2072

global news 2072 21-07-10: Der große Irrtum: 91 % an globaler Staatsverschuldung ist immer noch dauerhaft strukturell und nicht krisenbedingt

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2 Responses to 2072

  1. Gaby sagt:

    Guten Abend, Herr Dr. Jahnke und Mitlesende,

    sicher haben Sie mit Ihrer Darstellung recht, aber ich erlaube mir, Zweifel daran zu hegen, dass die „Lawine“, also der kapitalistische Abwärtstrend, per saftiger Reichensteuern aufzuhalten ist.

    Zwar erklären Sie nachvollziehbar, wie es zur hohen Staatsverschuldung gekommen ist, aber trotzdem bleibt mir schleierhaft, warum unsere derzeitige Verschuldung ein Ausmaß angenommen hat, das man historisch nur aus Kriegszeiten kennt. Befinden wir uns seit den 1970er etwa im Krieg – und kaum jemand hat’s gemerkt?

    Ich denke, die Initialzündung der hohen Staatsverschuldung der westlichen Welt ist in dem Umstand zu finden, dass die westlichen Industriestaaten in den 1970er Jahren konsumtiv auf Pump einsprangen, um die lahmende Konjunktur, die durch die 3. Industrielle Revolution ausgelöst wurde, wieder anzukurbeln und dabei unbeabsichtigt eine beängstigende Inflation, gar im zweistelligen Bereich, auslösten, die nun wiederum die bis dato nur im Untergrund rumorenden Neoliberalen ziemlich selbstbewusst auf den Plan riefen, indem sie erklärten, Keynes „Allgemeine Theorie“ ist ein für allemal widerlegt.

    Ich vermute also, dass längst die Balance zwischen Angebot und Nachfrage desaströs aus dem Ruder gelaufen ist, weil es schlichtweg viel mehr produzierte Güter gibt, die sich ja wieder in Geld verwandeln sollen/müssen, denn sie sind per Kredit produziert worden, als sie jemals von der Weltbevölkerung verkonsumiert werden könnten, auch wenn alle Lohnabhängigen dieser Welt einen Superlohn erhielten.

    Ich spreche von dem, was mich derzeit am meisten bewegt, nämlich die ungeheuren Produktivkräfte des produzierenden Gewerbes und der Agrarwirtschaft mit gleichzeitigem Wegbrechen von Millionen von Arbeitsplätzen seit den 1970er Jahren. Ein Prozess, der bis heute nicht gestoppt ist, sondern sich fortsetzt, indem aus Vollzeitstellen halbe oder geliehene gemacht werden. Mir deucht, dass der Kapitalismus spätestens jetzt an eine innere Schranke stößt, die er, ob aller historischer Zähigkeit, vermutlich nicht überwinden kann. Und wenn dem so ist, dann erleben wir seit ca. 30 Jahren tatsächlich einen kapitalistischen Kampf, einen inneren Krieg der von Menschen einst erdachten und realisierten Ideologie, die sich Kapitalismus nennt.

    Darüber hinaus halte ich unsere Sozialstaatlichkeit mittlerweile für einen Mythos. Wenn man sich anschaut, wie die Menschen des Mittelalters die Altersvorsorge und Wohlfahrt betrieben, ist das, was wir heute erleben eine Farce, nämlich eine Umkehrung der Verhältnisse. Damals mussten die Reichen, ob sie es wollten oder nicht, tatsächlich für die Armen sorgen. Heute sorgt vor allen Dingen die Mittelschicht dafür, dass sie selbst im Falle wirtschaftlicher Not nicht ins Elend versinkt. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen der Lohnabhängigen; die Reichen beteiligen sich in unseren modernen Zeiten kaum am Gemeinwohl und werden von unseren Politikern immer stärker aus der sozialen Verantwortung genommen.

    Der deutsche Staat hat seit dem ausgehenden 19. Jhr. die Verwaltung der dürren sozialen Mildtätigkeiten übernommen, deren Gelder er bis heute vor allem von der Mittelschicht eintreibt und, sofern es der Wirtschaft gut geht, unter vielen Schikanen eventuell an Arbeitslose und Bedürftige verteilt. Rentner erhalten ihre Renten schikanelos; im Gegenzug wird die Rente seit geraumer Zeit jedoch für später Einsteigende bereits schon gekürzt.

    Die Historie zeigt, dass in kapitalistischen Krisenzeiten kaum mehr Geld da ist, Renten und Sozialleistungen zu zahlen; das war nach dem 1. Weltkrieg, in der Weimarer Republik und kurze Zeit nach dem 2. Weltkrieg so. Es wird gekürzt und zusammengestrichen, was das Zeug hält. Spendabel zeigt sich der Sozialstaat nur dann, wenn die Wirtschaft brummt, wie in den Goldenen Jahren der Bundesrepublik Deutschland, also zwischen den Jahren 1955 – ca. 1980. Wir erleben es derzeit wieder, dass am Sozialen gekürzt und gekürzt wird. Ich befürchte also, dass unser Staat uns im weiteren Verlauf dieser Wirtschaftskrise nicht nur das letzte Hemd nimmt, sondern gar in unser Fleisch schneidet.

    Und noch etwas halte ich lediglich für die Hoffnung sozial aufrichtig mitfühlender Menschen, nämlich dass die Reichen, um den Abwärtstrend der Staatsfinanzen abzumildern, tatsächlich stärker zur Kasse gebeten werden. Da werden eher Aliens auf der Erde landen, als dass sich ein Politiker wagen würde, den Reichen in den prall gefüllten Geldbeutel zu greifen. Meine dunkle Befürchtung stützt sich auf die neoliberale Ideologie, die felsenfest davon ausgeht, dass der Reichtum weniger Menschen ganz selbstverständlich heruntertropft auf die Masse der Lohnabhängigen und dort, per unsichtbarer Hand, Arbeitsplätze und Wohlstand schafft. Zwar haben die letzten 15 Jahre ganz und gar das Gegenteil gezeigt, es wird aber trotzdem unbeirrbar an diesem Irrglauben festgehalten.

    Ich hoffe, niemand ist mir gram, weil ich meinen tölpelhaften Gedanken in diesem Thread mutig freien Lauf lasse und gerne lasse ich mich von Euch allen eines Besseren belehren, denn es ist möglich, dass meine schlichten Überlegungen, aus lauter Unkenntnissen die Ökonomie betreffend, in eine falsche Richtung laufen, ich also unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu düster einschätze.

    Mit lieben Grüßen und alles Gute,

    Gaby

    • globalnote sagt:

      @Gaby,

      Ich habe nicht von einer Reichensteuer gesprochen, sondern von mehr Steuern bei den sozial Stärkeren und den Unternehmen, und das für den Fall, daß man die Lawine aufhalten will, wobei ich noch weitere Maßnahmen genannt habe. Anders kann es kaum gehen, wenn es denn gehen soll. Der Gang in die stärkere Staatsverschuldung ist doch nur eingeschlagen worden, weil man bei den Schwachen nicht noch mehr Steuern erheben konnte und weil man die Starken schonen wollte. Teilweise sind das Beiprodukte der neoliberalen Globalisierung, die wirklich kein Naturgesetz ist. Deutschland hat viele Jahrzehnt lang vorgeführt, daß es auch anders gehen kann. Wenn der Kapitalismus die Kreditmaschine nicht mehr wie bisher anwerfen kann – und die ist nun mal weitgehend verbrandt – dann kann er nur noch über eine andere Einkommens- und Steuerverteilung überleben, weil sonst die schönen Produkte nicht mehr verkauft werden. Bisher jedenfalls war der Kapitalismus erstaunlich lernfähig. Allerdings gehört dazu auch, daß die Mehrheit der Menschen endlich lernt. An dieser Stelle bohre ich – wie andere – durch ein dickes Brett. Bei Ihnen hat es offensichtlich schon geklappt, wie Sie selbst mehrfach erklärt haben.

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

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