1789

Gedanken zur Zeit 1789 10-06-10: Die Finanzmarktkrise entpuppt sich immer mehr als Teil eines gigantischen Umverteilungsmechnismus von Unten nach Oben

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6 Responses to 1789

  1. Gaby sagt:

    Guten Tag in die Runde,

    wir leben im Zeitalter des Monopoly-Kapitalismus, einem gigantischen Finanzspiel, bei dem wir alle mitspielen müssen und das nur ein Ziel kennt: Die Akkumulation des kapitalen Weltvermögens in den Händen weniger Menschen. Die überwiegende Mehrzahl der Spieler wird dieses Spiel verlieren, letztlich also nicht einmal mehr Geld für die Miete oder ein Stück Brot haben. Der unfreiwillige, vorzeitige Tod von Millionen von Menschen ist Bestandteil dieses Spiels und wird billigend in kauf genommen.

    Wir leben im Zeitalter der Konjunkturpakete, Sparpakete und Rettungspakete, die unsere uns regierenden Paketschubbser schnüren und dem finanzschwachen Volk zustellen – per Nachnahme versteht sich. Die Annahmeverweigerung ist per Gesetz ausgeschlossen!

    Wir leben im Zeitalter der die Reichen rettenden Rettungsschirme, der leistungsstarken Sparschweine, tobenden Polit-Wildsäue und neoklassisch fehlgeleiteten Gurkentruppen, betüddelt von einer Kanzlerin, deren Vorbild die in finanzstaatshaushaltlichen Belangen nicht ausgebildete schwäbische Hausfrau ist.

    Wir leben in Zeiten des Untergangs der ökonomischen Vernunft und die eng verzahnten Volkswirtschaften dieser Welt werden in wenigen Jahren crashen. Da ich jedoch Optimist bin, glaube ich an die Lernfähigkeit unserer ökonomischen Laienspieler und Politclowns.

    Wenn die volkswirtschaftlichen Schmerzen von niemandem mehr auszuhalten sind, kommt die Wende. Dann werden in aller Eile seriöse Fachleute wie Krugman, Stieglitz, Horn, Bofinger, Butterwegge und wie die jetzt noch Verpöhnten und Verlachten alle heißen, eiligst an die Tische unserer Machteliten gerufen, den kaputten Karren Volkswirtschaft aus dem Sumpf zu ziehen und wieder flott zu machen.

    Bis es soweit ist, wird es viele, viele bettelarme Opfer geben. Du und ich gehören vermutlich dazu.

    Gaby

  2. HandaufsHerz sagt:

    Hallo Gaby und Mitlesende,

    zurzeit machen die Regierungsparteien sich doch selbst lächerlich. Deren Horizont reicht nicht mal zu anständigem bürgerlichen Benehmen.
    Vielleicht führen sie sich ja selbst ad absurdum und wir müssen solche Neokon- und Neolib.Vorstellungen hoffentlich bald nur noch, als absurdes Schauspiel auf der Theaterbühne aushalten. Denn schauspielerische Qualitäten haben sie, aber ansonsten spielen sie sich auf, wie verwöhnte ungezogene Kindsköpfe, denen man das Spielzeug wegnehmen will.

    Wir erleben eine Ökonomie und eine Politik ohne Sinn und Verstand, weil die Akteuren jede Verhältnismäßigkeit verloren haben.

    Liebe Grüße
    Gisela

  3. Gaby sagt:

    Liebe Gisela and all,

    Deine Worte erinnern mich prompt daran, was John M. Keynes im Vorwort seines Werkes „Die allgemeine Theorie“ am 7. Sept. 1936 geschrieben hat:

    „Deutschland hat sich somit, im Gegensatz zu seiner Gewohnheit in den meisten Wissenschaften, während eines ganzen Jahrhunderts damit begnügt, ohne eine vorherrschende und allgemein anerkannte formelle Theorie der Wirtschaftslehre auszukommen.

    Ich darf daher vielleicht erwarten, dass ich bei den deutschen Lesern auf weniger Widerstand stoßen werde als bei den englischen, wenn ich ihnen eine Theorie der Beschäftigung und Produktion als Ganzes vorlege, die in den wichtigsten Beziehungen von der orthodoxen Überlieferung abweicht.

    Aber darf ich hoffen, Deutschlands wirtschaftlichen Agnostizismus zu überwinden? Kann ich deutsche Ökonomen überzeugen, dass Methoden formeller Analyse einen wichtigen Beitrag zur Auslegung zeitgenössischer Ereignisse und zur Formung einer zeitgenössischen Politik bilden? Schließlich liegt es im deutschen Wesen, an einer Theorie Gefallen zu finden. Wie hungrig und durstig müssen sich deutsche Ökonomen fühlen, nachdem sie während all dieser Jahre ohne eine solche gelebt haben! Es lohnt sich sicherlich für mich, einen solchen Versuch zu machen. Und wenn ich einige Brocken beitragen kann zu einem von deutschen Ökonomen zubereiteten vollen Mahl, eigens auf deutsche Verhältnisse abgestellt, werde ich zufrieden sein.“

    Es ging Deutschland und einigen anderen Nationen nicht schlecht in den Jahren 1948 bis Mitte der 1970er Jahre, als die keynes’schen Ökonomierezepte ausprobiert wurden. Aber der kleinste Hauch aufkommender Inflation hat unsere Expertentruppe derart verschreckt, dass sie gleich wieder in den von Keynes beklagten Agnostizismus (= Skeptizismus) verfielen und in die orthodoxen Überlieferungen der altvorderen Ökonomie flüchteten, denn früher war ja bekanntlich sowieso alles besser.

    Ich schlage vor, wir stimmen schon mal den Chor der Armen an: In Mutter’s Stübele da pfeift der Wind so kalt, in Mutters Stübele, da pfeift der Wind…

    Alles Gute

    Gaby

  4. HandaufsHerz sagt:

    Hallo Gaby,

    Keynes hat Marx vergessen, der sehr wohl die Wirtschaft und den Kapitalismus analysiert hat, aber eben zutiefst kritisch. Marx ist „off topic“ für die meisten Wirtschaftswissenschaftler und für fast alle Praktiker.
    Sie folgen alle der profitmaximierenden angelsächsischen Richtung, die, die Hierarchie (Gesellschaftsunterschiede und die besondere Stellung der Obrigkeit) festigen soll.
    Da gab es doch mal einen Luther, der es gewagt hatte, einer gottgleichen Obrigkeit zu widersprechen und sich für die Bildung des Volkes einzusetzen. Das ist bis heute ein Dorn im Auge der „Suprematisten“ (die im Besitz des wahren Glaubens sind).

    Für die sind nicht alle Menschen gleich.

    Im katholischen Spanien habe ich vor einigen Jahren noch in einem Schulbuch etwas über den bösen abtrünnigen Ketzer „Martino Luthero“ gelesen.
    Luther und Marx gehören doch auch zu den deutschen Dämonen, die man besser verschweigt.

    In den Köpfen der „Emminenzen“ spukt doch immer noch der Geist der Rechthaberei und der Orthodoxie, der meiner Meinung nach nur spaltet und selektiert, statt zu einen und auszugleichen. Das gilt für alle Bereiche und besonders auch für die Ökonomie.

    Ein Sozialismus kann in rechtshierarchischen Strukturen niemals funktionieren und ist zum Scheitern verurteilt, wenn diese Rechtsstrukturen nicht ständig an veränderte Bedingungen angepasst werden.
    Kapitalistische Systeme brauchen Rechtshierarchien zu ihrer Rechtfertigung und enden ständig im Chaos, und im Wachstumswahn, weil sie ihre Rechnung auf Kosten der Natur und gegen die Natur, gegen alles natürliche Leben und gegen die Existenzgrundlagen machen und zwar so lange, bis sie Alles zerstört haben.

    Freundliche Grüße
    Gisela

    • Gaby sagt:

      Liebe Gisela,

      die Nähe zu Marx ist sogar sehr groß, allerdings zieht Keynes seine Kritik am Wachstumsfetischismus etwas seiner Zeit angepasster auf. Im übrigen kannte Keynes auch die Theorien des neoklassischen Hayek, wie auch der übrigen Ökonomen, deren Werke er studierte.

      Ebenso wie Marx, wusste Keynes, dass es sich mit dem Kapitalismus um ziemlich verrückte Formen handelt. Die ganze „Allgemeine Theorie“ ist von dieser Kritik durchzogen, wie ich schon einige Male in diesem Forum anklingen ließ. Keynes meinte ziemlich sarkastisch, dass wir, um Vollbeschäftigung zu erreichen, durchaus staatlich subventionierte Pyramiden bauen oder Löcher buddeln können, die wir späterdings wieder zuschütten. „Zwei Pyramiden, zwei Messen für die Toten, sind doppelt so gut wie eine, aber nicht so zwei Eisenbahnen von London nach York“. Da hat er recht, denn es dürfte unmöglich sein, die Konsumneigung nach doppelt so vielen Fahrkarten anzukurbeln.

      Keynes war klar, dass sich die Menschen keine Wirtschaft gefallen lassen, die nur unter der Bedingung sinnlosen und tödlichen Verbrauchs funktionieren kann. Trotzdem wollte er den Kapitalismus retten, das heißt, seinen Weg ins ad absurdum heraus zögern. Er hat uns gezeigt, wie das geht und wir haben es eine zeitlang mit relativ gutem Erfolg ausprobiert.

      Von Sozialismus und Kommunismus halte ich ehrlich gesagt ziemlich wenig, da sich beide Systeme nicht vom Kapitalismus emanzipieren, so wie es Marx auch nicht getan hat. Beide Systeme haben den Kapitalismus zur Grundlage, sie sind „nachholende Moderne“, mussten in der Vergangenheit also entsprechend drakonisch-brutal voran preschen, um mit dem westlichen Kapitalismus wenigstens halbwegs gleichauf zu liegen.

      Liebe Grüße

      Gaby

  5. HandaufsHerz sagt:

    Hallo Gaby,

    von „Ismen“ halte ich nichts, weil sie meist am Ende zu einer Loslösung von Verhältnismäßigkeiten und einer Verselbstständigung um ihrer selbst Willen hinführen.
    Ich halte auch nichts vom Kapitalismus.

    Den Glauben an einen fairen Austausch nach Bedürfnissen (in allen Bereichen) möchte ich mir aber bewahren =

    Fähigkeiten-Bedürfnisse-Prinzip.

    Wohingegen ich nichts von einem Austausch nach hierarchischen Rechtsansprüchen halte =

    Misstrauen-Gier-Prinzip.

    Liebe Grüße
    Gisela

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