2120

global news 2120 31-08-10: "Erholung" am Arbeitsmarkt weitgehend minderwertig oder künstlich oder demographisch

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One Response to 2120

  1. Gaby sagt:

    Godaften,

    ich werde zwar nicht auf die schauerliche Manipulation unserer Arbeitslosen-Statistiken eingehen, die mich Monat für Monat wegen ihrer Statistiktricks entsetzen, aber auf den demographischen Wandel.

    Es gibt in meinem Umfeld sehr intelligente, gut ausgebildete Menschen, die in gröbster sozialdarwinistischer Tradition behaupten, dass die deutschen Frauen deshalb so gebärunfreudig sind, weil unsere Produktivität so enorm hoch ist – und darauf sind wir stolz. Wir brauchen keinen Überschuss an Lohnsklaven, denn die Maschinen ersetzen die Menschen. Das spürt die Natur (unser Planet!) gerade so wie im Tierreich, Wenn ein Jahr schlechter Nahrung erwartet wird, geschieht eine natürliche Anpassung an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, es werden weniger Junge geboren oder die Zugvögel fliegen, bei einem erwarteten frühen Wintereinbruch viel früher aus Deutschland weg als sonst. Frauen gebären also deshalb weniger Kinder, weil es die Natur so will, weil wir nämlich so hochproduktiv industriell arbeiten.

    Als ich diese Argumentation vor wenigen Monaten von einer Freundin zum ersten Mal hörte, glaubte ich noch an eine intellektuelle Entgleisung, also wie aus heiterem Himmel ein besonders dumm schwadronierendes Exemplar eines Mitmenschen vor mir zu haben. Denkste! Diese Meinung ist viel weiter verbreitet, als ich es wahrhaben will. Hier haben wir es mit einer geistig-mentalen Anpassung an die ökonomische Wirkweise des Kapitalismus zu tun – anders kann ich mir solch krude, um nicht zu sagen idiotische Gedanken erklären.

    Was hat unser Planet mit seiner fortschreitenden Erderwärmung Positives mit dem Kapitalismus, also seinem Rückgang an überflüssigen menschlichen Lohnsklaven zu schaffen? Ich denke, Natur und Kapital sind völlig verschiedene Angelegenheiten. Die Natur, per fortschreitender Erderwärmung, wird siegen, nicht der von Menschen gemachte Kapitalismus, auch dann nicht, wenn deutsche Frauen immer weniger Kinder gebären. Unser Planet wird uns Menschen ganz einfach abschütteln, weil wir sein Ökosystem allzu sehr in Unordnung bringen durch die Förderung und Verbrennung tief versteckter fossiler Brennstoffe, mit denen wir unsere Maschinen alltäglich füttern.

    Das Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ von Erich Fromm, verlegt im Jahr 1955, neu aufgelegt im Jahr 1991, berichtet aus der Sichtweise des Psychoanalytikers und Philosophen:

    „Wie bereits im zweiten Kapitel dargelegt, folgt hieraus, dass man die seelische Gesundheit nicht als „Anpassung“ des einzelnen an die Gesellschaft definieren kann, sondern dass man sie ganz im Gegenteil als die Anpassung der Gesellschaft an die Bedürfnisse des Menschen definieren muss und dass es dabei darum geht, ob die Gesellschaft ihre Rolle erfüllt, die Entwicklung der seelischen Gesundheit zu fördern, oder ob sie dieser Entwicklung hinderlich ist. Ob ein Mensch gesund ist oder nicht, ist in erster Linie keine individuelle Angelegenheit, sondern hängt von der Struktur seiner Gesellschaft ab.

    Eine gesunde Gesellschaft fördert die Fähigkeit des einzelnen, seine Mitmenschen zu lieben, schöpferisch zu arbeiten, seine Vernunft und Objektivität zu entwickeln und ein Selbstgefühl zu besitzen, das sich auf die Erfahrung der eigenen produktiven Kräfte gründet.

    Ungesund ist eine Gesellschaft, wenn sie zu gegenseitiger Feindschaft und zum Misstrauen führt, wenn sie den Menschen in ein Werkzeug verwandelt, das von anderen benutzt und ausgebeutet wird, wenn sie ihn seines Selbstgefühls beraubt und es ihm nur insoweit lässt, als er sich anderen unterwirft und zum Automaten wird.

    […] Die eine, und zwar die heute populärste seelische Gesundheit, möchte uns einreden, dass die gegenwärtige westliche Gesellschaft und insbesondere der american way of life den tiefsten Bedürfnissen der menschlichen Natur entspricht und dass die Anpassung an diese Lebensweise seelische Gesundheit und Reife verbürgt. Anstatt sich zu einem Werkzeug der Gesellschaftskritik zu machen, werden die Sozialpsychologen hierdurch zu Apologeten des status quo. Ihre Vorstellung von „Reife“ und „seelischer Gesundheit“ entspricht der wünschenswerten Einstellung eines Arbeiters oder Angestellten in der Industrie oder in der Geschäftswelt. Die Definition, die Dr. Strecker von emotionaler Reife gibt, ist ein Beispiel für diese Auffassung von Anpassung. Er sagt:

    ‚Ich definiere die Reife als die Fähigkeit, es bei seinem Job auszuhalten, als die Fähigkeit, bei jedem beliebigen Job immer bessere Leistungen zu zeigen als verlangt werden, als Zuverlässigkeit, als Ausdauer bei der Ausführung eines Plans ohne Rücksicht auf auftretende Schwierigkeiten, als die Fähigkeit, mit anderen Menschen in einer Organisation und unter einer Autorität zusammen zu arbeiten, als die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, als Lebenswille, als Wendigkeit, Unabhängigkeit und Toleranz’ (E. A. Strecker, 1951)

    Was E.A. Strecker hier als Reife beschreibt, sind zweifellos die Tugenden eines guten Arbeiters, Angestellten oder Soldaten in den großen gesellschaftlichen Organisationen unserer Zeit. Es sind genau die Eigenschaften, die gewöhnlich in Annoncen erwähnt werden, in denen ein jüngerer leitender Angestellter gesucht wird. Für diesen Autor wie für viele andere, die wie er denken, ist Reife gleichbedeutend mit Anpassung an unsere kapitalistische Gesellschaft, wobei niemals die Frage gestellt wird, ob man sich an eine gesunde oder an eine krankhafte Lebensweise anpassen soll.“

    Soweit ein winziger Auszug aus einem der Bücher Erich Fromms, erstmals 1955 veröffentlicht, Seite 67/68 von 306 Seiten.

    Wenn ich mir nun das dumme Geschnuddel meiner Mitmenschen anhöre, die den demographischen Wandel mit der hohen Produktivität unseres Landes erklären, verdeutlicht es mir, wie seelisch KRANK die deutsche Gesellschaft mittlerweile, im Jahr 2010, geworden ist.

    Godnat, vi ses,

    Gaby

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