2468

global news 2468 19-08-11: Dänen und Deutsche: die glücklichsten und die am wenigsten glücklichen West-Europäer

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5 Responses to 2468

  1. Manfred Steingrube sagt:

    Eine von vielen Schwächen unseres Zusammenlebens ist, dass eklatant vorhandene Widersprüche in der Arbeitsmarkt-, Wirtschafts-, Familien-, Gesundheits- und Bildungspolitik weitestgehend mit beschönigenden Worten durch Politik und Medien einfach nicht wahrgenommen werden will. Um wirklich einigermaßen „glücklich in einer Gesellschaft leben“ zu können, müssen unterschiedliche Aspekte für den Einzelnen relativ rundlaufen. Dazu gehört die Frage nach der „sozialen Gerechtigkeit“, die gesellschaftlich immer mehr zur Seite geschoben wird. Die Menschen aber haben sehr wohl zumindest ein Gefühl dafür, was in Deutschland hinsichtlich dieses Paarbegriffes nicht rund läuft. Ich glaube, dass niemand ernsthaft bestreiten kann, dass eine relativ gut funktionierende „soziale Gerechtigkeit“ innerhalb einer Gesellschaft zum friedlichen Miteinander notwendig ist. Die Frage ist also, was erforderlich ist, um wieder zurück zur „sozialen Gerechtigkeit“ zu kommen, die es ja einmal in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahren und darüber hinaus als Selbstverständlichkeit gegeben hat. Da waren sich die Parteien noch relativ einig (aus Gründen der „Gerechtigkeit“), kein zu großen sozialen Unterschied innerhalb der Gesellschaft zuzulassen. Nicht zuletzt gab es auch einen gesellschaftlichen Konsens über die Frage der „sozialen Gerechtigkeit“. Man denke beispielsweise an die Förderung der Vermögensbildung von Arbeitnehmern (erst 312,- DM Gesetz und später das 624,- DM Gesetz) oder die Möglichkeit des Studiums von Arbeiterkindern oder die Einführung der Krebsvorsorge.

    Heute muss man eigentlich bei allen Parteien feststellen, die bisher an der Regierungen beteiligt waren, dass sie nicht mehr großen Wert auf „soziale Gerechtigkeit“ setzen, sondern vielmehr auf den Wert „Wirtschaftswachstum“ auch auf die Gefahr hin, damit soziale Spannungen und Politikverdrossenheit zu schüren.

    Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass es Blogs wie das Infoportal gibt, die diese vorhandenen gesellschaftlichen Widersprüche aufklärend und nachvollziehbar aufzeigen. Die Menschen können sich nicht auf die öffentlich-rechtlichen Medien – die Rundfunk- und Fernsehanstalten – verlassen. Diese Medien sind mehr oder weniger nicht auf der Suche nach den Auswirkungen von Politik und ihrer Schwächen und benennen damit auch nicht die einzelnen Ursachen, sondern übernehmen vielmehr die Rolle der Meinungsmacher.

  2. Gaby sagt:

    Guten Tag Herr Steingrube und Mitdiskutanten,

    ja, schon richtig, aber heute sind wieder die Liberalen, die Manchesteristen, am Zuge. Da gibt es eine bezeichnende Stelle in dem Buch „Die Globalisierungsfalle“ (1996) von Schumacher/Martin, S. 312, die unsere heutige ökonomische Misere kurz und knapp zusammen fasst:

    „Wir sind zu teuer‘, sagte der Kanzler, aber das Wir schließt nur die ein, die als Angestellte und Arbeiter ihr Einkommen beziehen. Und ein Wort macht Karriere: der Besitzstand. Sachsens Ministerpräsident und CDU-Vordenker Biedenkopf hat sogar ein ‚ganzes Gebirge von Besitzständen‘ ausgemacht, das es zu ’sprengen‘ gelte. Gemeint sind Lohnfortzahlung bei Krankheit, Kindergeld, Kündigungsschutz, Arbeitslosengeld, staatliche Arbeitsbeschaffung, die Fünf-Tage-Woche, 30 Tage Jahresurlaub und vieles mehr, das bislang das soziale an der deutschen Marktwirtschaft ausmacht“.

    Ich glaube, diese neuerlich entfesselte Pest des Wirtschaftsliberalismus werden wir so schnell nicht wieder los, denn seine Vertreter haben bis heute nicht verkraftet, dass es die Kathedersozialisten des 19. Jhr. fertig brachten, nicht nur Bismarck, sondern die ganze deutsche Nation bis ins 20. Jhr. hinein mit den Gedanken der Sozialstaatlichkeit zu infiltrieren und sie ihrer Sozialität obendrein einen wissenschaftlichen Anstrich gaben, der mehr und mehr akademisch geschulte Ökonomen hervorbrachte, die für die Ideen der absoluten Marktfreiheit nicht mehr zu gewinnen waren.

    Der Ökonom Andreas Voigt, der seine Ausbildung durch Schmoller und Althoff erhielt, schrieb 1913:

    „Namentlich diejenigen, deren Studienzeit in die erste ‚heroische‘ Zeit des Kathedersozialismus fällt, erinnern sich noch sehr lebhaft der Stimmung, wie sie damals auf deutschen Hochschulen herrschte. Es galt unter den Studierenden geradezu als ein Merkmal der ‚Wissenschaftlichkeit‘, daß man möglichst weitherzig über den Sozialismus urteilte, denn wir wurden belehrt, daß dieser in der Kritik der bestehenden Wirtschaftsordnung im Grunde vollkommen Recht habe, und daß nur die revolutionäre Taktik der Sozialdemokratie abzulehnen sei.“

    Die Neoliberalen reiben sich selbstredend seit den 1970er Jahren freudigst die Hände, denn ihre marktwirtschaftlichen Freiheitsgedanken haben sich endlich wieder durchgesetzt. Ich glaube nicht, dass sich die Freiheitsfanatiker dieses Mal so leicht verdrängen lassen wie im 19. Jhr. Das wird erst gelingen, wenn eines Tages wieder die „Soziale Frage“ diskutiert wird, aber das wird so lange dauern, bis uns die soziale Not Tag für Tag vor Augen steht und wir ihr auf den Straßen nicht mehr ausweichen können.

    Ein schönes Wochenende wünscht Euch

    Gaby

  3. Christof sagt:

    Hallo Herr Jahnke,

    es ist mir in letzter Zeit tatsächlich immer wieder aufgefallen, dass Dänemark in ihren Grafiken bezüglich diverser Kennzahlen häufig relativ gut dasteht. Mal kurz ein bisschen gegoogelt, dann trifft man bspw. auf folgende Kommentare:

    „Dies alles war möglich bei einer progressiv steigenden Ökosteuer, einer Staatsquote von über 50 Prozent und einem Arbeitslosengeld von 90 Prozent über fünf Jahre. Es macht den Anschein, daß Dänemark die gängige volkswirtschaftliche Logik außer Kraft setzt, nach der nur niedrige Staatsquoten und sinkende Löhne auf unqualifizierte Arbeit ein Garant für Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung sind.“

    Da hat mal einer am lebenden Objekt etwas versucht, wofür man hier in Deutschland als Krypto-Kommunist gesteinigt würde – und schau‘ an: das funktioniert sogar. Und, nebenbei, die 90% an ALG über 5 Jahre kommen mir persönlich (der ich zweimal „Kunde“ beim Arbeitsamt war) wie von einem anderen Stern vor. Wenn man sich hier Westerwelles „spätrömische Dekadenz“-Überlegungen vergegenwärtigt, müsste Dänemark bei diesen Regelungen schon längst zusammengebrochen sein.

    Und mit einer Abgabenquote von fast 50% liegt Dänemark nicht nur weit vor Deutschland und nur knapp vor Schweden, sondern, wie man beim BMF erfahren kann, an der Spitze von dort aufgeführten 24 Ländern. Schlusslicht dort übrigens die USA mit 24% Abgabenquote und 17% Steuerquote (exakt der Steuersatz von Multimilliardär Warren Buffett). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Interessant am dänischen Modell ist, dass – im Gegensatz zu allen anderen Ländern – die Steuerquote nahezu gleich der Abgabenquote ist, was wohl bedeutet, dass es die sogenannten Lohnnebenkosten für Unternehmen nicht gibt.

    Und schau: diese Häretiker sind auch noch fast alle zufrieden damit!!

    Tja, irgendwie ticken die Dänen scheinbar anders: Erinnert sei an ihr Vorgehen, an den Grenzen wieder Kontrollen einzuführen (wo der Aufschrei dann gross war) – und das machen die bestimmt nicht, um die Einwanderung hochqualifizierter Fachkräfte zu verhindern.

    In der Tat: Es stellt sich die Frage, warum man sich von den Dänen nicht ein bisschen mehr abschaut…

    LG,
    Christof

    • globalnote sagt:

      Der kommende Wochenbrief wird Dänemark im Detail vergleichen.

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

    • Gaby sagt:

      Hallo Christof und Mitlesende,

      nichts, rein gar nichts, ist so, wie es auf den ersten Blick scheint!

      Es gibt keine gängige, keine allgemeinverbindliche Logik in den Volkswirtschaften. Die Ökonomie ist keine Wissenschaft, obwohl sie sich gerne und bedeutungsschwanger dieses Mäntelchen anzieht. Mal obsiegt überwiegend der Wohlfahrts-, mal der Freihandelsgedanke. Meistens haben wir es mit Mischkulturen beider sozioökonomischer Strömungen zu tun. Auch der Neoliberalismus ist eine Mischung aus Wohlfahrt und Freihandel, jedoch mit starkem Bezug zur Handelsfreiheit (= Deregulierung, Privatisierung, Anti-Staatlichkeit).

      Die Deutschen sind berühmt und berüchtigt für ihre tatkräftige Neigung, historische Sonderwege zu beschreiten. Das haben sie auch im 19. Jhr. getan, als die staatsfeindlichen Anhänger des Freihandels von den gerade aufkommenden, nationaltrunkenen Sozialisten (1848) und vor allen Dingen von Bismarck als „mitleidslos geldverliebte Manchestermänner“ gesellschaftlich geächtet, gar zu Unpersonen erklärt wurden. Aus diesem Grunde ist der Freihandel in Deutschland, im Gegensatz zu England und den USA, nicht wirklich existent gewesen. Nirgendwo hat der Wohlfahrtsgedanke je derart üppig, sich pilzartig schnell ausbreitend geblüht, wie im Deutschland des ausgehenden 19. bis zum Ende des 20. Jhr.

      Allein dem liberalen Lujo Brentano ist im 19. Jhr. aufgefallen, dass die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen gar keine eigenständigen Beiträge sind, sondern dieses Geld ganz einfach vom Lohn des Arbeiters und Angestellten einbehalten und vom Arbeitgeber an den Staat überwiesen wird – die Überweisung dieser Beträge ist des Arbeitgebers Beitrag; mehr nicht. Das hat sich bis heute nicht geändert – aber wir glauben noch immer an das Märchen, dass die Arbeitgeber ihren Teil an den Sozialkosten, also ein Stück ihres Profis, für uns Arbeitnehmer abgeben. Bismarcks Wohlfahrt war eine ziemliche Augenwischerei – bis heute!

      Trotzdem galt und gilt das deutsche Sozialmodell, vor allem jenes, das nach dem 2. Weltkrieg, ordoliberal basierend, in Deutschland installiert wurde, als vorbildlich und wurde von Skandinavien und Dänemark übernommen, wenn auch in mehr oder weniger modifizierter Form. Die Skandinavier und Dänen ticken grundsätzlich nicht anders als die Deutschen, aber die Deutschen haben sich Ende des 20. Jhr. entschieden, dem bis dahin bewährten Teilhabe-Kapitalismus, auch Soziale Marktwirtschaft bzw. Rheinischer Kapitalismus genannt, „Adieu“ zu sagen und ihren ökonomischen Schwerpunkt auf die einst so verpönte Manchester-Ökonomie zu legen.

      Ich denke, nicht die Ideologien politisch „links“ oder „rechts“, „Freihandel“ oder „Sozialismus“ sollten unsere Denken und Handeln lenken, sondern allein der gesunde Menschenverstand. Eine Ökonomie, die wenige Menschen stinkreich, die meisten Menschen aber elendsarm macht, gilt es zu überarbeiten und das schreibe ich mit stark auf Deutschland gerichtetem Focus des 21. Jhr.

      Darüber hinaus hat mich während meiner autodidaktischen Kapitalismus-Studien überrascht, dass die Sozialisten im 19. Jhr. als konservativ galten, ihnen also kein (!) „linker Stallgeruch“ anhaftete, während die liberalen Freihandelspolitiker zu den Anarchisten zählten, also zu dem, was wir heute als politisch Links, gar als Riots, bezeichnen.

      Es hat im 20. Jhr. eine sehr erhebliche Verschiebung der Sinngebung unserer politischen Vokabeln stattgefunden. Beispielhaft dafür steht das Orwell’sche Neusprech im Roman „1984“.

      Sollte ich mit meiner Einschätzung der Dinge falsch liegen, möge mich Dr. Jahnke bitte berichtigen.

      Mit herzlichen Grüßen

      Gaby

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