiquette mancher Foren lächerlich mimosenhaft überreagieren, irrt sich ganz gewaltig und sollte sich selbst die Frage stellen, inwieweit sie/er sich von den „stummen Zwängen des Kapitals“ (Marx) Tag für Tag freiwillig, also ohne jede persönliche Gegenwehr per kritischer Gedanken, gar bildungsverweigernd, gar per passivem Wahl- und Protestverhaltens, an Geist und Seele von fremden Mächten vergewaltigen lässt.

      Bis denne,

      Gaby

  3. Jens sagt:

    Das faktenferne und chaotisch egoistische Durcheinander gibt es auch im Fernsehen. Früher waren es die Talksendungen am Vormittag, jetzt sind die Politsendungen am Abend in diesem Metier vorherrschend. Sachliche und durch normalen Umgang geprägte Varianten gibt es hin und wieder in den Nebenprogrammen – oder in Wiederholungen aus dem letzten Jahrhundert. Mit der Professionalisierung und Kommerzialisierung der Medien ist die Qualität eben gesunken.
    Ihre politische Position ordne ich als gemeinwohlorientiert und sozialdemokratisch im eigentlichen Sinne ein. Für viele Linke sind Sie sicher total reaktionär, für viele aus der „Mitte“ wohl mindestens halbkommunistisch. Ich kenne einige, die diese Erfahrung auch gemacht haben.

    • globalnote sagt:

      Vielen Dank. Ich selbst betrachte mich in aller Bescheidenheit als linker, als die meisten derer, die sich als „links“ ausgeben, aber noch immer nicht verstanden haben, wie links in Deutschland wirklich aussehen müßte, damit sich die Verhältnisse ändern können, und die zu einer nüchternen und realitätsbestimmten Analyse der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Verhältnisse gar nicht imstande sind.

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