2526

global news 2526 29-10-11: Tariflohnentwicklung weiter negativ: Deutschland setzt zerstörerischen Niedriglohnwettbewerb in der Eurozone fort

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6 Responses to 2526

  1. Manfred Steingrube sagt:

    Die Entwicklungen der Tariflohnerhöhungen der letzten Jahre waren doch eher ernüchternd und somit sehr bescheiden ausgefallen. In der Regel kroch der Zuwachs um die Inflationsgröße herum und machte sie weitestgehend zunichte. Ein echtes Plus hat es in den letzten zehn Jahren nicht gegeben. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Das liegt meiner Meinung nach besonders an der Politik, die sich einem bundesweiten Mindestlohn plus inflationärer Lohnsteigerungen für alle Branchen verweigert, mit erheblichen Nachteilen, wie das Infoportal auch immer wieder aufzeigt, aber auch an den deutschen Gewerkschaften (die allgemein wohl eher als lammfromm einzuordnenden sind), die zum Teil erst spät, wenn überhaupt, auf die negativen Entwicklungen der Beschäftigung, aber besonders auf das Anwachsen des Niedriglohnsektors reagiert haben.

    Die „Lohnzuwächse“ beispielsweise in der Zeitarbeitsbranche zeigen auf, wie skrupellos und dreist Arbeitgeber (und Gewerkschaften schwach organisiert sind) in dieser Branche mit ihren Arbeitgebern umgehen. Da werden 1,2 % -1,7 % Tariflohnerhöhungen angeboten, ein lächerlicher Lohnzuwachs, und hochgejubelt als würden nun die Geldbörsen (Portemonnaies) der Arbeitnehmer platzen.

    Bei einer durchaus realistischen Annahme einer Inflation von 2%, bedeutet dies, nicht einmal den Gegenwert eines Liter Benzins mehr im Salär. Wohlgemerkt, es handelt sich um Bruttolöhne, auf denen noch Abgaben zu leisten sind.

    Seit der Jahrtausendwende hat sich für Arbeitnehmer in Deutschland ein ausbeutender Niedriglohnsektor entwickelt, der nur ein fremdbestimmtes Leben zulässt, weil diese Arbeitnehmer ihren Hungerlohn durch staatliche Reglementierungen aufstocken müssen. Dieser Niedriglohnsektor beschert Arbeitnehmern Stundenlöhne unter 5 € und das bereits seit Jahren, dank der Politik von SPD, Grüne, CDU/CSU und der FDP. Sie partizipieren also in keiner Weise von Lohnzuwächsen, also ohne Reallohnzuwachs, weil ihnen ihre Arbeitgeber diese Zuwächse einfach verweigern.

    Es liegt in der Logik des Niedriglohnsektors, dass nur dann von außen entgegengewirkt werden kann, wenn eine funktionierende Tarifpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften besteht, um Änderungen vornehmen zu können. Damit das so bleibt, sperrt man sich vehement und mit allerlei fragwürdigen Mitteln unter Mitwirkung bestimmter Medien dagegen. Diese Art „Popkultur“ (wer singt das leidenvollste Hohelied der Märkte!) hin zum sozialen Wandel wird unterstützt von so genannten wissenschaftlichen Instituten im Wettstreit der Ideologien. Ein menschenwürdiges Leben ist eher nicht vorgesehen.

    Keine Frage ist es, dass Tarifbindungen von Arbeitnehmern und Unternehmen von Jahr zu Jahr sinken. Es kann daher ruhigen Gewissens unterstellt werden, dass Arbeitnehmer in tariflosen Unternehmen in der Regel auch keine, nur geringe oder sehr verspätet Lohnzuwächse erhalten werden verglichen mit Arbeitnehmern eines tarifgebundenem Unternehmen.

    Führt man sich einmal vor Augen, wie viele Unternehmen (3,5 Millionen soll es geben: Siehe ELENA-Verfahren und die Rückmeldungen) in Deutschland ohne Tarifbindung (64 % eine gigantisch hohe Anzahl! Siehe „Deutschland in Zahlen 2011“) sind, hat man eine ungefähre Vorstellung davon, wohin die Reise gehen wird, wenn der rasante Abstieg der tariflosen Unternehmen nicht gestoppt werden kann. Wenn also die Gewerkschaftsfunktionäre (Arbeiterführer!?) im Elfenbeinturm ihre Politik „der warmen Umarmung“ nicht umstellen, sehe ich schwarz für Arbeitnehmer.

  2. Peter sagt:

    Folgender Text ist von Heiner Flassbeck, mich würde interessieren, ob Sie, Herr Jahnke, das genau so sehen.
    Ein zentraler Zusammenhang wird derzeit nicht verstanden. Die momentane Krise ist im Kern eine globale Lohnkrise, also eine Krise des Nichtsteigens der Löhne. Das kann man sehr schön darstellen an den entscheidenden Zonen.

    Japan hat schon seit 20 Jahren eine Lohnkrise. Vor allem, weil die Japaner es nicht geschafft haben, Anfang der 90er Jahre wieder auf einen Wachstumspfad zu kommen. Warum? Weil sie im Kern die Löhne nicht mehr erhöht haben und stattdessen flexible Löhne einführten: Bonuszahlungen, die die Arbeiter bekommen haben. Aber über die Kürzung der Boni haben sie so flexible Löhne produziert, dass die inländische Nachfrage nicht mehr steigen konnte. Das ist der Kern der japanischen Krise gewesen und ist es noch immer.
    Verteilungsfrage vor der Wachstumsfrage lösen

    Noch deutlicher ist die Lohnkrise in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort haben wir die Situation, dass seit diesem Frühjahr die Löhne nicht nur nominal stagnieren, sondern real sogar fallen. Beim letzten G-20-Treffen hat John Lipski, der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), das Desaster in den USA benannt. Es heiße von jetzt ab: »No hours, no wages«. Es gebe keinen Zuwachs der Arbeitsstunden und keinen Zuwachs der Löhne. Studien zeigen, dass in den USA nicht nur eine »jobless recovery« – ein »beschäftigungsfreies Wachstum« – herrscht, also eine Erholung der Konjunktur ohne Beschäftigungszunahme, nein, es gibt jetzt eine »wageless recovery«: einen Aufschwung ohne Lohnerhöhung. Das passiert zum allerersten Mal.

    Wenn man in den USA von Wirtschaftszyklus zu Wirtschaftszyklus schaut, sieht man, wie von jedem Aufschwung zum nächsten der Lohnzuwachs geringer wird. Jetzt sind wir nominal fast bei einer Stagnation. Das ist real ein Rückgang. Schuld daran sind die Machtverhältnisse, wie sie sich in den letzten 20 Jahren herausgebildet haben. Das hat nichts mit Ökonomie zu tun, sondern ist eine reine Machtfrage: Wer setzt sich durch am Arbeitsmarkt? Die Machtverhältnisse sind jetzt so, dass in diesem Aufschwung der USA 95 Prozent der Einkommen, die geschaffen wurden, in erster Linie durch staatliche Ankurbelungsprogramme entstanden. Der staatliche Zuwachs des Defizits ist zu 95 Prozent bei den Unternehmen angekommen. Zu 95 Prozent ist der Zuwachs des gesamten Einkommens in den USA bei Unternehmen und nicht mehr bei den Arbeitnehmern angekommen. Das könnte man das Ende des Kapitalismus nennen, das Ende einer in irgendeiner Weise funktionierenden Marktwirtschaft.

    Die Unternehmen wissen nicht mehr, was sie mit diesem Geld machen sollen. Die machen dann Casino. Das ist die dramatische Situation in den USA. Alles Geld, das der Staat als Schulden aufgenommen hat, haben die Unternehmen sich angeeignet, aber sie investieren nicht damit. Das, was man Angebotspolitik genannt hat, wo man dachte, man muss den Unternehmen nur so viel Geld wie möglich in die Tasche stecken, dann investieren sie auf Teufel komm raus, das genau tun sie nicht, sie investieren nicht.
    Casino auch in Deutschland

    Nun haben wir dieselbe Situation in Europa, in Deutschland schon seit 15 Jahren, aber jetzt dank deutscher »Entwicklungshilfe« sozusagen auch für den Rest Europas – das wird jetzt zum allgemein gültigen Modell. Alle machen, was Deutschland gemacht hat. Alle verbessern ihre Wettbewerbsfähigkeit, man weiß nur nicht wogegen: gegen den Mond oder gegen den Mars? Gegen die Japaner und Amerikaner macht es keinen Sinn, die noch weiter herunterzukonkurrieren. Also gegen wen verbessern wir unsere Wettbewerbsfähigkeit?

    Das heißt, auch in Europa werden die Löhne von nun an stagnieren. In Deutschland ist es besonders extrem. In Deutschland haben wir eine perverse Situation, die mit Marktwirtschaft nichts zu tun hat. Ich rede jetzt wirklich von Marktwirtschaft, wie man sie traditionell verstanden hat in den ersten 30 Jahren nach dem Krieg. In den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Deutschland der Hauptgegenpol der Ersparnisse der privaten Haushalte die Unternehmen. Die Unternehmen haben sich nämlich verschuldet. Die privaten Haushalte haben etwa zehn Prozent gespart, und die Unternehmen haben sich zu acht bis neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet und investiert. Nun haben wir in Deutschland die perverse Situation seit zwei, drei Jahren, dass die Unternehmen per Saldo ebenfalls sparen. Sie haben so viel Geld, dass sie nicht wissen, wohin damit. Sie investieren jedenfalls nicht. Die Investitionsquote geht weiter runter.

    Die Unternehmen sparen in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die deutschen Unternehmen sparen zwei Prozent, die Haushalte sparen zehn Prozent ihres Einkommens. Der Staat darf jetzt keine Schulden mehr machen. Wer macht die Schulden? Irgendeiner muss dieses Geld, das zur Bank getragen wird, aufnehmen und investieren. Wer ist das?
    An die Wand gefahren

    Die reine Logik sagt, wenn in Deutschland alle sparen und der Staat keine Schulden macht, dann geht die Rechnung nicht auf. Dann gibt es entweder eine gewaltige Rezession oder die anderen verschulden sich. Die anderen sind aber schon bis zum Stehkragen verschuldet, sie können sich nicht weiter verschulden. Damit ist das deutsche Modell gegen die Wand gefahren. Es wird nur noch nicht zur Kenntnis genommen. Aber es wird in Kürze zur Kenntnis genommen werden müssen, weil auch der deutsche Aufschwung zu Ende ist. Der wunderbare XXL-Aufschwung ist zu Ende, gerade mit diesem Frühjahr.

    Damit haben wir jetzt weltweit eine Situation, dass fast 70 Prozent der Weltwirtschaft stagnierende Löhne haben. Die Erwartung der normalen privaten Haushalte – Japan, USA und Europa, das sind fast 70 Prozent der Weltwirtschaft – ist darauf ausgerichtet, dass ihr Einkommen nicht mehr steigt. In dieser Situation ist es absolut berechtigt zu sagen: Die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus ist am Ende. Es gibt kein Wachstum mehr. Es gibt keine Möglichkeit mehr, in vernünftigem Rahmen zu wachsen, und damit hat sich dieses Modell sozusagen selbst gegen die Wand gefahren.

    Die Umverteilung hat nicht nur dramatische soziale Folgen, sondern sie hat die wirtschaftliche Folge, dass die Weltwirtschaft stagniert. In den USA ist es seit 10, 15 Jahren der Fall. Die haben es nur eine Zeit lang überspielt mit steigenden Börsenkursen und der Hoffnung darauf, diese »Spekulationsblase« schaffe Vermögen. Sie schafft natürlich kein Vermögen, sondern nur Scheinvermögen, Scheingewinne, die übrigens jetzt auch in den Bilanzen der Banken gerade implodieren. Und wir werden in Kürze wieder über verlierende Banken reden, in Europa und weltweit.

    • globalnote sagt:

      Ja, natürlich sehe ich das genauso und habe es immer wieder im Inforportal dargestellt, vor allem am deutschen Beispiel, und das, als Flassbeck uns noch wegen der Exporte (auf der Basis des Niedriglohnwettbewerbs) als „Gewinner der Globalisierung“ hinstellt. Was für ein Unfug!

      Flassbeck in NachDenkSeiten http://www.nachdenkseiten.de/?p=967 November 2005: „Das ist der übliche Alarmismus, der gerade in Deutschland als dem Hauptgewinner der Globalisierung in den letzten zehn Jahren vollkommen unangebracht ist.“

    • Heiner sagt:

      Peter: Richest and Bottom USA.:

      Klicke, um auf 10-21-10inc.pdf zuzugreifen

      MfG

      • Jens sagt:

        Wenn man vom Allgemeinwohl, das der Kapitalbesitzer also eingeschlossen, ausgeht, kann man die Lohnstagnation und Senkung der Nachfrage im Allgemeinen, sowie der wohlfahrtlichen Minderperformanz, als negative Entwicklungen betrachten. Geht man von einer Wettbewerbs- und Machtlogik aus, so wird der Stärkste unter den Verlierern den größten Machtzuwachs haben. Es ist vom dieser Perspektive aus also ein Ausscheidungswettkampf, bei dem deutschen Akteure zum Beispiel anderen Europäern ihre Bedingungen aufzwingen, bzw. die Zinsen kassieren. Inwieweit dies beabsichtigt ist, oder Produkt der Macht- und Organisationsstrukturen und überkommener Ideologien bestimmter neuer gesellschaftlicher Randgruppen, die oft mit Eliten verwechselt werden, stellt für mich eine der Kernfragen dar. In dem von Peter dargelegten Text von Heiner Flassbeck sieht es jedenfalls mehr nach ideologischer Kurzsichtigkeit der bestimmenden Kräfte auf der Klaviatur der Ökonomie aus. Als würde davon ausgegangen, als lebten wir im 19.Jhdt. und „die Wirtschaft“ entfaltet sich als dysfunktionales System in einem Raum funktionierender Instutionen.

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