2071

global news 2071 18-07-10: Wie echt ist der „Aufschwung"?

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6 Responses to 2071

  1. Manul sagt:

    Die Menschen in der BRD lassen sich eben doch nicht jeden wirtschaftlichen Unsinn als bare Münze verkaufen. „Das kann doch nicht lange funktionieren, wenn man die Menschen immer ärmer macht“ – ist der Satz, den ich immer öfter zu hören kriege. Die Menschen wissen eben, dass die Wirtschaft ein Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage ist und wenn alle den Gürtel enger schnallen, dann produziert die Wirtschaft nur noch für die Halde.

  2. Gaby sagt:

    Schönen guten Tag,

    wie soll Vertrauen in diesen Aufschwung entstehen, wenn die Menschen täglich mit widersprüchlichen Meldungen überhäuft werden? Aktuell: Die deutsche Konjunktur zieht wunderbarer Weise an, Irland wird voraussichtlich per Rating-Agentur runtergestuft und Ungarn vermeldet, dass es mit dem verordneten Sparkurs nicht klar kommt. Von den Unruhen in Griechenland und der konfusen Lage der übrigen PIIGs gar nicht zu reden, von der Blut- und Tränen-Sparroßkur Englands auch nicht.

    Wenn ich mich nicht irre, benötigt ein konjunktureller Aufschwung, der sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schafft, mindestens eine 3 vor dem Komma. Bleibt es bei 1,5 oder 2,5 % Wachstum, wachsen allenfalls kurzfristig prekäre Arbeitsverhältnisse und nicht reinvestierbare Unternehmensgewinne.

    Und noch etwas ist den Menschen meines Umfeldes durchaus bewußt: Vom Export allein kann unsere Volkswirtschaft nicht existieren und schon gar nicht, wenn uns die global verzahnten Märkte wie Domino-Steine wegzubrechen drohen. Vor dem Hintergrund dünn gefüllter Geldbeutel klingt es zudem wie Hohn, wenn unsere Politiker trotzdem immer wieder an den Patriotismus der Deutschen appellieren, indem sie flehentlich darauf hoffen, dass die Binnenkonjunktur endlich anspringen möge.

    Ich vermute, die gesamte mediale Lobhudelei will darüber hinwegtäuschen, dass der Neoliberalismus längst einen Offenbarungseid geleistet hat und der von unserer Regierung seit Herbst 2008 eifrigst betriebene Bastard-Keynesianismus nur eines bewirkt hat: marode Banken, Dividenden und Boni zu retten.

    Alles Gute,

    Gaby

  3. dmd sagt:

    Hallo,
    wer soll denn den Aufschwung tragen?

    Der gutsituierte Rentner?
    Das war der mal vor 14 Jahren mit seinen damals 2200 DM, jetzt nach insgesamt 13 % Rentenerhöhung (Brutto !) muß er sich einschränken.

    Die Doppelverdiener, die sich alle 5 Jahre Teile der Wohnungseinrichtung, Renovierung und eine neues Auto leisteten?
    Seitdem beim Mann die Überstunden weg sind und bei der Frau zweimal in den letzten 7 Jahren jeweils eine 15 % Lohnkürzung stattgefunden hat, kommt da nichts neues.

    Der gutverdienende Single?

    Früher gab es zu Weihnachten teils deutlich über 100 % vom Monatslohn als ausdrücklich freiwillige Gratifikation, das Urlaubsgeld war auch freiwillig und jederzeit rücknehmbar auf 75 % vereinbart.
    Letztes Jahr gab es nicht mal mehr eine Weihnachtsfeier und obwohl es die wirtschaftlichen Gegebenheiten es eigentlich nicht zulassen würden, gab es immerhin 10 % Weinhachtsgeld. Urlaubsgeld gibt es dieses Jahr nicht, dafür gab es allerdings 3 Monate Kurzarbeitergeld.

    Drei Berichte von Leuten aus der Mittelschicht, die früher das Geld hatten, zu konsumieren. Mittlerweile leben die von der Substanz, die nur noch dann ersetzt wird, wenn es nicht mehr anders geht.

    Wer noch seine Gehaltsabrechnung von vor 15 Jahren hat, der kann ja mal nachsehen, was er damals als Nettojahressumme bekommen hat und vergleicht das mal mit dem heutigen Einkommen.

  4. Hallo Herr Jahnke,

    vielen Dank für diese Informationen. So desaströs das auch aussehen mag, enthielt es für mich dennoch eine gewisse Ermutigung. Denn mit einer richtigen Politik ist es möglich, selbst so hohe Verschuldungsgrade wie die derzeitigen wieder unter Kontrolle zu bekommen, denn nach dem Krieg ist es ja offensichtlich schon einmal gelungen.

    Zentrale Voraussetzung scheint mir dabei – auch wenn das manche in verschiedensten politischen Lagern nicht hören wollen – WACHSTUM zu sein. Man kann nach Ihrer Grafik zu urteilen tatsächlich aus den Schulden herauswachsen.

    Wenn dem nicht so wäre, dann bliebe ja nur noch der defätistische und depressive Verweis auf wahlweise „den großen Knall“ (alias „den totalen Zusammenbruch“), „die Revolution“, „den starken Mann“ oder ähnlichen Unfug.

    Unglücklicherweise durfte ich in Hamburg am Wochenende mal wieder erleben, dass es sogar noch zum Erkenntnisgewinn ein weiter Weg ist, und noch viel weiter bis zur Umsetzung zukunftsfähiger Politik. Ist dieser Wahnsinn vielleicht doch mehr dem „Zeitgeist“ geschuldet als wir das wahr haben wollen?

    Herzliche Grüße

    G. S.

  5. Gaby sagt:

    Hallo, in die Runde,

    Ihr kennt doch sicher Franz Josef Degenhardt, geb. 3. Dez. 1931, deutscher Dichter, Liedermacher und promovierter Anwalt. Sein berühmtestes Lied dürfte sein: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.

    Aber es gibt noch eins, das sogar in diesen Thread passt: Progressiv, dynamisch, mit Phantasie – aber sachlich.

    Viel Spaß beim Zuhören!

    Gaby

  6. Gaby sagt:

    Hallo, Gerold Schwarz und Mitlesende,

    mich ermutigt es absolut nicht, dass wir in Friedenszeiten eine kriegsähnliche Staatsverschuldung aufzuweisen haben. Das heißt, dass mit der inneren Mechanik unserer Marktwirtschaft grundsätzlich etwas aus dem Ruder gelaufen ist, das weder durch die angelsächsische neoliberale Ökonomie, noch mit dem halbherzigen Bastard-Keynesianismus zu reparieren ist.

    Meines Erachtens ist das Gestern nicht mit dem Heute zu vergleichen, denn nach dem Ende des 2. Weltkrieges, während der Zeit des Wiederaufbaus, der ja an sich schon einen enormen Konjunkturschub bewirkte, entfaltete sich vollends der Fordismus, also eine nach Henry Ford benannte, stark standardisierte Massenproduktion und Massenkonsumption von Konsumgütern. Vollbeschäftigung trat ein! Die 1950er Jahre der Deutschen sind gekennzeichnet durch eine nie wieder erreichte Sparfreudigkeit. Damals wurde aber nicht aus Angst gespart, sondern in der fröhlich-atemlosen Hoffnung, sich in Bälde ein Auto, einen Fernseher, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine etc. pp. kaufen zu können. Es setzte ein ungeheurer wirtschaftlicher Aufschwung ein, der sich auch in unseren Wohlstandsbäuchen nieder schlug.

    1965 gab es den ersten Konjunkturdämpfer. Die Arbeitslosigkeit wuchs, wurde jedoch teilweise wieder aufgesogen durch die 3. industrielle Revolution der Mikoelektronik, die ab Mitte der 1970er Jahre einsetzte. Der Sog der 3. industriellen Revolution war allerdings nicht stark genug, als dass es wieder zur Vollbeschäftigung gekommen wäre und die Inflation ließ sich mit Keynes Ratschlägen auch nicht in den Griff bekommen. Nun schlug die Stunde des längst gärenden angelsächsischen Neoliberalismus, der Chicago-Boys/Girls, unter denen Ideologie wir heute stärker denn je zu leiden haben.

    Schlimmer als die reinen neoliberalen Quälereien unserer Volkswirtschaften ist meines Erachtens jedoch die Tatsache, dass die Mikroelektronik seit den 1970er Jahren global Millionen von Arbeitsplätzen per Automatisierung und Roboterisierung unwiderruflich zerstörte. Seit Mitte der 1980er Jahre haben wir es weltweit mit steigender Massenarbeitslosigkeit zu tun, die in den Industrieländern permanent statistisch geschönt und in den Entwicklungsländern gar nicht geführt wird.

    Es ist derzeit keine 4. industrielle Revolution in Sicht, auch nicht die vielbeschworene auf Nachhaltigkeit zielende „grüne Welle“, die zum einen wieder zur Vollbeschäftigung führen könnte und zum anderen die Staatsverschuldung beherrschbar machen würde. Kürzlich habe ich gelesen, dass wir es der Mikroelektronik zu verdanken haben, dass tagtäglich mindestens 4.000 Arbeitsplätze weltweit wegrationalisiert werden und ständig suchen die Unternehmer nach neuen mikroelektronisch-technischen Lösungen, die Fabriken und Büros endgültig menschenleer zu machen. Das große Ziel ist tatsächlich die Wertschöpfung ohne menschliche Arbeitskraft; ein vollkommen neues real-kapitalistisches Phänomen.

    Derzeit haben wir es meiner Meinung nach wieder mit einer Situation zu tun, die den Kapitalismus zur Disposition stellt, so wie sie der Ökonom John M. Keynes während der Großen Depression vorfand. Aus eigener Kraft wird sich das Ding diesmal nicht erholen, wie es nach den Crashs 1873, 1930 ff. und dem Zweiten Weltkrieg mit Hilfe des keynesianisch unterfütterten Ordoliberalismus passiert ist. Dieses Mal müssen sich unsere Eliten tatsächlich mit der reinen Ökonomie John M. Keynes intensiver befassen, wollen sie den Kapitalismus und damit unsere Zivilisation nicht implodieren lassen. Um den Big Bang zu verhindern, muss meinem Verständnis nach folgendes getan werden:

    Die noch vorhandenen Arbeitsplätze müssen per drastischer Arbeitszeitverkürzung auf viele arbeitsfähige Menschen verteilt werden mit einem versicherungspflichtigen Lohn, der dem Einzelnen nicht nur die Erhaltung seiner Arbeitskraft sichert, sondern ihn als Konsumenten auch teilhaben lässt am Luxus unserer Marktwirtschaft. Es dürfte ab sofort keine Überstunden, keine Schichtarbeit mehr geben; die Produktivität der Maschinen müsste gedrosselt werden. Das Renteneintrittsalter müsste sofort drastisch nach unten korrigiert werden und es müssten sehr hohe Steuern auf diejenigen Maschinen gezahlt werden, die die menschliche Arbeitskraft überflüssig machen, um die entstehenden Sozialausgaben zum Wohle aller Menschen sozialverträglich abzufedern, also auch Arbeitslosen und denjenigen, die nicht arbeiten wollen, eine staatliche Alimente zu gewähren, von der sich komfortabel leben lässt. Selbstredend soll der Unternehmer dennoch maßvolle Gewinne machen.

    Das hört sich utopisch an, vor allen Dingen für unsere neoliberalen Chicago-Boys and -girls, denen ja allein die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, ein Mindestlohn, eine Transaktionssteuern auf Spekulationen etc. pp. wie Blasphemie gegen die neoliberale Marktordnung erscheinen. Aber nur so drastisch kann es meines Erachtens funktionieren, das, was wir Kapitalismus nennen und von dem unsere derzeitige Zivilisation abhängt, zu retten zum Wohle aller Menschen. Selbstredend dürften diese Maßnahmen nicht allein auf Deutschland beschränkt bleiben.

    By the way: Vom als Persil-Schein dienenden „Zeitgeist“ halte ich nichts, weil dieses Konstrukt, das Johann Gottfried Herder 1769 beschwor, pures Menschenwerk ist. Johann Wolfgang von Goethe ließ den Faust, den „Stürmer und Dränger“, also den Zeitgeist, in der Tragödie erstem Teil folgendermaßen beschreiben:

    „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
    Das ist im Grund der Herren eigener Geist,
    in dem die Zeiten sich bespiegeln.“

    Mit lieben Grüßen an alle,

    Gaby

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