1668

Gedanken zur Zeit 1668 12-02-10: Es gibt nur einen tragfähigen Aufstieg aus dem Krisental: Kurbelt die private Nachfrage endlich an!

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15 Responses to 1668

  1. Paten sagt:

    Guten Tag. Noch’n Toast, noch’n Ei, noch’n Apfel noch’n Brei, etwas Marmelade etwas Konfitühüre… war mal ein Song.

    Nun fragt man sich, wer denn und wie und worauf die private Nachfrage (private Haushalte, nicht Staat, vermutlich) ankurbeln soll? Abwrackprämie auf Espresso-Maschinen und Kämme? Erhöhung der Konsumgeschwindigkeit von Wohnraummiete, Seife, Warmwasser und Toilettenpapier und Fußabtretern?

    2009 gab es 1.223 Mrd. € Arbeitnehmerentgelte (mit AG-Anteil Steuern/SV) und die privaten Haushalte konsumierten 1.376 Mrd. € des BIP von 2.404 Mrd. €, also 57% und der Staat (mit Sozialtransfers und Beamtenstubenkonsum) 472 Mrd. € (20%). Macht 77% und weitere 17% (417 Mrd. €) wurden bruttoinvestiert. Macht 94% des BIP, in dem noch 254 Mrd. € (10%) Güter-Steuern auf die Bruttowertschöpfung stecken. Der Rest war Außenhandelsüberschuss (worin >50% der Bruttowertschöpfung bzw. 47% des BIP exportiert wurden)

    Wenngleich die Einkommensverteilung (aus Arbeit und über Steuern) zwischen Hartz und Malibu ungerecht und als berechtigte zivilisatorische Forderung einer neuzeitlichen deutschen Gesellschaft sozial auszugleichen ist, so kann man doch vor dem Phänomen einer relativen Marktsättigung (Ausstattungsgrad der Haushalte) bei flächenmäßig höchster Dichte von Verkaufseinrichtungen (Banken, Versicherungen, Autohäuser, Tankstellen, Supermärkte, Discounter, Raststätten, Autobahnen, Häfen, Flughäfen…) nicht die Augen verschließen.

    Vor diesem Hintergrund fand ab 2000 die 24-fache Exportsteigerung von Industriegütern bei gekürztem Importwachstum statt, die Bau und Konsumgüterproduktion samt Neu-Investitionen im BIP verdrängte und fast nur noch die Abschreibungen (AfA) für Erhaltungsinvestitionen verwenden ließ. Daher die fast gleich bleibende Zahl von Erwerbstätigen und Selbständigen (10-11%), die sich aber ab 1991 immer weniger (Milliarden) Arbeitsstunden und damit Stundenlöhne teilen muss. Bei wachsendem Migrationshintergrund trotz offenkundig fehlender Arbeit.

    Wenn 50% der Bruttowertschöpfung ins Ausland gehen und davon (Erlöse) nur noch 86% für die inländische Verwendung importiert wurden (dieses Maximum wurde 2008 erreicht) und die Läden immer noch übervoll sind, haben wir kein Problem der Binnenkonjunktur. Die Exportsteigerung *24 ab 2000 erfolgte bei fast Marktsättigung bzw. eben deshalb. Es wird daher die Exportkrise die Löhne der dort noch Beschäftigten treffen und deshalb deren Konsum nach unten drücken und über die Steuerausfälle unser aller Realeinkommen. Der Versicherungsvertreter Westerwelle wetzt schon die Messer für die gesetzlichen Krankenkassen.

    Die BWS sinkt, die Exporte und die Außenbeiträge zum BIP auch. Weil die Nachfrageseite der Binnen- konjunktur selbst mit Geld die Exportüberschüsse nicht konsumieren kann.
    Das wären zum Ausgleich dann private und staatliche Investitionen. Und die sind im Wachstum seit 2000 Fehlanzeige – wegen der Exportüberschüsse. Inzwischen wurde Industrie verlagert und die Staatsschulden steigen für laufende Ausgaben bis Hindukusch. Nirgendwo ist eine Quelle für Erweiterungs-Investitionen zu sehen. Der Markt ist gesättigt. Wachstum durch Binnenmarkt – ist m.E. wegen der erreichten Konsumgrenze mit wenig nachhaltigem Spielraum für Konsum-Wachstum genauso abwegig wie durch Außenhandel.

    Wir sollten die auf Konten von Privatkonzernen fürs Kasino versickernden Außenhandelsüberschüsse abschöpfen und damit den sozialen Ausgleich der Einkommen herstellen, dessen Gegenteil -sprich die Umverteilung der Verkaufserlöse von Arbeit zu Kapitalbesitz- diese mit politischer Hilfe gesetzlich verwirklicht hatten. Das war es dann aber auch mit Wachstum von innen für langlebige Konsumgüter. Kaviar für alle wird es wohl nicht sein, was die Binnenkonjunktur nachhaltig ankurbeln soll. Dafür hätten wir aber wieder einen Sozialstaat.

    Nur will die aktuelle s-g Regierung das nun gar nicht, sondern Export hoch, Importe runter, Griechenland und die anderen PIGS bei Ausgaben hoch wie auch den Hindukusch.

    Wer ist hier (noch) sozial und wer Staat?

    MfG

    • Gaby sagt:

      Hallo, Paten und Mitlesende,

      kürzlich habe ich gelesen, dass der Kapitalismus in den letzten 250 Jahren 22 Mal in eine Krise stolperte, darin enthalten ist die Tulpenzwiebelkrise, aber auch die Große Depression und die ökonomischen Implosionen der beiden Weltkriege. Alle 11,36 Jahre kippt der Kapitalismus, statistisch gesehen, aus den Latschen. Trotzdem himmeln wir ihn an wie einen Fetisch und glauben fest an bessere Zeiten.

      Tatsächlich gibt uns unsere historische und reale Erfahrung recht – es gab sie, die besseren Zeiten. Während der ersten industriellen Revolution (Dampfmaschine) war das noch nicht gut spürbar, aber die zweite industrielle Revolution revolutionierte nicht nur per genormter Fließbandarbeit die Produktivität, sondern machte gleichzeitig die Waren billiger und damit für jedermann und jederfrau erschwinglich – wenn auch nur in wenigen Teilen der Welt. Luxusartikel wurden Volksgut – die Fabriken brummten, die Arbeitslosen wurden von den Straßen dort hinein gesogen und alle glaubten, nun sei das versprochene „Goldene Zeitalter“ angebrochen und zwar im Gewande des mobilen Fordismus.

      Die Konsumfreude hat nicht lange gehalten. Bereits Anfang der 1970er Jahre trudelte der Kapitalismus inform der Ölkrise. Die „schöne Maschine“ fing sich jedoch wieder, allerdings hinterließ sie ein Heer von Arbeitslosen.

      Und schon glimmte am Horizont ein Lichtlein, nämlich die dritte industrielle Revolution inform von Mikroekeltronik. Und bumms brummten die Fabriken wieder und sogen die Arbeitslosen an die Fließbänder. Der Hype um die Mikroelektronik brach an; die Leute konsumierten wie doll und verrückt Computer, Handys, Drucker etc. pp. Jedoch wuchs die Produktivität enorm und setze alsbald Millionen von Menschen auf die Straße. Nun war guter Rat teuer. Aber es entspann sich neue Hoffnung inform der vielbeschworenen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Dieser neu geschaffene Sektor saugte tatsächlich jede Menge Arbeitslose auf, die sich, ähnlich den Domestiken des viktorianischen Zeitalters, in diesen Sektoren mehr schlecht als recht verdingten und unter anderem so üble Schmarotzer wie Unternehmensberater und Personaltrainer hervor brachten.

      Aber, wie das nun mal so ist, sind Domestiken Luxus und verlieren als allererste ihren Job, wenn der Kapitalismus mal wieder torkelt. An diesem Punkt stehen wir heute. Aber nicht nur der Dienstleistungssektor schrumpft, auch die wertschöpfende Produktion der Mikroelektronik und der Autoindustrie wird immer kleiner, die Absatzmärkte schrumpfen ganz allgemein, potentielle Konsumenten kriegen Angst und üben sich im Vorsichtssparen, statt sich mal ordentlich was zu gönnen. Und die, die sich schon längst nichts mehr gönnen können, üben sich im Hoffen und Beten.

      Kurzum: Wir brauchen eine vierte industrielle Revolution, damit der mittlerweile globalisiert gemauerte Schornstein wieder raucht. Hat jemand eine Ahnung, wie die aussehen könnte? Ideen bitte an Frau Merkel richten! 😉

      Gaby

      • Paten sagt:

        Guten Tag. Da heute Valentinstag ist, den mitlesenden Damen blumige Grüße.

        Und Gaby für ihre „Mikroekeltronik“ als dritte industrielle Revolution ;-).

        MfG

      • Gaby sagt:

        Lieber Paten,

        Du bist echt süß! Danke für die Blumen.

        Tja, diese hinterlistigen Freud’schen Vertipper und Versprecher – die lassen mitunter tief blicken. 😉

        Beste Grüße

        Gaby

    • globalnote sagt:

      @Paten, Gaby, und andere

      Es gibt in Deutschland, schon wegen des krebsartig gewachsenen Niedriglohnsektors, sehr viele Menschen die liebend gern mehr verbrauchen würden, wenn sie die Mittel dazu hätten. Wenn die Einkaufsmöglichkeiten immer mehr zu denen hinüberrutschen, die schon alles haben, darf man sich über stagnierenden Binnenkonsum nicht wundern. Gerade deshalb vergleicht das Infoportal immer wieder mit anderen Ländern, vor allem Frankreich, wo der Binnenverbrauch auch in der Krise nicht abschmiert. Es gibt durchaus eine Menge dringend notwendiger Korrekturen am Kapitalismus, die das System erträglich machen würden, ohne daß man auf Godot warten müßte oder den alten Marx zu bemühen hätte.

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

      • Gaby sagt:

        Joh, Herr Dr. Jahnke,

        mit Ihrer Einschätzung haben Sie vollumfänglich Recht. Ich vertrete Ihre Meinung, dass in Deutschland ein ungeheures Konsumpotential brach liegt und habe das in meinen Beiträgen nie verschwiegen.

        Aber der olle Karl Marx war der Erste, der begriffen hat, wie das Ding „Kapitalismus“ funktioniert und seine Einsichten gelten bis heute. Das sage ich, die ich keine Marxistin bzw. Kommunistin und kein Antifa und sonstiger Trödel bin.

        Die nächsten vielen Jahre werden wir auf Gordot oder Jesus Christus Wiederauferstehung ganz sicher warten, denn der Kapitalismus liegt in Deutschland derzeit so gewaltig auf dem Rücken, dass sich keine nennenswerte Wirtschaftserholung einstellen wird. Die statistischen Zahlen werden immer mieser werden.

        Diese Depression, da bin ich mir sicher, wird schlimmer, als die des letzten Jahrhunderts, allein schon, weil uns Deutschen die Möglichkeiten der vorkapitalistsch rettenden Substitutionswirtwschaft auf dem Land fehlen, die den Griechen derzeit noch offen steht und mittlerweile die ganze Welt von der Krise infiziet ist und nich nur Teile davon, wie 1929 ff.

        Liebe Grüße

        Gaby

      • Cato sagt:

        Guten Abend Herr Jahnke, die von ihnen oben zitierten und auf Ihrer Hauptseite täglich dargestellten Vergleiche sind deshalb so eminent wichtig, weil man da leicht erkennen kann, dass es neben den globalen Ursachen der Krise eine ganz ausgewachsene innere Ursachenlage geben muß. Wie sollten sich sonst die signifikanten Unterschiede zwischen D und anderen OECD-Ländern in zahlreichen entscheidenden Fragen sonst erklären.

        Die sich in D ausbreitende Niedriglohnsituation ist kein Zufall oder gar ein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Nein, ganz im Gegenteil. Diese hat innerhalb der praktizierten Politik systemischen Charakter.
        Die infame Absicht hinter der vermeintlichen Hartz-IV-Wohltat von einer angeblich beschäftigungsfördernden Wirkung ist kein menschenorientierter Wirkungsansatz.
        Eine allgemein als gefährlich angesehene „Religionsgemeinschaft“ soll den Grundsatz haben: „Mach‘ Geld, mach‘ mehr Geld, mach‘ daß Andere Geld machen“. Die „Philospohie“ der letzten Steigerungsstufe in diesem Credo ist im Konzept von Hartz-IV erkennbar. Diese damalige gesetzgeberische Initiative ist nach nun mehrjähriger Praxiserfahrung „fruchtbar“. Es wurde eine große Gruppe von Arbeitnehmern erzeugt, die durch eine ihr aufoktroyierte Zwangslage für vergleichsweise ein Handgeld oder für abgesenkte Löhne hart arbeitet. Die parallele Beschäftigung von unterbezahlten (anders in Frankreich) Leiharbeitern mit Stammpersonal in Unternehmen besitzt eine vervielfältigende Wirkung des beabsichtigten Drohsignals.

        Zunehmend wird nun der Irrglaube propagiert, daß der Weg zum individuellen Wohlstand für die „Arbeitswilligen“ über Minijobs, Aufstockerlöhne und Hartz-IV-Bezüge führt. Das ist eine Irreführung wie der tröstende Glaube an das seelige Jenseits. Ganz unknuddelig gesagt: Welcher hartgesottene Kapitalist ist an besserverdienenden Arbeitnehmern interessiert, wenn er für sie jederzeit „weichgekochten“ Ersatz bei der ARGE bekommt. Ab diesem Punkt gibt es keine sozialstaatlichen Handlungsmotive und Grundlagen mehr.

        Jener, der gerade lautstark für die Unterstützung Bedürftiger, resp. derer, die sich nicht selber helfen können, also die Kinder auftritt, jener forderte vor einigen Jahren aus der Oppositionsrolle im Bundestag, daß wir in Deutschland unbedingt einen Niedriglohnsektor benötigen. Schon vergessen? Wozu eigentlich oder als Lateiner gefragt: Cui bono?

        Er fordert heute etwas gegen die Auswirkungen seiner eigenen (leider in Erfüllung gegangenen) früheren Forderungen zu tun. Von wem fordert er das eigentlich, von sich selbst? Das ist etwa so, als wenn eine große Brauerei sich für die Bekämpfung des Alkoholismus einsetzen würde.

        Nein, nein, das hat alles Sinn und System. Die innere Konsumkrise wird von jenen Liberalisierungsprotagonisten auch nicht beklagt, ganz im Gegenteil. Sie nützt ihren Zielen, denn sie vergrößert das Heer jener Menschen, deren Erwartungen an ein menschenwürdiges Einkommen immer weiter sinken. Was kann es aus dem Blickwinkel der Nutznießer Besseres geben? Innerhalb dieses Prozesses können die betroffenen Bürger immer weniger für ihre Kinder sorgen und es fällt ihnen immer schwerer, deren Bildungswege zu beeinflussen. Wie sollten es Eltern auch bewerkstelligen, die bis zum Umfallen arbeiten oder sich depressiv-unmotiviert durchschlagen müssen. Wenn dieser „Niemand“ nun heute verkündet, daß die beste Sozialpolitik die Bildungspolitik sei, kann man sich nur fragen, wen er damit tatsächlich meint. Ich widerspreche auch anderen Meinungen, die so etwas für „dumme Politik“ halten.

        Nur um einer möglichen Vernebelungsargumentation vorzubeugen, daß nun vorschnell der Vorwurf von vermeintlichen Verschwörungstheorien aufkommt. Es bedarf dazu keiner Verschwörung weil die Lage dem Selbstverständnis eines bedienten Klientels entspricht! Die gesetzgeberisch organisierte Abdrängung, der Lateiner würde sowas ad partem nennen, einer immer größeren Zahl von Bürgern in weitgehend ausweglose workaholic-Erwerbssituationen ist ebenso offenkundig wie der Nutzen für das auf diese Weise politisch bediente Klientel. Und neu ist diese Methode ebensowenig, nur jedes mal besser organisiert. Man muss sich nur danach fragen, was der geistige Schöpfer der Hartz-IV-Gesetzgebung aus der betrieblichen Praxis in Uitenhage gelernt haben mag und unter welchen gesetzten Rahmenbedingungen dort alles 1978 anfing.

        einen schönen Abend.

  2. Gaby sagt:

    Hallo in die Runde,

    ich habe mittlerweile arge Zweifel, ob die Krise am Binnenmarkt und im Export damit zu reparieren ist, den Menschen zu höheren Löhnen zu verhelfen, um somit die Nachfrage anzukurbeln und zwar aus folgenden Gründen:

    Der Kapitalismus setzt sich aus „verrückten Formen“ zusammen, wie Marx es nannte. Unser Wirtschaftssystem verfolgt den verrückten Selbstzweck, Mehrwert zu produzieren, also aus einem Euro zwei zu machen. Dazu wird Nerv, Muskel, Hirn, also die menschliche Arbeitskraft benötigt und in verrückte „abstrakte Arbeit“ verwandelt. Der Mensch verwandelt sich, laut Marx, völlig irre in ein „automatisches Subjekt der Gesellschaft“.

    Es wird verrückterweise nicht produziert, um das Wohlergehen der Menschen zu steigern, sondern nur im Hinblick auf die Zukunft, in der sich die Waren wieder in Geld und Gewinn umwandeln. Ein Stuhl wird erst dann ein Stuhl, wenn er verkauft ist. Und verrückterweise wird der Stuhl kein Stuhl, selbst wenn Menschen dringend Stühle brauchen, sie aber nicht bezahlen können. Lieber werden tonnenweise Lebensmittel nach Ablauf der Haltbarkeit vernichtet, statt sie vorher an Hungernde zu verschenken. Das ist absolut irre!!!

    Aber es gibt noch eine Verrücktheit in diesem System. Marx erkannte, dass im Kapitalismus ein Zwang zur Produktivkraftentwicklung steckt. Die Produktivitätssteigerung durch immer ausgefeiltere Maschinen bewirkt, dass es immer weniger Menschen braucht, immer mehr Waren zu produzieren. Seit 200 Jahren erfährt die Produktivität eine ständige Steigerung, die darauf hinaus läuft, Menschen in immer schnellerer Weise überflüssig zu machen. Das ist ein absolut gegen die Menschen gerichteter Prozess.

    Noch bekloppter ist, dass sich die vielen Waren unter den unzähligen Feinden des Unternehmers nur dann absetzen lassen, wenn sie immer billiger angeboten werden. Na ja, politisch korrekt sind die Feinde natürlich die Wettbewerber. Gedrückte Preise drücken Löhne. Die Abwärtsspirale dreht sich, die Reservearmee arbeitsloser Hungerleider schwillt an. Der Kapitalismus ist übrigens mit dem Militarismus verwandt, deshalb werden gerne Vokabeln aus der Militärsprache benutzt, dieses System zu beschreiben. Ein sehr bezeichnendes Wort ist „Wirtschaftskrieg“.

    Und je höher die Produktivität, desto mehr Kapital muss verrückterweise bereit gestellt werden, um zu produzieren. Bereits gegen Ende des 20. Jhr. konnte nicht mehr ausschließlich mit Realkapital reinvestiert werden. Also mussten sich Unternehmer verschulden, um die Vorauskosten (der Griff auf den zukünftigen Mehrwert) zahlen zu können. In Gang gekommen ist ein historisch einmaliges Schneeballsystem an den Finanzmärkten, das nach dem Zusammenbruch des Sozialismus/Kommunismus „der unsichtbaren Hand des Marktes“ anvertraut wurde, was nichts anderes bedeutet als Deregulierung, also Entfesselung der Märkte und Privatisierung (Verkauf des Volkseigentums).

    Da nun verrückterweise aufgrund von Lohndumping und enormen Warenüberschüssen kaum noch Mehrwert erwirtschaftet wird, obwohl allein in Deutschland die Bedarfe nach Konsumgütern groß sind, wurde das substanzlose, fiktive Geld aus dem Finanzhimmel genutzt, künstliche Kaufkraft zu generieren. Die Amerikaner waren wohl die eifrigsten Nutzer dieser Schein-Aufschwünge, die allen Ernstes als reales Wachstum angesehen wurden. Politiker, Unternehmer, Banker und Spekulanten taten so, als sei die Realökonomie gesund, dabei war sie längst todkrank und wurde nur durch die Infusionen aus der Finanzwelt am Leben gehalten – bis zum Kollaps. Den haben wir seit einigen Monaten.

    Nun ist plötzlich verrückterweise der unter den Neoliberalen so verhasste Staat gefordert, eifrig zu intervenieren, also Geld auf Pump (!) in dieses marode System zu stecken. Lange werden die Staaten das nicht durchhalten. Dann wird die Notepresse angeworfen, das Geld verliert an Wert und die Inflation ist der Stoß ins Herz des Kapitalismus, denn wenn der Selbstzweck des Mehrwertes nicht mehr funktioniert, wird alles still stehen.

    Aus allen diesen Gründen denke ich, dass es nicht damit getan ist, die Löhne anzuheben, einen flächendeckenden Mindestlohn einzuführen oder die Steuern der Wohlhabenden zu erhöhen; das wird nur kurzfristige Erfolge, einen kleinen Stoßseufzer verursachen. Das eigentiche Problem ist das warenproduzierende, Mehrwert generierende System und gegen diesen Moloch ist derzeit kein Kraut gewachsen.

    Gaby

  3. hans-in-glück sagt:

    „Eigentlich ist das volkswirtschaftliche Einmal-Eins so einfach und sollte selbst bei dummen Politikern ankommen können.“

    Leider befürchte ich, wie viele andere auch, daß diese sehr optimistische Analyse nicht den Kern trifft. Wir haben keine „dummen“ Politiker, sondern wir haben eine Lobbykratie, und die politischen Schaukämpfe dienen, frei nach der altrömischen Devise „Brot und Spiele“, der Unterhaltung des zahlenden Publikums, damit es nicht merkt, wie es mit seinem Geld die ganze demagogische Kamarillia finanziert, die sich (mit üppigen Gehältern, Zuschüssen, Pauschalen, Freifahrtscheinen etc. sowie Pensionen wo selbst die – oft noch sehr jungen – Witwen besser gestellt sind als das Vollzeit arbeitende Volk) heimlich ins Fäustchen lacht.

    Wie Herr Dr. Jahnke anhand mehrerer Beispiele schon bemängelte, lassen wir Deutschen uns einfach viel zu viel gefallen von diesem korrupten Geschmeiß!
    Wo bleibt unser Gerechtigkeitsgefühl, wo unser Zorn auf diese schreibenden Ungerechtigkeiten?
    Wann wollen wir aufwachen und sagen: STOPP?
    Irgendwann wird es dazu zu spät sein…

  4. Gaby sagt:

    Schönen guten Tag, Hans-in-Glück und Mitlesende,

    gegen wen oder was sollen sich die Deutschen wehren? Es gibt doch gar keinen greifbaren Gegner gegen den sich die Deutschen emanzipieren könnten!

    Es gibt lediglich ein Unbehagen, eine Ahnung, eine Vermutung, dass wir uns in einem Gesellschaftssystem befinden, das den Menschen insgesamt mehr schadet als nützt. Rosa Luxemburg war die letzte Persönlichkeit auf deutschem Boden, die der Wahrheit so gefährlich nahe gekommen ist, dass deutsche Freicorps sie auf Befehl kurzerhand umbrachten und den Karl Liebknecht gleich dazu. Dabei war die Frau noch nicht einmal eine erklärte Kommunistin. Aber sie erinnerte sich daran, dass es ein Leben jenseits des Kapitalismus gibt. Und genau das machte sie so gefährlich, denn die „göttliche Maschine“, dieses weltumspannende, durch und durch destruktive Mahlwerk des Kapitalismus anzuzweifeln, ist ein Gedankenverbrechen und wird auf der Stelle von unseren Führungseliten kurz und klein geschlagen. Nicht nur in Deutschland!

    Gegen was sollen sich die Deutschen also wehren? Wir können lediglich punktuelle Verbesserungen unserer Lebensbedingungen erwirken, aber nicht das Grundproblem lösen, das unsere Proteste provoziert. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil wir alle Kapitalisten sind. Wir sind derart verkettet ins Räderwerk der „schönen Maschine“, dass wir uns nicht aus eigener Kraft befreien können. Und wenn wir es doch könnten – was dann? Es gibt derzeit keine tragfähige Alternative zum Kapitalismus; auch Sozialismus und Kommunismus sind keine Alternativen, sondern diese beiden Systeme sind bestenfalls „nachholender Kapitalismus“, basieren also auf dem gleichen kapitalistischen Prinzip der warenproduzierenden Mehrwertschöpfung auf der Grundlage abstrakter Arbeit.

    Das ist übrigens der Grund, warum es kaum Unterschiede in den Ansichten von linken und rechten politischen Strömungen gibt. Die ideologische Grundlage ist immer das kapitalistische Prinzip, so dass wir uns gar nicht wundern müssen, dass die einstige rot-grüne Regierung so scharf mit unseren Sozialsystemen umgegangen ist. Sozialisten sind auch nichts anderes als Kapitalisten.

    Gaby

    • Mirror sagt:

      Guten Tag! Ganz genau Gaby, so hat es fast immer funktioniert: …Bitte Leute, lasst euch nur auf klitzekleine „punktuelle Verbesserungen unserer Lebensbedingungen“ ein. Stellt nie die Frage zum Ganzen, sonst werdet ihr „umgebracht“. …. Drohung oder Blickwinkel? Oder sollte man sagen: ora et labora oder habe ich Dich falsch verstanden?

      Was lehrt uns Immanuel Kant noch heute?: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. …“
      und weiter
      „…Daß der bei weitem größte Teil der Menschen .. den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“

      Bis denne

    • Paten sagt:

      Guten Abend. Um bei Kant zu bleiben: Sapere aude! (Wage zu wissen! – als Leitmotiv der deutschen Aufklärung). Weiter so.

      MfG

      • hans-in-glück sagt:

        Ja, es nützt nichts, nur zu lesen und sich aufzuregen – man muß auch etwas unternehmen.

        Und jeder kann etwas tun:
        1. Jeder kann seine Freunde und Bekannten ansprechen und aktivieren, je nachdem wie jeder von ihnen “drauf” ist. Sie auf “seine” Newsseiten hinweisen, sie zum mittun auffordern etc.
        2. Jeder kann zu jeder Wahl gehen und ein Großes Kreuz quer über den ganzen Wahlzettel machen, das bedeutet: ich entziehe euch allen hiermit eure demokratische Legitimation – ich will euch alle nicht – ich will ein andere Demokratie – eine echte Bürgerdemokraie!
        3. Jeder kann seine Lieblingsseiten im Netz miteinander bekannt machen und sich dafür einsetzen, daß sie sich untereinander vernetzen.
        4. Jeder kann an jedem Wochenende eine halbe Stunde seiner Zeit opfern und sich bei epetitionen.de einloggen und die aktuellen Petitionen durchsehen und seine Stimme abgeben oder darauf hinweisen, warum diese oder jene Petition nicht seine Zustimmung findet.

        Das alles kostet nicht viel Zeit, kann aber sehr viel bringen. Wenn wir nicht wollen, daß wir mit unseren Wünschen und Bedürfnissen weiterhin vom Establishment ignoriert werden, wenn wir nicht wollen, daß auf unsere Kosten hier weiter die Demokratie-Show abgezogen wird, die immernur denselben Leuten noch mehr Geld einbringt – dann sollten wir endlich aktiv werden.

  5. Gaby sagt:

    Hallo, Mirror,

    hast Du darüber nachgedacht, was Kant im Räderwerk des Kapitalismus verstand, als er von „Vernunft“ und „Unmündigkeit“ sprach?

    Wenn ja, würde es mich freuen, Deine Erkenntnisse zu vernehmen. Ich mag mit Dir diskutieren.

    Liebe Grüße

    Gaby

  6. Gaby sagt:

    Hallo, Paten,

    joh, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, erstürme ich die Gipfel der Aufklärung darüber, dass unser Wirtschaftssystem eben nicht aus Gottes Hand stammt und darüber hinaus jeglicher Natürlichkeit und Logik entbehrt.

    Kant dürfte der wirkungsvollste Philosoph der Modernisierungsgeschichte gewesen sein und sang, innig umarmt von Hobbes und Adam Smith das Hohelied auf die Konkurrenz. Und Generationen von (Ein)Bildungsbürgern haben dumpf und stumpf hingenommen, dass Kant in den Menschen nichts anderes sah, als kläffende, neidische, gierige Köter. Igitt!

    Sapere aude!

    Gaby

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