2116

global news 2116 27-08-10: Jeder Fünfte arm in Ost-Deutschland, fast um die Hälfte mehr als in West-Deutschland

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4 Responses to 2116

  1. Gaby sagt:

    Hallo in die Runde,

    ich empfinde es als Unverschämtheit, dass unsere Politiker zuerst die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammen legten = Hartz IV, gleichzeitig flächendeckende Mindestlöhne verhindern und späterdings das Ergebnis, nämlich fortschreitende Armut, scheinheilig bedauern bzw. den Grund der Armut darin zu finden glauben, dass armen Menschen halt den lieben langen Tag in der Hängematte liegen.

    Da kann BILD noch so viel von der angeblich faulen Unterschicht plappern, das von der Politik betriebene Spiel der Umverteilung des Volksvermögens von unten nach oben ist viel zu durchsichtig. Auch das Deckmäntelchen „Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit“ zieht immer weniger, denn immer mehr BundesbürgerInnen wird klar, dass der Staat nicht als Helfer in der Not auftritt, wenn er viel zu niedrige Löhne mit Steuergeld aufstockt, sondern in Wahrheit Unternehmer subventioniert.

    Ich habe mich jedenfalls in den letzten Wochen gewundert, wie häufig ich die richtige Einschätzung der Lage aus Mündern hörte, die bislang damit glänzten, völlig unpolitisch und unökonomisch zu sein. Die schreiende wirtschaftliche Ungerechtigkeit unseres Landes, die neuerdings häufige Kritik des Auslands an unserem lohngedumpten Exportwahn und das Klientelgemurkse unserer Mövenpick-Partei erzeugen einen solchen Unmut, dass selbst Thilo Sarrazin mit seiner außerordentlich geschmacklosen Polemik die aufgewühlten Wogen nicht wirklich in eine andere Richtung zu lenken vermag.

    Schönen Abend,

    Gaby

  2. Detlef sagt:

    Jeder Fünfte arm in Ost-Deutschland, fast um die Hälfte mehr als in West-Deutschland

    Wen wundert es? Nach der Wende wurden die paar Betriebe, die eine Überlebenschance gehabt hätten, für die obligatorische 1 DM aufgekauft systematisch demontiert, die Maschinen entweder verkauft oder (bei neuen Maschinen) in den Mutterfirmen wieder aufgebaut. Alleine bei uns (ehemals 60tausend Einwohner, jetzt noch 48tausend) gab es 12 Großbetriebe. Darunter vier der wenigen die weltweit anerkannt wurden und auch zu zwei Drittel für den Export produziert haben. Diese Betriebe wurden
    nach der Wende systematisch demontiert um potentielle Konkurrenz auszuschalten. Heute gibt es noch 2 dieser Betriebe, die aber so dermaßen abgebaut wurden das nur noch ein Bruchteil der damaligen Belegschaft in Arbeit und somit in Lohn und Brot kam.
    Das einzige was hier noch einen Teil der sonst tausenden Arbeitslosen auffängt sind Kleinstunternehmen im Dienstleistungs- und Servicebereich. Und unsere Region hat noch Glück im Unglück, es gibt Gegenden in Ostdeutschland, da wurde alles demontiert, die Arbeitslosenquote liegt dort jenseits von Gut und Böse. Einerseits will man die Menschen in diesen Regionen halten, andererseits wird nichts dafür getan das diese Menschen in ihrer Region eine Chance bekommen und sich ihren Lebensunterhalt dort auch verdienen können. Einziger Kommentar – die Ossis sind faul – das dem nicht so ist, sondern die Ossis dazu neigen ihre Regionen schweren Herzens zu verlassen und ihr Glück (und das Recht auf Arbeit) anderswo zu suchen, das wird sehr gerne ignoriert.
    Die einzigen Firmen/Unternehmen die hier wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, sind fast durchgehend Dienstleistungs- und Service-Unternehmen. Diese nehmen aber auch schon wieder ab da sich niemand diese Dienstleistungen leisten kann oder will. Dazu kommt die traurige Tatsache das das Lohngefälle West-Ost immernoch so gravierende Unterschiede aufweist, das Menschen aus den alten Bundesländern für die gleiche Tätigkeit hier im Osten garnicht aufstehen würden. Ein Mitarbeiter im Sicherheitsunternehmen (Wachdienst/Sicherheitsdienst/Geldtransport usw.) verdient im Osten zwischen 4,65€ und 7,85€. Für die gleiche Tätigkeit erhält ein Mitarbeiter in den alten Bundesländern ab 12€ aufwärts. Das diese Löhne im Osten durch H4 aufgestockt werden müssen liegt auf der Hand. Und hier schließt sich der Kreislauf.
    Bei gerechter Bezahlung und mehr Arbeitsplätzen gäbe es weniger Armut, es müßten weniger Steuermittel zur Aufstockung ausgegeben werden, es müßten weniger Zuwendungen durch Vater Staat finanziert werden, es bliebe mehr im Staatssäckel.
    Es ist schon traurig das diese Milchmädchenrechnung von jedem logisch denkenden Menschen erkannt wird, nur von unseren hochstudierten Politikern nicht!

    • globalnote sagt:

      Ich kann das aus meiner West-Erfahrung nur bestätigen. W-Deutschland hatte vor der Wiedervereinigung eine schwere Rezession. Dann kam der Vereinigungsboom, weil der ostdeutsche Markt vom Westen übernommen wurde und weil auch die Exportmärkte übernommen wurden. Großbagger fü den Kohletagebau, ein gutes ostdeutsches Exportprodukt, wurden z.B. fortan von Krupp (West) nach Indien exportiert und die Bundesregierung gab wahrscheinlich dafür auch noch Exportbürgschaften.

  3. Gaby sagt:

    Hallo Detlef und Mitlesende,

    Deinen Worten gebe ich Recht; ich denke ähnlich.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass einige Ressortleiter meines kollegialen Umfeldes herzlich lachten, als sie dereinst hörten, in Ostdeutschland würden „blühende Landschaften“ entstehen. Der allgemeine Konsens war: „Der Westen ist extrem produktiv. Da werden die neuen 18 Millionen Mitbürger in einem Aufwasch mit versorgt. Im Osten werden keine blühenden Industrielandschaften entstehen; Wettbewerber können wir nicht gebrauchen! Basta!“

    Damals verstand ich diese Worte nicht, weil mir nicht klar war, was „Produktivität“ tatsächlich bedeutet und wie enorm sie sich bis in die 1990er Jahre entwickelt hatte. Ich konnte mir beispielsweise nicht vorstellen, dass die Menschen in den neuen Bundesländern vom selben westlichen Lidl- bzw. Aldi-Management mitversorgt werden. Ich war so naiv anzunehmen, dass sich in Ostdeutschland neue Fabriken und Einzelhandelsunternehmen bilden würden. Denkste! Das, was Zukunft gehabt hätte, wurde vom Westen zerschlagen und westliche Firmen gründeten allenfalls Tochterunternehmen. Auch mein Arbeitgeber hat sich mit Ostdeutschland nicht abgegeben; er hat direkt in Polen, Rumänien und später in Russland und China expandiert, denn dort lässt es sich noch billiger und mit weitaus geringeren Regularien produzieren, als in Ostdeutschland, obwohl es im deutschen Osten von Menschen wimmelt, die für ortsansässige Arbeit fast jede unternehmerische Zumutung auf sich nehmen würden.

    Aus all diesen Gründen ist es für mich unerträglich, wenn pauschal von dummen, faulen Ossis geredet wird. Ich beteiligte mich nie an solcher Hetze und jetzt, wo ich ein bisschen mehr von der Ökonomie verstehe, habe ich sogar Argumente, die die Dummschwätzer wenigstens für einen Moment mundtot machen.

    Detlef, halte irgendwie die Ohren steif. Es mögen keine besseren Zeiten kommen, aber andere.

    Alles Gute!

    Gaby

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