2108

global news 2108 19-08-10: Große Emnid-Umfrage: 90 % wollen eine neue Wirtschaftsordnung – doch fast die Hälfte der Deutschen mit niedriger Bildung glauben noch immer an die Selbstheilungskräfte des Systems

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19 Responses to 2108

  1. Gordon sagt:

    Guten Tag,

    es ist natürlich einerseits erfreulich, dass die große Mehrheit dem herrschenden System skeptisch gegenübersteht. So langsam scheint in der Bevölkerung angekommen zu sein, dass nur sehr wenige vom Raubtierkapitalismus wirklich profitieren und sehr viele unter ihm zu leiden haben. Allerdings bin ich nicht überzeugt, dass auch die richtigen Entscheidungen getroffen werden um die Lage deutlich zu verbessern. Wie sonst erklärt man sich, dass bei der letzten Bundestagswahl viele auf die Kombination aus FDP und CDU gesetzt haben?

    In diesem Sinne: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

    Mit besten Grüßen

  2. Heiner sagt:

    Ich frage mich nur wo all diese kritischen Deutschen
    Geister bei der letzten Bundestagswahl waren?
    Wahrscheinlich zu Hause und haben anschließend über das Schei.. Wahlergebnis gemosert.
    MfG

  3. langweiler sagt:

    Es ist erwiesen, dass in Krisenzeiten eher konservativ gewählt bzw. die Orientierung konservativ ist statt das man/frau „radikale“ Positionen einimmt. Denn bei einer solchen Lösung weiß man nie, was passiert. Während das konservative in irgendeiner Weise abzuschätzen ist. „Es wird zwar schlimmer ….“ Aber eine völlige Umwandlung eines Systems ist mit sehr vielen Unbekannten behaftet.
    Natürlich soll es anders werden, aber ohne groß etwas zu verändern.

    Ein interessante Frage stellt sich aber: Warum haben viele Hartz 4 Empfänger die FDP gewählt? oder wählen die „dümmsten“ (ich möchte damit nicht die Hartz 4 Empfänger als dumm hinstellen, denn darunter gibt es auch Personen mit höherem Bildungniveau) Kälber ihre Metzer selber?

  4. Heiner sagt:

    @langweiler: Frage:
    wieviele Hartz IV Empfänger haben denn FDP gewählt?
    Quelle bitte angeben.
    Der Rest, der FDP gewählt hat,hat seine Stimme eh umsonst abgegeben( ausser den Hoteliers)
    MfG

  5. Detlef sagt:

    – fast die Hälfte der Deutschen mit niedriger Bildung glauben noch immer an die Selbstheilungskräfte des Systems –

    Wen verwundert es. Doch ist es wohl eher der immer stärkeren Desinformation durch steigendes Desinteresse und Resignation zuzuschreiben.
    Der am meisten gehörte Satz lautet:
    „Es ist doch egal wen ich wähle, die betrügen uns doch alle, da wähle ich garnicht“.
    Alleine durch dieses Nicht-Wahl-Verhalten war es doch erst CDU und FDP möglich die Regierungsmacht an sich zu reißen.
    Die Medien spielen bei den Deutschen mit niedriger Bildung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zwar wird kaum noch Zeitung gelesen (mit Außnahme von Bild, Spiegel, Welt, und wie die Klatschspalten alle noch heißen) aber durch gezielte Manipulation im Fernsehen, was ja des Deutschen liebstes Kind ist, wird dieser Gruppe immer wieder die „Heile Welt“ suggeriert, dort wird auf Weisung von „ganz oben“ gelogen, getäuscht, beschönt, ohne im geringsten sich der moralischen Schuld dem Zuschauer gegenüber bewußt zu sein.
    Die typische Reaktion der Deutschen mit niedriger Bildung:
    „Das hab ich im Fernsehen gehört, das muß ja stimmen“.
    Nimmt man nun noch die beschönigten und für einen Deutschen dieser Gruppe garnicht nachvollziehbaren Zahlenspiele die ständig durch die Bundesregierung, die sogenannten Wirtschaftsweisen, den öffentlichen Ämtern und Stellen veröffentlicht werden, kommt diese Gruppe schnell zu dem Ergebnis das doch alles halb so wild sei.
    Dazu kommen die ständigen Versprechen und Schein-Zusagen an das Volk, man nehme nur den plötzlichen Umschwung der FDP zu einer Rente ab 60, und schon ist alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Das auch dies nur ein weiterer geschickte Schachzug ist wird doch von diesen Menschen garnicht erkannt.
    Die immer stärkere Verdummung wird durch die Politik mit voller Absicht in Kauf genommen, der „dumme“ Bürger ist ein leicht zu führendes Schaf, er merkt nicht mal wenn es zur Schlachtbank geht, man muß nur überall bunte Luftballons verteilen, dann tanzt er auch auf seiner eigenen Beerdigung.

  6. Gaby sagt:

    Guten Abend in die Runde,

    es macht mich stutzig, dass ausgerechnet die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden hat, dass 1001 Deutsche und 1000 Österreicher kein Wachstum um jeden Preis wollen. Wäre ich eine Bertelsfrau, würde ich mich erleichtert aufatmend in meinen bequem gepolsterten Ledersessel fallen lassen, denn diese Studie zeigt, dass die Deutschen und Österreicher prinzipiell nicht gegen den Kapitalismus sind, sondern nur ein paar seiner Auswüchse abrasiert haben wollen.

    Die Wirtschaftskrise hat aus uns also keine wütenden, brandschatzenden und mordenden Maschinenstürmer und Ludditen gemacht, sondern lediglich zu systemkritischer innerer Einkehr im Kreise unserer Familien geführt und der Gummibaum erlebt vermutlich am deutschen Wohnzimmerfenster eine Renaissance. Der Kapitalismus wird grundsätzlich nicht in Frage gestellt, also ist die Welt für unsere einflussreichen Wirtschaftsmagnaten trotz andauernder Wirtschaftskrise in Ordnung; allein die Politiker müssen bei den nächsten Wahlen Ungemach fürchten. Den ein oder anderen Bürger dürfte seine Nachdenklichkeit zu einem politischen Richtungswechsel bewegen.

    Aber wieso werden neben den Deutschen nur die Österreicher befragt, nicht die Schweizer? Ich schätze, das hat etwas mit dem anno 2004 von der Bertelsmann-Stiftung gegründeten Salzburger Trilog zu tun. Der S-Trilog ist ein Hintergrundgespräch für elitäre Entscheidungsträger und Meinungsbildner im Rahmen der Salzburger Festspiele. Die Gesprächsleitung hat der ehemalige österreichische Bundeskanzler Schüssel seither inne; die Diskussionspapiere liefert die Bertelsmann-Stiftung. Wer sich mit der Person Schüssel beschäftigt, trifft sehr bald auf den Politiker Haider, den sein Rechtsdrall in einer per Auto allzu rasant genommenen Rechtskurve tödlich verunfallte.

    Ein elitäres Hintergrundgespräch muss nichts Schlechtes sein, aber wenn man weiß, dass die Bertelsmann-Stiftung demokratische Entscheidungsfindungen und offene Diskussionen ersetzt durch Steuerungsverfahren der neoliberalen Betriebswirtschaftslehre, dem schwant nichts Gutes, denn die Übertragung der Erkenntnisse aus der Betriebswirtschaftslehre auf alle gesellschaftlichen Bereiche ist zentraler Bestandteil der Gütersloher Bertelsmänner und -frauen, deren Maß aller Dinge die Effizienz ist. Es wird beispielsweise viel über Bildung geredet, aber in Wirklichkeit geht es nur um deren Finanzierung und Privatisierung (Beispiel: Studiengebühren).

    Per Umfragen, Ratings und Rankings werden die angeblichen Wohltaten des Wettbewerbs und der Privatisierung breiten Bevölkerungsschichten schmackhaft gemacht. Nicht umsonst kommen die Ideen und der entsprechende politische Druck der Realisierung der Agenda 2010 inklusive Hartz IV aus dem Hause Bertelsmann.

    Die von Bertelsmann bei EMNID in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Bürger wollen kein Wachstum um jeden Preis“ lässt in meinen Augen nichts anderes erkennen, als dass ein verschwindend winziger Bruchteil der Deutschen und der Österreicher zwar nicht wollen, dass der Kapitalismus seine Kinder frisst, aber durchaus bereit sind, weitere neoliberale Reformschritte zu akzeptieren und mitzutragen.

    Kann eigentlich von einer repräsentativen Umfrage gesprochen werden, wenn von einem 80 Millionen zählendem Volk, das auf deutschem Boden lebt und einem 8,5 Millionen zählendem österreichischen Volk gerade mal im ersteren Falle 1001 und im zweiten 1000 Bürger und Bürgerinnen befragt werden? Inwiefern habe ich diese Studie also als pure meinungsmachende Manipulation einzustufen, die letztlich meine und Eure Gedanken verändern soll?!

    Mit herzlichen Grüßen

    Gaby

    • globalnote sagt:

      Ich finde die Umfrage schon interessant, auch wenn die Schweizer nicht eingebunden sind. Österreich ist immer ein guter Vergleich für Deutschland, und in diesem Fall sind die Menschen dort offensichtlich kritischer. Das Ergebnis der Ablehnung der derzeitigen Wirtschaftsordnung ist schon sehr deutlich, so daß der Bertelsmann-Chef gleich wieder die Soziale Marktwirtschaft beschwören muß, die allerdings von ihm mit der INSM gerade bekämpft wird.

      Wo in der Befragung Meinungsmanipulation liegen soll, verstehe ich nicht. Wir sollten uns doch eigentlich freuen, daß so viele Menschen durch die Krise so kritisch geworden sind, auch wenn sie (Gott sein Dank) nicht gleich zu Brandlegern werden. Wir sollten beten, daß sie kritisch bleiben und entsprechend wählen. Auch finde ich den Zusammenhang mit dem Bildungsniveau sehr überzeugend.

      Laßt uns doch nicht immer gleich alles Zerreißen, auch das, was uns eigentlich in den Kram passen sollte!

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

      • Gaby sagt:

        Hallo, Herr Dr. Jahnke und Mitlesende,

        ich habe mein Misstrauen gegenüber der Studie aus gutem Grund geäußert und zwar unter dem Eindruck der katastrophalen Ereignisse der Großen Depression im 20. Jhr. Diese Wirtschaftskrise war derart schlimm, dass nicht nur die einfachen Menschen den Kapitalismus in Frage stellten, sondern auch die Eliten an seinem Sinn und Zweck zweifelten. Die Wirtschaftsordnung stand gefährlich nah auf der Kippe!

        Keynes ist nicht aus reiner Menschenliebe auf seine Theorien einer Neuordnung des kapitalen Marktes gekommen, sondern er wollte den Kapitalismus schlicht und einfach retten, indem er vorschlug, das Geld künftig gerechter zu verteilen, statt Almosen und Löhne nach Gutdünken zu verteilen.

        Nach dem zweiten Weltkrieg war die ökonomische Stimmung unter den Deutschen derart katastrophal, dass 3/4 der Deutschen lieber Sozialisten oder Kommunisten geworden wären, statt sich noch einmal auf die freie Marktwirtschaft einzulassen. Die Alliierten verordneten uns Westdeutschen trotzdem die zuvor gescheiterte Marktwirtschaft, wenn auch nun mit den ausgleichenden Rezepten Keynes gepolstert. Die Soziale Marktwirtschaft, die sich nun entwickelte, war vermutlich die beste Marktordnung, die wir im Kapitalismus je erlebt haben.

        Nun haben wir seit 2007 wieder eine kolossale Wirtschaftskrise. Was liegt also näher, als dass unsere Meinungsführer per Umfragen ausloten, inwieweit der neoliberale Kapitalismus noch auf Akzeptanz stößt? Für unsere Geld- und Machtmenschen ist es eminent wichtig zu wissen, in welcher psychischen Verfassung sich die Deutschen und auch die Österreicher befinden. Ich schätze, dass es solche Umfragen auch in anderen kapitalisierten Ländern gibt.

        In meinen Augen ist das aktuelle Umfrageergebnis harmlos. Von der Empörung, die die Menschen im 20. Jhr. empfanden, ist heute meines Erachtens nichts zu spüren. OK, wir sind ein wenig nachdenklicher, gar kritischer geworden, aber das System an sich wird ganz offensichtlich nicht in Frage gestellt. Unsere Wirtschaftsführer können erst einmal so weiter machen wie bisher, nämlich eine Politik verfolgen, die die ökonomischen Ungleichgewichte nur noch mehr verstärkt.

        Diese Studie ist deshalb ein Stück weit Manipulation, weil sie zeigt, dass sich um unsere Verfasstheit gekümmert wird. Sie zeigt, dass die Menschen sich Gedanken machen und sie zeigt, dass wir unsere aufkeimenden Zweifel mit vielen anderen Menschen teilen. Die Studie erzeugt also ein gewisses Gefühl der Gemeinsamkeit und dieser Kuschelfaktor beruhigt unsere Seelen. Dieses umsorgte Gemeinschaftsgefühl verleitet dazu, sich darauf zu verlassen, dass es unsere Eliten schon zum Guten richten werden, statt endlich Eigeninitiative zu entwickeln, wie beispielsweise regelmäßig zur Wahlurne zu gehen und sich zuvor intensiv mit den einzelnen Parteiprogrammen auseinander zu setzen.

        Ich wünsche Euch allen einen schönen Tag,

        Gaby

      • globalnote sagt:

        @Gaby,

        Die ökonomische Stimmung war nach dem 2. Weltkrieg nur so schlecht, weil alles kaputt war. Doch das dauerte nicht lange, weil unter CDU-Führung sehr schnell der Wiederaufbau kam und die Menschen nach der Währungsreform sehr optimistisch wurden. Es stimmt sicher nicht, daß ¾ der Deutschen lieber Sozialisten oder Kommunisten geworden wären. In den ersten freien Wahlen von 1949 hatten SPD und KPD zusammen nur 34,9 % der Stimmen, davon die KPD nur 5,7 %.

        Sie geheimnissen viel zu viel in solche Umfragen hinein. Sie werden immer wieder angestellt und nicht, weil die Geld- und Machtmenschen das brauchen, denn die würden dann Umfragen machen, die sie nicht veröffentlichen, zumal wenn sie eine solche Systemabneigung zeigen. Denn das Ergebnis dieser Umfrage kann die Systemabneigung doch nur noch verhärten und das ist sicher nicht im Interesse der Machtelite.

        Wenn Sie mit einer Empörung im 20. Jhdt vergleichen (nach dem 2. Weltkrieg war die Lage ganz anders – siehe oben), müssen Sie berücksichtigen, daß es den Menschen im Durchschnitt heute viel besser geht als in den 30er Jahren und das soziale Netz trotz aller Löcher viel besser ist. Sie sollten auch berücksichtigen, daß wir heute im Durchschnitt eine viel ältere Bevölkerung haben, die weniger leicht auf die Straßen geht. Und Sie sollten bitte vor allem berücksichtigen, daß die anderen Systeme von Kommunismus und realem Sozialismus inzwischen alle elend gescheitert sind. Was sollen da radikalere Forderungen?

        Daß aber 90 % sich nach einem anderen Wirtschaftssystem als Folge der Krise sehnen, finde ich schon beachtlich. Das sollte wirklich nicht verniedlicht oder als unwichtig zur Seite geschoben werden.

        Nicht die Umfrage selbst ist „als pure meinungsmachende Manipulation“ einzustufen, sondern der Versuch der Interpretation ihrer Ergebnisse. Die aber ist jedem selbst überlassen. Man muß doch nicht auf den Leim des Bertelsmann-Chefs gehen. Übrigens hat BILD, das übliche Rechts-Sprachrohr bis heute die Umfrage verschwiegen, soweit ich das sehen kann.

        Wenn Sie schreiben „Die Studie erzeugt also ein gewisses Gefühl der Gemeinsamkeit und dieser Kuschelfaktor beruhigt unsere Seelen“, so mag das bei Ihnen so sein, bei mir jedenfalls nicht. Eine solche Interpretation grenzt für mich schon an Zynismus. Eher halte ich das Ergebnis, daß sich Mehrheiten nach einer anderen Wirtschaftsordnung sehnen und nach mehr Solidarität für authentisch, wobei leider noch ein Bildungsfaktor mitspielt. Wenn Sie ein Gefühl der Gemeinsamkeit stört und Sie das als Kuschelfaktor abqualifizieren, dann weiß ich wirklich nicht warum??

        Noch einmal: Laßt uns doch nicht Alles ins Negative drehen, damit es noch besser in eine Untergangsstimmung paßt. Mit diesen Umfrageergebnissen kann man politisch positiv arbeiten, es sei denn, man träumt von Kommunismus/Sozialismus, der nie kommen wird.

        Beste Gruesse
        Joachim Jahnke

  7. dieSimpsons sagt:

    die Umfrage passt mit den Zielen einer NWO gut zusammen. Mehr muss man dazu nicht sagen.

    • globalnote sagt:

      @dieSimpsons,

      Nur wenn man versucht, ihre Ergebnisse umzuinterpretieren. Doch da ist der Versuch des Bertelsmann-Chefs für mich nicht sehr überzeugend.

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

  8. Gaby sagt:

    Hallo, Herr Dr. Jahnke,

    herzlichen Dank für Ihre nachdenkenswerten Worte. Vielleicht verhalte ich mich gegenüber der Bertelsmann-Stiftung tatsächlich zu misstrauisch. Das schließe ich nicht aus.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gaby

    • globalnote sagt:

      Hallo Gaby,

      Es ist ja nicht die Bertelsmann-Stiftung, die die Umfrage macht, sondern Emnid und letztere können sich eigentlich keine Manipulationen leisten. Die Bertelsmann-Stiftung versucht hinterher das Ergebnis manipulierend zu interpretieren. Habe nur die eigentliche Umfrage gegen Ihr Mißtrauen in Schutz genommen, nicht natürlich Bertelsmann, denen ich genauso wie Sie mißtraue, zumal sie treibende Kraft hinter INSM sind.

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

      • Gaby sagt:

        Guten Abend, Herr Dr. Jahnke,

        ach, jetzt verstehe ich!

        Sie haben Ihren Focus auf das Ergebnis der Studie gerichtet, ich hingegen nur (!) auf den Auftraggeber, dem ich ganz selbstverständlich zynischste Manipulation und inhumane, neoliberal gesteuerte Verwurstelung der Ergebnisse unterstelle. Hätte irgendeine Gewerkschaft oder ein gewerkschaftsnahes Institut die gleiche Studie in Auftrag gegeben, hätte ich mich nie und nimmer so aufgeregt, auch wenn nachträglich natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass Bertelsmann, die Soziale Marktwirtschaft oder die INSM die Ergebnisse manipulativ missbrauchen. Die Ungeheuerlichkeit bestand für mich in dem Fakt, dass es ausgerechnet die Bertelsmann-Stiftung war, die die Befindlichkeit der Deutschen und Österreicher ausloten ließ.

        Zugegeben, die Ergebnisse der Studie sind überraschend. Ich hätte nicht erwartet, dass es derzeit mehrheitlich kapitalismuskritische Menschen gibt, die über materiellen Verzicht und Umweltschutz nachdenken. Zu Zeiten der echten Sozialen Marktwirtschaft war das in meinem Dunstkreis jedenfalls nicht so; da wurden Menschen mitleidig belächelt, die aus freien Stücken sehr bescheiden lebten, schlimmstenfalls sogar als Gammler beschimpft. Jedoch bleibt die Frage unbeantwortet, ob die kritische Haltung und die Hinwendung zu immateriellen Dingen auch dann noch vorhanden ist, sollten die Menschen eines fernen Tages mehrheitlich vom zarten Aufschwung finanziell profitieren.

        Schade, dass ich die von EMNID gestellten Fragen nicht kenne; mich hat das Institut nicht angerufen.

        Warum nun ausgerechnet schlechter gebildete Menschen eher zufrieden sind mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, gar noch an die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben, ist mir absolut schleierhaft, denn es dürften ausgerechnet sie sein, die die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, also weiter schrumpfende Löhne und wachsende prekäre Arbeitsverhältnisse zu spüren bekommen. Dazu passt, dass die BILD, der „Anwalt der kleinen Leute“, soweit ich das per Internetrecherche beurteilen kann und Sie es bereits erwähnten, keine Zeile zu dieser Studie veröffentlicht hat. Sonst macht sie doch aus jeder mehr oder weniger winzigen „Ungeheuerlichkeit“ eine Monsterschlagzeile.

        Vielleicht liegt es daran, dass Kapitalismusmüdigkeit in den Augen der BILD-Macher einer Blasphemie des Götzen KAPITAL gleichkommt und sie das besser nicht publik machen wollen. Vielleicht wollen sie auch einfach nur ihre Hände rein halten nach dem Motto: „Wir haben mit dem wachsenden Unmut der Bevölkerung nichts zu tun!“

        Diese ganze Verzagtheit der BILD-Gestalter ändert aber nichts an meinem persönlichen Eindruck, dass die gesellschaftlichen Umwälzungen der kapitalistischen deutschen Gesellschaft in den letzten 200 Jahren von der Mitte der Gesellschaft ausgingen; leider auch Diktatur und Krieg. Sollte sich die aktuelle kritische Haltung des Mittelstandes gegenüber dem neoliberalen Kapitalismus nicht zurück bilden, kann ich mir vorstellen, dass über kurz oder lang ein humanerer Kapitalismus erzwungen wird und zwar mit den demokratischen Mitteln, die jedermann und jederfrau in Deutschland zur Verfügung stehen.

        Insofern gebe ich Ihnen absolut Recht, dass wir nicht im Ansatz zerreißen sollten, was uns wieder in den milden Rheinischen Kapitalismus bringen könnte. Das sehe ich jetzt, nach unserer klärenden Diskussion; gestern und heute früh übersprang ich Ihr weises Wort, da mein Blick durch die Krake Bertelsmann verstellt war.

        Mit lieben Grüßen

        Gaby

  9. TÜLAI sagt:

    Lieber Herr Dr. Jahnke,

    meine Anmerkungen richten sich nicht gegen Sie. Allerdings habe ich grundsätzlich Zweifel an der Aussagekraft von Umfragen.

    1.) Ich selber könnte den Ausdruck „neue Wirtschaftsordnung“ gar nicht mit Inhalt füllen. Ich weiß nicht, ob überhaupt eine verbindliche Worterläuterung existiert. Es war ins Belieben jeder Umfrage-Teilnehmerin gestellt, sich darunter einen wünschenswerten Inhalt vorzustellen.
    – – – – – – – – – – – – – – – –

    2.) Die Ausdrücke
    „Schutz der Umwelt“;
    „sorgsamer Umgang mit Ressourcen“;
    „sozialer Ausgleich“
    wurden den Umfrage-Teilnehmerinnen von den Erstellern der Umfrage vorgegeben.
    Alle diese Ausdrücke dürften bei vielen Personen diffuse positive Assoziationen wecken. Doch mangels konkreter Worterläuterungen durch die Ersteller der Umfrage blieben sie Worthülsen, die jede Umfrage-Teilnehmerin mit eigenen Assoziationen befüllen konnte und musste.
    – – – – – – – – – – – – – – – –

    3.) Umfrageergebnisse sind häufig von der sprachlichen Formulierung der Frage abhängig. Man hätte beispielsweise stattdessen konkret formulieren können:

    „Sind Sie persönlich bereit, zwecks Umweltschutzes und sorgsamen Ressourcenumganges auf Urlaubsflugreisen und Wochenendautofahrten zu verzichten?“

    „Soll die EU-Kommission über die Zulässigkeit bzw. das Verbot des Verkaufs von Leuchtmitteln für Lampen (Glühbirnen mit Glühfaden, Energiesparlampen, LED-Leuchten etc.) aus Gründen des Umweltschutzes und sorgsamen Ressourcenumganges entscheiden dürfen?“

    Wie wissen nicht, wie die Umfrageergebnisse dann ausfielen.
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    4.) Sogenannte „weiche Werte“ kosten auf privater und gesellschaftlicher Ebene Geld:
    – künstliche Hüft- und Kniegelenke
    – Herzschrittmacher
    – Versorgung von Harnblasen-Inkontinenz (bei Frauen viel häufiger als bei Männern)
    – Versorgung von Demenzkranken
    – Familie: jahrelanger Musikunterricht für Kinder
    – Partnerschaft: Als ein banaler Grund für die Zerrüttung vieler Ehen in Deutschland nach 1945 werden ihre beengten Wohnverhältnisse genannt. Die Partner konnten sich bei Streitigkeiten schlicht nicht für eine Weile aus dem Weg gehen.
    – Das Verfügen über großen materiellen Wohlstand erhöht den Grad an selbstbestimmtem Leben, wenn keiner Erwerbsarbeit nachgehen braucht und frei entscheidet, wie man seine Lebenszeit verbringt.

    Wie können wir sicherstellen, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft für die nächsten Jahrzehnte genug Geld umzuverteilen hat? Bei stagnierender Volkswirtschaft dürfte es noch härter werden als bei schwach wachsender.
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    5.) zu Ihrer Info-Graphik 15263:
    Der Umfragebefund, dass viele Befragte nicht an eine Steigerung der eigenen Lebensqualität in Folge höheren Wirtschaftswachstums glauben, ist hinsichtlich des Grundes ihrer Antwort deutbar und deutungsbedürftig.

    Eine mögliche Deutung kann lauten:
    Viele Befragten glauben nicht mehr, dass sie persönlich von einer volkswirtschaftlichen Steigerung der statistischen Kennzahl Bruttoinlandsprodukt (= BIP) profitieren. Das mehr erwirtschaftete BIP geht also an ihnen vorbei. Den Mehrgewinn streichen sehr wenig andere ein.

    Falls die Teilnehmerinnen die Frage so verstanden, folgt daraus nicht, dass sie eine Politik des Wirtschaftswachstums ablehnen oder sie ihnen gleichgültig ist. Ihre Antwort würde eher vermuten lassen, dass sie einen Mangel an Verteilungsgerechtigkeit erleben.
    So verstanden, würde erklärbar, warum mit 67% bzw. 73% ein besonders hoher Anteil der über 59-Jährigen (also dem Ruhestandsalter nahe Personen) selber nicht mehr viele Vorteile vom Wirtschaftswachstum erwarten.
    – – – – – – – – – – – – – – – –

    Ich bin sehr für das, was ich selber mit den in der Umfrage so benannten „weichen Werten“ verbinde. Allerdings sind diese „weichen Werte“ meines Erachtens nicht weniger materiell als die traditionellen harten, materiellen Werte.

    Ein Musikinstrument ist ein materieller Wertgegenstand; und das jahrelange, geduldige Erlernen seines Spielens erfordert Mußezeit, in der man nicht für Geld arbeiten braucht, sondern sein Geld für Musikunterricht ausgeben kann.

    Ich halte es für falsch und irreführend, eine begriffliche Trennlinie zwischen materiellen und immateriellen Werten ziehen zu wollen.

    Viele Grüße
    TÜLAI

  10. Heinz Göd sagt:

    Hallo, Herr Dr. Jahnke und Mitlesende,

    ‚Neue Wirtschaftsordnung‘ ist ein schwammiger Begriff,
    unter dem sich jede/r Gefragte ettwas anderes vorstellen kann
    und der dann bei der Auswertung entsprechend mehrere Deutungen zulässt.
    Die Bertelsmann Stiftung setzt denn auch ‚Neue Wirtschaftsordnung‘
    mit ‚Soziale Marktwirtschaft+Korrekturen‘ gleich.
    Auf home.pages.at/goedhe/GOD_Deutsch/Zusammenarbeit/IQOAsD [Achtung: Link von mir (Joachim Jahnke) entfernt, da nach Norton Virenkontrolle die Webseite eine Virengefahr birgt] sind einige neuere Denkansätze für eine ‚Neue Wirtschaftsordnung‘ zusammengestellt. Eine echte ‚Neue Wirtschaftsordnung‘ bringt auch einen anderen Lebensstil. Dieser muss aber nicht zwingend Verzicht mit sich bringen, eine sinnvoller eingesetzte Technik könnte durchaus auch den Lebensstandard erhöhen – wobei ‚hoch‘ und ’niedrig‘ vermutlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Eine ‚Neue Wirtschaftsordnung‘ bedarf daher wohl einer einer Informations-Kampagne, breiter Diskussion und erst dann einer Umfrage.

    • globalnote sagt:

      @ Heinz Göd,

      Vielen Dank. Daß so große Mehrheiten mit der derzeitigen Wirtschaftsordnung nicht mehr zufrieden sind, finde ich schon beachtlich und sollte durch Meckerei an der Umfrage nicht weggeschoben werden, zumal die Umfrage dem Unbehagen mit weiteren Fragen noch weiter nachgeht. Mit Verlaub: Wenn Sie meinen, eine ‘Neue Wirtschaftsordnung’ bedürfe einer Informations-Kampagne und breiter Diskussion, bevor eine Umfrage stattfinden darf, und in diesem Zusammenhang dann auf einige neuere Denkansätze von Ihnen verweisen, so scheint mir das etwas überzogen. Oder verstehe ich Sie falsch?

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

      • Heinz Göd sagt:

        Sehr geehrter Herr Dr. Jahnke,

        Ja, Sie verstehen mich falsch,
        habe mich wahrscheinlich nicht klar genug ausgedrückt.
        Eine Umfrage kann/darf man selbstverständlich immer durchführen.
        Dann weiß man z.B: bei dieser, dass eine beachtliche Mehrheit der Befragten mit dem bestehenden Wirtschaftssystem unzufrieden ist.
        Aber meiner Meinung nach ändert sich dadurch noch nichts.
        Wenn die Menschen wirklich eine ‚Neue Wirtschaftsordnung‘
        verwirklichen wollen, dann bedarf es wohl mehr als einer Umfrage.

        Auf der Webseite sind konkrete Ideen für eine ‚Neue Wirtschaftsordnung‘ von mehreren Menschen, nicht nur von mir.
        Dass sie bereits mit Viren attackiert wird,
        stimmt mich nachdenklich.

        Grüße
        Heinz Göd

      • globalnote sagt:

        @ Heinz Göd,

        Natürlich reicht eine Umfrage nicht aus, um die Welt zu verändern. Das habe ich auch nie behauptet.

        Wegen der Vireninfektion (offensichtlich zwei verschiedene Viren) sollten Sie die Webseite nicht als Quelle angeben; habe Ihren Link hier deshalb enfernt. Die Viren müssen Sie nicht unbedingt nachdenklich stimmen; offensichtlich fehlt einfach der notwendige Virenschutz (habe meinen gerade aktualisiert).

        Beste Gruesse
        Joachim Jahnke

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