1903

global news 1903 13-02-10: Internationale Wirtschaftsentwicklung im 4. Quartal 2009

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2 Responses to 1903

  1. Gaby sagt:

    Hallo in die Runde,

    in meinem Berufsleben bin ich von einer ganzen Menge Menschen umzingelt, die stur daran festhalten, dass wir keine Krise, sondern lediglich eine ganz gewöhnliche Konjunkturdelle haben, obwohl ich der lebende Beweis der krisenbedingten Personal-Kapazitätsanpassung bin, da ich seit November nur noch halbtags arbeiten darf. Aber solche Tatsachen und der Fakt, dass wir im Januar 2010 umsatzmäßig 17 Prozent unter dem krisenvollen Vorjahresniveau von minus 35 % lagen, werden einfach ignoriert. Manchmal beneide ich diese notorischen Ignoranten sogar!

    Im Laufe meines nunmehr 25-jährigen Berufslebens in diesem mittelständigen Betrieb habe ich gelernt, dass eine Wirtschaftskrise immer dann herrscht, wenn die Firma umstrukturiert wird.

    In 2000 – 2002 war plötzlich „LeanProduction“ „Outsourcing“ und die Entwicklung von „Low cost“-Produkten angesagt. Darüber hinaus sollte MS-Project helfen, Entwicklungsprozesse zu verkürzen. 400 Leute verloren wegen dieser Maßnahmen, selbstverständlich von Unternehmensberatern und hinzugezogenen Personaltrainern unterstützt, ihre Arbeit.

    In 2009 flogen alle unsere 62 Leih- und Zeitarbeiter raus und die Anpassungsmaßnahmen haben eine große Zahl Mitarbeiter in unseren ausländischen Standorten ihre Stelle gekostet und im Stammwerk waren es 50, die gehen mussten und einige, so wie ich, die nur noch halbtags kommen dürfen.

    Die seit Januar 2010 eingeführten Neuerungen sind „Nachhaltigkeit“, „TRIZ“ und „Komplexitätsabbau“. Die Geschäftsleitung denkt, dass sie sich durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe Wettbewerbsvorteile verschafft, TRIZ soll dafür sorgen, dass innovative Entwicklungsideen nur so sprudeln und der Komplex-Abbau soll die innerbetrieblichen Prozesse verschlanken, ähnlich wie einst die „Lean Production“. Es lebe der Fordismus, der die Menschen ratzfatz überfährt.

    Insgesamt stehe ich diesem neuerlichen Rationalisierungs-Hype, diesem verzweifelten Versuch, die Kosten zu drücken und Wettbewerber auszuschalten, ziemlich süffisant gegenüber und verhehle das auch nicht, zum Ärger meines Chefs. Ich halte den Versuch, durch Lohndrückerei, verstärkter Arbeitshetze, Personalabbau in der Produktion und Verunsicherung der Menschen Absatzmärkte zu schaffen bzw. zu erweitern für eine ziemlich alberne Angelegenheit, die uns letztlich mehr kosten als nützen wird, wie aus den Erfahrungen aus den Jahren 2000 – 2002 zu erlernen ist.

    Mein Arbeitgeber ist nicht der einzige, der nun auf den TRIZ-Nachhaltigkeits-Komplexitätsabbau-Zug aufspringt. Der Brötchengeber meines Mannes tut genau das gleiche. Und ich wette, im ganzen Bundesgebiet sind die TRIZ-Seminare überfüllt, werden Komplexabbau-Pläne geschmiedet, wird auf Nachhaltigkeit der Produkte gedrungen.

    Es ist der zum Scheitern verdammte, abergläubische Versuch, dem Kapitalismus mit diesen Maßnahmen wieder Saft und Kraft zu geben. Aber die Maßnahmen, die uns in diese Krise gebracht haben, werden auf Teufel-komm-raus beibehalten und sogar noch verschärft. Das gilt auch für unsere bundesdeutsche Wirtschaftspolitk, die ja nichts anderes tut, als die Medizin, die Deutschland wirtschaftlich krank gemacht hat, höher zu dosieren, statt abzusetzen.

    Mir geht einfach nicht in den Kopf, warum ein derart fragiles, nervöses und nicht selbstständig existieren könnendes, geradezu komasüchtiges System, wie der Kapitalismus, der doch von unseren Eliten seit 250 Jahren wie eine „natürliche Göttlichkeit“, ein eigenständiges Lebewesen verehrt wird, derart ohne Vernunft und Verstand misshandelt wird. Da geht es jeder Kuh, jedem Huhn und jedem Schwein in einem Massentierstall weitaus besser, obwohl jeder Interessierte weiß, wie armselig diese Geschöpfe gehalten und letztlich geschlachtet werden.

    Ich bin davon überzeugt, dass John Maynard Keynes der erste und einzige Ökonom war, der je erkannt hat, welche artgerechte Pflege der Kapitalismus braucht, um so wenig wie möglich Not und Elend unter den Menschen zu erzeugen. Politiker aller Staaten dieser Welt, sollten, wenigstens jetzt, in dieser schrillen Weltwirtschaftskrise, seine artangemessenen Pflegetipps befolgen!!!

    Gaby

  2. Gaby sagt:

    Hallo miteinander,

    es gibt in meinem Betrieb während der derzeitigen Wirtschaftskrise sprachlich einen großen Unterschied zur Umsatzkrise 2000 – 2002. Damals nannten wir die Produktstraffung „Kick off“, heute heißt es „Komplexitätsabbau“. Es wurde nämlich erkannt, dass die englische Sprache nicht geeignet ist, den Deutschen Anpassungsprozesse zu erklären, sondern nur zu noch größerer Panik, gar Arbeitsverweigerung führt.

    Mir steht noch lebhaft vor Augen, wie es in 2000 war, als die Geschäftsleitung das erste „Kick off-Meeting“ initiierte. Alle eingeladenen Abteilungsleiter waren plötzlich krank, im Urlaub oder unentschuldigt verschollen. Die Gesprächsrunde fand nicht statt. Eine Woche später wurde der Termin erneut auf die Tagesagenda gesetzt. Die Geschäftsleitung saß aber schon wieder allein und höchst ärgerlich am runden Tisch.

    In den folgenden Tagen hat sich heraus gestellt, dass die eingeladenen Mitarbeiter deshalb kollektiv nicht gekommen sind, weil sie das „Kick off“ mit ihrem persönlichen Rausschmiss interpretierten. Es wollte sich niemand die hochnotpeinliche Qual antun, vor versammelten Kollegen ins Gesicht geschmettert zu bekommen, dass er nicht mehr gebraucht wird.

    Um solche Missverständnisse nicht mehr aufkommen zu lassen, wird seither auf englische Begriffe verzichtet, um krisenbedingte Produktionsanpassungsprozese zu benennen.

    Die sehr unheimliche Szenerie hat mich damals an den Sponti-Spruch erinnert: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“

    Gaby

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