Dieser Beitrag wurde geschrieben von am Donnerstag, 29. Dezember 2011 um 10:30 pm und eingeordnet unter Uncategorized. Du kannst den Antworten zu diesem Eintrag mit Hilfe des RSS-2.0-Feeds folgen.
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Rund 18 Millionen Menschen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen (unter 8,50 €). Eine unglaublich hohe Anzahl derartiger Lohnabhängigkeitsverhältnisse in Deutschland und ein politischer Skandal zugleich. Sie übersteigt bei weitem meine kühnsten Annahmen. So lässt sich jedenfalls auch erklären, warum weitestgehend auswärtige Fachkräfte um Deutschland einen Bogen machen. Deutschland ist ein Billiglohnland.
Deutschlands Politiker (von Ausnahmen abgesehen) und ein nicht unerheblicher Teil ihrer anhängenden „bürgerlichen Elite“ (und die ist sehr groß und hat aus ihrer Sicht viel zu verlieren), aber auch teilweise aus dem Kreis der Betroffenen selbst, treiben damit sehenden Auges den Keil der gesellschaftlichen Spaltung weiter voran und nehmen dabei durch „blanken Starrsinn“ mögliche und / oder weitere soziale Spannungen in Kauf. Keine Nation dieser Welt wird sich allerdings bei einer solchen fortschreitenden Entwicklung am Ende glücklich schätzen können. Schon gar nicht, wenn nur beklagende Worte gefunden werden, aber an tatsächlichen Lösungen nur herum geschwatzt werden.
Anstatt diese Entwicklung zu skandalisieren, so meine Beobachtungen jedenfalls, wird dieser gesellschaftliche Zustand lediglich als „Nachricht“ durch die Medien verkauft, aber mehr nicht. Es findet keine Aufklärung statt, den Menschen nahe zu bringen, wohin beispielsweise die Reise gehen könnte, wenn nicht nur schleunigst eine zumindest teilweise politische Kehrtwende vollzogen wird, sondern auch endlich ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet.
Die Frage ist, wie man dieser „sozialen Schieflage“ beikommen kann? Allein an das Wunder Wirtschaftswachstum zu glauben und an einer neuen Ethik und Moral verantwortungsbewusster Unternehmen zu appellieren, berührt wohl nicht mehr wirklich die Realität. Die hat nämlich in den vergangenen Jahren wohl eher gezeigt, dass Arbeitgeber solange auf Niedrig- und Dumpinglöhne setzen, wie sie ihnen auch tatsächlich zur Verfügung stehen (von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen).
Wie heißt es doch so schön: „Wer den Sumpf trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen.“ Wo also können die Drainagen (Änderungen) angelegt werden, um den Sumpf (prekäre Arbeitsverhältnisse) einigermaßen trockenzulegen? Das Infoportal bietet hierzu vielfältige Möglichkeiten. Man muss sie nur verstehen und ernst nehmen.
der Hinweis ist natürlich richtig – besten Dank dafür. Es sind natürlich keine 18 Mio., sondern 5,8 Mio., die unter 8,50 € in Deutschland arbeiten. Ich hoffe, wir sind uns dahingehend einig, dass mit einem Stundenlohn von 8.50 € kein Mensch wirklich dauerhaft “menschenwürdig” leben und darüber hinaus nichts für seine Altersversorgung zurücklegen kann. Mit solchen Billiglöhnen ist Altersarmut einfach nur vorprogammiert.
Dort wird festgestellt, dass der Niedriglohn am Rande der Armutsgrenze liegt und somit mehr oder weniger auf Sozialhilfeniveau / Hartz IV. Korrekt!
Als Niedriglohn wird gemäß OECD ein Lohn bezeichnet, der unterhalb von zwei Dritteln des nationalen Medianbruttolohns liegt. (Für den Median bitte entsprechend googeln, wem dieser Begriff nicht bekannt ist)
Laut Wikipedia lag die Niedriglohngrenze 2009 bei 9,50 Euro brutto pro Stunde, während sie 2006 noch bei 9,85 Euro lag! Das hiesse folgerichtig, dass der Medianbruttolohn sich in dieser Zeit nach unten bewegt hat…
2010 sind 21% aller Beschäftigten gemäß dieser Quelle als Niedriglöhner zu kategorisieren.
Dies passt halbwegs zu den 18% unter 8,50 € in der angegebenen Quelle des IAQ.
Interessanterweise soll es aber bereits 1994 16% Niedriglohnempfänger gegeben haben.
Ich gehe auch davon aus, dass auf diesem Gebiet langfristig gesehen eine Art Altersarmut-Tsunami auf Deutschland zurollt. Wie jeder nachrechnen kann: Ein 8,50 €-Löhner, alleinstehend, keine Kinder, geht vollzeit mit etwa 1.000 € netto nach Hause. Entsprechend wird die Rente ausfallen, private Vorsorge dürfte schwierig sein.
zunächst einmal danke ich Herrn Dr. Jahnke für diesen aufschlussreichen Artikel und Herrn Steingrube für seinen reichhaltigen Kommentar. Aber warum bleiben die Deutschen immer noch so ruhig und warum findet kein politisches Umdenken statt?
Aus meinen Erfahrungen mit den Menschen meiner Umgebung kann ich berichten, dass jeder zuallererst an sich selbst und seine Familie denkt. Dass rund 18 Millionen Bewohner Deutschlands als Konsumenten nur eine mickrige Figur abgeben, interessiert im Großen und Ganzen nicht, weil der Zusammenhang zwischen dem eigenen Gesichtskreis und der Nationalökonomie nicht sonderlich ausgeprägt ist. Der allgemeine Konsens lautet: “Auch wer wenig verdient, muss essen, braucht Energie, Kleidung und Schuhe, folglich geben die Leute ja Geld aus, das unserer Wirtschaft zugute kommt. Außerdem kann eine Wirtschaft nicht ewig wachsen und es verdirbt den Charakter, sich jeden Luxuswunsch zu erfüllen, zudem hatten wir früher auch nicht viel, waren arm, aber trotzdem glücklich.”
Hmm, da frage ich mich, ist Unwissenheit und Starrsinn die Mutter des Zynismus oder ist Zynismus eine deutsche Lebenseinstellung? Wie dem auch sei:
Die Babyboomer-Generation wuchs in der Sozialen Marktwirtschaft auf, in der es für viele wirtschaftlich nur aufwärts ging. Diese Generation hat Häuschen gebaut, materielle Werte und Geld angehäuft. Diese kleinen wie mittleren Vermögen werden vererbt und zwar an Leute meines Alters (49 J.und älter). Aber auch meine Generation, die zwischen 1960 und 65 geboren wurde, wuchs in der Sozialen Marktwirtschaft auf, konnte sich also relativ leicht Eigentum aufbauen. Auch das wird vererbt an die nachkommende Generation, also die, die jetzt unter prekären Arbeitsplätzen leiden. Nun bewährt sich sogar nachträglich, dass viele Deutsche in der Vergangenheit nur ein Kind groß gezogen haben, da muss das Einzelkind das Erbe nicht teilen.
Das heißt also, dass die aufgrund unserer entsetzlichen Wirtschaftspolitik eintretende Massenarmut noch ein wenig per Generationenwechsel aufgeschoben wird, also aktuell aus dem Gesichtskreis einer relativ große Zahl von Menschen verschwindet.
Und dann gibt es noch einen bunten Schleier, der sich verharmlosend über die beunruhigenden neoliberalen Tatsachen legt und das sind die Renten und Pensionen, die derzeit an rund 20 Millionen Ruheständler gezahlt werden. Die Omas und Opas sind es, die das Familieneinkommen der heutigen prekär Beschäftigten mithelfen aufzustocken. Sie tun das gerne und es streichelt ihr Ego, im Alter doch noch gebraucht zu werden; von der überaus wichtigen Kinderbetreuung, die sie zusätzlich kostenlos leisten, mal ganz abgesehen.
Ich kenne wirklich niemanden in meinem Umfeld, der keine Erbschaft in Aussicht hat und/oder bereits in seinem schuldenfreien Eigenheim lebt und darüber hinaus einiges Geld seit Jahrzehnten auf der hohen Kante hortet. Die unausweichliche ökonomische Katastrophe, in die wir hinein schliddern werden, ist für viele Menschen derzeit nicht erkennbar, weil man selber, weil die Kinder und Enkel ja aus der Familie heraus noch recht gut abgesichert sind.
Wenn ich bei diesen modernen, also überaus unaufgeklärten Menschen anmerke, dass der Kapitalismus, statt Wohlstand für alle zu schaffen, stets darauf setzte, dass sich Familien untereinander helfen, in den Entwicklungsländern der letzten 60 Jahre explizit und diese Wirkweise des Kapitalismus lediglich 50 Jahre lang in der westlichen Sozialen Marktwirtschaft politisch gewollt ausgesetzt wurde, sich nun aber per Neoliberalismus in das reiche Deutschland mit aller politischen Durchsetzungskraft entfaltet, werde ich für wirklichkeitsfremd erklärt. ‘Die deutsche Nation’, wird mir ins Gesicht geschleudert, ‘ist keinesfalls mit einem Entwicklungsland zu vergleichen, punktum! Wer so was sagt, ist ein Irrer!’
Ich weiß selbstverständlich, dass meine Auskunft nicht repräsentativ ist, sondern nur eine Momentaufnahme der mir gut bekannten Deutschen darstellt. Aber mir dienen diese Einsichten unter deutsche Dächer, auch des meinen, ein wenig als Erklärung dafür, warum die Deutschen nicht massenhaft auf die Straße gehen und nicht lauthals gegen unsere Wirtschaftspolitik protestieren bzw. ihr Wahlverhalten ändern. Die Baby-Boomer und die in den 1960ern Geborenen hoffen schlichtweg, dass sie ihre Kinder und Enkel in stürmischen Zeiten per eigenem Vermögen, das aus der Sozialen Marktwirtschaft resultiert, über Wasser halten und sich, wie durch ein Wunder, wieder eine Ökonomie etabliert, die die Menschen mitnimmt und sie, wie einst, wieder Jahr für Jahr vermögender macht.
Ich wünsche Euch allen einen unfallfreien Rutsch ins Jahr 2012 und dass das neue Jahr, entgegen meinen diffusen Befürchtungen, nicht so chaotisch wird wie 2011.
Die Redewendung, der tote Fisch stinke vom Kopf her, stimmt nicht. Der ganze Fisch verwest gleichzeitig und stinkt gleichzeitig. Ich weiß das, weil ich die Tochter eines Bestatters bin und Hunderte Leichen im Laufe meiner Kindheit und Jugend gesehen, angefasst, gewaschen und somit gerochen habe. Eine menschliche Leiche stinkt insgesamt, egal ob vom Kopf, vom Bauch oder den Beinen gleichzeitig und Fische folgen den gleichen Verwesung-Gesetzen.
Die Politik mit der Natur zu vergleichen, gar den Kapitalismus mit der Natur dieses Planeten gleichzusetzen, ist seit dem 19. Jhr. infam und bedeutet Krieg, schlägt sogar seit dem Jahr 1989 per Sturm, also klimatischen Kapriolen über Rheinland-Pfalz und Gesamtdeutschland extrem auf uns Menschen zurück.
Es stimmt nicht, dass die Trockenlegung eines Teiches von dem Protest der Frösche verhindert werden könnte. Woher aber stammt das englische Sprichwort “Schafe fressen Menschen.” Ups, Schafe fressen Menschen? Was ist das denn für eine groteske Volksweisheit der Engländer, Schotten und Iren?
Na, wer weiß die Lösung dieses jahrhundertelangen Rätsels, Schafe fressen Menschen? Ich bin sehr gespannt auf Eure Antworten.
hab´mal recherchiert. Geht wohl auf Thomas Morus zurück. Im Zuge der Ausbreitung der Wollweberei verloren Bauern ihr Land oder wurden davon vertrieben. Sie waren dann entwurzelt und fanden sich dann in Wollmanufakturen wieder. Scheint mir eine frühe Form der Enteignung zu sein. Im Grunde ist es das Eigentum, das den meisten fehlt. Aber die bedrohte Mittelschicht kann sich ja weiterhin an die Bildung klammern
Du bist mit Deinen Recherchen auf dem richtigen Weg. Alles Gute wünsche ich Dir für 2012 und vor allen Dingen eine robuste Gesundheit. Gerne würde ich mehr von Dir lesen.
Unser “Staatsoberhaupt” Hr. C. W. sollte bei Erasmus von Rotterdam(Adagia) nachlesen:
Es fängt der Fisch zuerst vom Kopf zu stinken an.
Das ist gegen die schlechten Herrscher, die mit ihrer Verderbtheit das ganze Volk anstecken.
Es stammt offenbar aus der Sprache des einfachen Volkes!!!
MfG
ich bin von Euch vermutlich oft belächelt worden, weil mir Erich Fromm viel bedeutet und manche mögen meine Geschreibsel nicht, weil sie ihnen zu radikal, meine Zitate aus historischen Schriften zu extremistisch erscheinen. Nein, ich lüge nicht! Ich nenne immer Quellen!
Umso mehr freut es mich, dass der diesjährige Erich-Fromm-Preis an Georg Schramm, einen Kabarettisten, den Ihr alle kennt, verliehen wird.
Die von mir verlinkte Rede bezieht sich zwar auf den Abgang Horst Köhlers, aber der Gehalt der Rede war gestern so modern, wie sie auch heute auf unsere Regierung, auf unser Volk und auf den Bundespräsidenten Wulff angewendet werden muss, ebenso, wie Erich Fromms Schriften vermutlich in den nächsten 30 Jahren nicht in Vergessenheit geraten werden.
Zumindest meinereiner belächelt da gar nix, auch Deine Sympathie für Erich Fromm (wusste ich noch nicht…) teile ich – den haben wir in den jungen Jahren ja rauf und runter gelesen. Ist aktuell wohl etwas in Vergessenheit geraten, aber das gilt für vieles andere auch.
Es ist ja zur Zeit nicht wirklich die Frage, ob “Haben oder Sein”…
Schramm: für mich der beste politische Kabarettist. Keine Frage.
Insofern: Verdienter Preis. Schönes Video!
vielen Dank für Deinen Kommentar. Vorhin habe ich im Deutschland-Radio einen für mich neuen Begriff gehört: “post-autistische Ökonomie”. Der Beitrag war sehr interessant und lässt auf einen humaneren Kapitalismus hoffen. In der Wikipedia gibt es einen Eintrag dazu:
Vielleicht wird es in zwei, drei Generationen endlich eine ausgewogenere globalisierte Marktwirtschaft geben, die sich am Vorbild der westlichen Sozialen Marktwirtschaft oder die Skandinaviens orientiert.
Rund 18 Millionen Menschen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen (unter 8,50 €). Eine unglaublich hohe Anzahl derartiger Lohnabhängigkeitsverhältnisse in Deutschland und ein politischer Skandal zugleich. Sie übersteigt bei weitem meine kühnsten Annahmen. So lässt sich jedenfalls auch erklären, warum weitestgehend auswärtige Fachkräfte um Deutschland einen Bogen machen. Deutschland ist ein Billiglohnland.
Deutschlands Politiker (von Ausnahmen abgesehen) und ein nicht unerheblicher Teil ihrer anhängenden „bürgerlichen Elite“ (und die ist sehr groß und hat aus ihrer Sicht viel zu verlieren), aber auch teilweise aus dem Kreis der Betroffenen selbst, treiben damit sehenden Auges den Keil der gesellschaftlichen Spaltung weiter voran und nehmen dabei durch „blanken Starrsinn“ mögliche und / oder weitere soziale Spannungen in Kauf. Keine Nation dieser Welt wird sich allerdings bei einer solchen fortschreitenden Entwicklung am Ende glücklich schätzen können. Schon gar nicht, wenn nur beklagende Worte gefunden werden, aber an tatsächlichen Lösungen nur herum geschwatzt werden.
Anstatt diese Entwicklung zu skandalisieren, so meine Beobachtungen jedenfalls, wird dieser gesellschaftliche Zustand lediglich als „Nachricht“ durch die Medien verkauft, aber mehr nicht. Es findet keine Aufklärung statt, den Menschen nahe zu bringen, wohin beispielsweise die Reise gehen könnte, wenn nicht nur schleunigst eine zumindest teilweise politische Kehrtwende vollzogen wird, sondern auch endlich ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet.
Die Frage ist, wie man dieser „sozialen Schieflage“ beikommen kann? Allein an das Wunder Wirtschaftswachstum zu glauben und an einer neuen Ethik und Moral verantwortungsbewusster Unternehmen zu appellieren, berührt wohl nicht mehr wirklich die Realität. Die hat nämlich in den vergangenen Jahren wohl eher gezeigt, dass Arbeitgeber solange auf Niedrig- und Dumpinglöhne setzen, wie sie ihnen auch tatsächlich zur Verfügung stehen (von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen).
Wie heißt es doch so schön: „Wer den Sumpf trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen.“ Wo also können die Drainagen (Änderungen) angelegt werden, um den Sumpf (prekäre Arbeitsverhältnisse) einigermaßen trockenzulegen? Das Infoportal bietet hierzu vielfältige Möglichkeiten. Man muss sie nur verstehen und ernst nehmen.
Guten Tag Herr Steingrube,
eventuell haben Sie hier
http://www.iaq.uni-due.de/archiv/presse/2011/111115.php
die entsprechenden Zahlen ADDIERT. Die Zahlen in der Spalte “Gesamtzahl” sind aber – wie ich aus dem Kontext herauslese – bereits kumuliert.
So ergibt sich: Es sind 5,8 Millionen – und keine 18 Millionen -, die für Löhne bis zu 8,50 € arbeiten.
Das steht auch im Artikel von Herrn Jahnke so drin.
Grüße,
Christof
Hallo Christof,
der Hinweis ist natürlich richtig – besten Dank dafür. Es sind natürlich keine 18 Mio., sondern 5,8 Mio., die unter 8,50 € in Deutschland arbeiten. Ich hoffe, wir sind uns dahingehend einig, dass mit einem Stundenlohn von 8.50 € kein Mensch wirklich dauerhaft “menschenwürdig” leben und darüber hinaus nichts für seine Altersversorgung zurücklegen kann. Mit solchen Billiglöhnen ist Altersarmut einfach nur vorprogammiert.
Die besten Wünsche für das Jahr 2012
Beste Wünsche zurück!
Interessant ist auch, die hier vorgestellten Daten mit dem Artikel über Niedriglohn in Wikipedia abzugleichen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Niedriglohn
Dort wird festgestellt, dass der Niedriglohn am Rande der Armutsgrenze liegt und somit mehr oder weniger auf Sozialhilfeniveau / Hartz IV. Korrekt!
Als Niedriglohn wird gemäß OECD ein Lohn bezeichnet, der unterhalb von zwei Dritteln des nationalen Medianbruttolohns liegt. (Für den Median bitte entsprechend googeln, wem dieser Begriff nicht bekannt ist)
Laut Wikipedia lag die Niedriglohngrenze 2009 bei 9,50 Euro brutto pro Stunde, während sie 2006 noch bei 9,85 Euro lag! Das hiesse folgerichtig, dass der Medianbruttolohn sich in dieser Zeit nach unten bewegt hat…
2010 sind 21% aller Beschäftigten gemäß dieser Quelle als Niedriglöhner zu kategorisieren.
Dies passt halbwegs zu den 18% unter 8,50 € in der angegebenen Quelle des IAQ.
Interessanterweise soll es aber bereits 1994 16% Niedriglohnempfänger gegeben haben.
Ich gehe auch davon aus, dass auf diesem Gebiet langfristig gesehen eine Art Altersarmut-Tsunami auf Deutschland zurollt. Wie jeder nachrechnen kann: Ein 8,50 €-Löhner, alleinstehend, keine Kinder, geht vollzeit mit etwa 1.000 € netto nach Hause. Entsprechend wird die Rente ausfallen, private Vorsorge dürfte schwierig sein.
C.
Guten Tag, Herr Steingrube und Mitlesende,
zunächst einmal danke ich Herrn Dr. Jahnke für diesen aufschlussreichen Artikel und Herrn Steingrube für seinen reichhaltigen Kommentar. Aber warum bleiben die Deutschen immer noch so ruhig und warum findet kein politisches Umdenken statt?
Aus meinen Erfahrungen mit den Menschen meiner Umgebung kann ich berichten, dass jeder zuallererst an sich selbst und seine Familie denkt. Dass rund 18 Millionen Bewohner Deutschlands als Konsumenten nur eine mickrige Figur abgeben, interessiert im Großen und Ganzen nicht, weil der Zusammenhang zwischen dem eigenen Gesichtskreis und der Nationalökonomie nicht sonderlich ausgeprägt ist. Der allgemeine Konsens lautet: “Auch wer wenig verdient, muss essen, braucht Energie, Kleidung und Schuhe, folglich geben die Leute ja Geld aus, das unserer Wirtschaft zugute kommt. Außerdem kann eine Wirtschaft nicht ewig wachsen und es verdirbt den Charakter, sich jeden Luxuswunsch zu erfüllen, zudem hatten wir früher auch nicht viel, waren arm, aber trotzdem glücklich.”
Hmm, da frage ich mich, ist Unwissenheit und Starrsinn die Mutter des Zynismus oder ist Zynismus eine deutsche Lebenseinstellung? Wie dem auch sei:
Die Babyboomer-Generation wuchs in der Sozialen Marktwirtschaft auf, in der es für viele wirtschaftlich nur aufwärts ging. Diese Generation hat Häuschen gebaut, materielle Werte und Geld angehäuft. Diese kleinen wie mittleren Vermögen werden vererbt und zwar an Leute meines Alters (49 J.und älter). Aber auch meine Generation, die zwischen 1960 und 65 geboren wurde, wuchs in der Sozialen Marktwirtschaft auf, konnte sich also relativ leicht Eigentum aufbauen. Auch das wird vererbt an die nachkommende Generation, also die, die jetzt unter prekären Arbeitsplätzen leiden. Nun bewährt sich sogar nachträglich, dass viele Deutsche in der Vergangenheit nur ein Kind groß gezogen haben, da muss das Einzelkind das Erbe nicht teilen.
Das heißt also, dass die aufgrund unserer entsetzlichen Wirtschaftspolitik eintretende Massenarmut noch ein wenig per Generationenwechsel aufgeschoben wird, also aktuell aus dem Gesichtskreis einer relativ große Zahl von Menschen verschwindet.
Und dann gibt es noch einen bunten Schleier, der sich verharmlosend über die beunruhigenden neoliberalen Tatsachen legt und das sind die Renten und Pensionen, die derzeit an rund 20 Millionen Ruheständler gezahlt werden. Die Omas und Opas sind es, die das Familieneinkommen der heutigen prekär Beschäftigten mithelfen aufzustocken. Sie tun das gerne und es streichelt ihr Ego, im Alter doch noch gebraucht zu werden; von der überaus wichtigen Kinderbetreuung, die sie zusätzlich kostenlos leisten, mal ganz abgesehen.
Ich kenne wirklich niemanden in meinem Umfeld, der keine Erbschaft in Aussicht hat und/oder bereits in seinem schuldenfreien Eigenheim lebt und darüber hinaus einiges Geld seit Jahrzehnten auf der hohen Kante hortet. Die unausweichliche ökonomische Katastrophe, in die wir hinein schliddern werden, ist für viele Menschen derzeit nicht erkennbar, weil man selber, weil die Kinder und Enkel ja aus der Familie heraus noch recht gut abgesichert sind.
Wenn ich bei diesen modernen, also überaus unaufgeklärten Menschen anmerke, dass der Kapitalismus, statt Wohlstand für alle zu schaffen, stets darauf setzte, dass sich Familien untereinander helfen, in den Entwicklungsländern der letzten 60 Jahre explizit und diese Wirkweise des Kapitalismus lediglich 50 Jahre lang in der westlichen Sozialen Marktwirtschaft politisch gewollt ausgesetzt wurde, sich nun aber per Neoliberalismus in das reiche Deutschland mit aller politischen Durchsetzungskraft entfaltet, werde ich für wirklichkeitsfremd erklärt. ‘Die deutsche Nation’, wird mir ins Gesicht geschleudert, ‘ist keinesfalls mit einem Entwicklungsland zu vergleichen, punktum! Wer so was sagt, ist ein Irrer!’
Ich weiß selbstverständlich, dass meine Auskunft nicht repräsentativ ist, sondern nur eine Momentaufnahme der mir gut bekannten Deutschen darstellt. Aber mir dienen diese Einsichten unter deutsche Dächer, auch des meinen, ein wenig als Erklärung dafür, warum die Deutschen nicht massenhaft auf die Straße gehen und nicht lauthals gegen unsere Wirtschaftspolitik protestieren bzw. ihr Wahlverhalten ändern. Die Baby-Boomer und die in den 1960ern Geborenen hoffen schlichtweg, dass sie ihre Kinder und Enkel in stürmischen Zeiten per eigenem Vermögen, das aus der Sozialen Marktwirtschaft resultiert, über Wasser halten und sich, wie durch ein Wunder, wieder eine Ökonomie etabliert, die die Menschen mitnimmt und sie, wie einst, wieder Jahr für Jahr vermögender macht.
Ich wünsche Euch allen einen unfallfreien Rutsch ins Jahr 2012 und dass das neue Jahr, entgegen meinen diffusen Befürchtungen, nicht so chaotisch wird wie 2011.
Gaby
Hallo, in die Runde,
ich möchte noch etwas anmerken:
Die Redewendung, der tote Fisch stinke vom Kopf her, stimmt nicht. Der ganze Fisch verwest gleichzeitig und stinkt gleichzeitig. Ich weiß das, weil ich die Tochter eines Bestatters bin und Hunderte Leichen im Laufe meiner Kindheit und Jugend gesehen, angefasst, gewaschen und somit gerochen habe. Eine menschliche Leiche stinkt insgesamt, egal ob vom Kopf, vom Bauch oder den Beinen gleichzeitig und Fische folgen den gleichen Verwesung-Gesetzen.
Die Politik mit der Natur zu vergleichen, gar den Kapitalismus mit der Natur dieses Planeten gleichzusetzen, ist seit dem 19. Jhr. infam und bedeutet Krieg, schlägt sogar seit dem Jahr 1989 per Sturm, also klimatischen Kapriolen über Rheinland-Pfalz und Gesamtdeutschland extrem auf uns Menschen zurück.
Es stimmt nicht, dass die Trockenlegung eines Teiches von dem Protest der Frösche verhindert werden könnte. Woher aber stammt das englische Sprichwort “Schafe fressen Menschen.” Ups, Schafe fressen Menschen? Was ist das denn für eine groteske Volksweisheit der Engländer, Schotten und Iren?
Na, wer weiß die Lösung dieses jahrhundertelangen Rätsels, Schafe fressen Menschen? Ich bin sehr gespannt auf Eure Antworten.
Bis denne,
Gaby
@Gaby
hab´mal recherchiert. Geht wohl auf Thomas Morus zurück. Im Zuge der Ausbreitung der Wollweberei verloren Bauern ihr Land oder wurden davon vertrieben. Sie waren dann entwurzelt und fanden sich dann in Wollmanufakturen wieder. Scheint mir eine frühe Form der Enteignung zu sein. Im Grunde ist es das Eigentum, das den meisten fehlt. Aber die bedrohte Mittelschicht kann sich ja weiterhin an die Bildung klammern
Lieber Sascha,
Du bist mit Deinen Recherchen auf dem richtigen Weg. Alles Gute wünsche ich Dir für 2012 und vor allen Dingen eine robuste Gesundheit. Gerne würde ich mehr von Dir lesen.
Herzliche Grüße sendet Dir und den Mitlesenden,
Gaby
Unser “Staatsoberhaupt” Hr. C. W. sollte bei Erasmus von Rotterdam(Adagia) nachlesen:
Es fängt der Fisch zuerst vom Kopf zu stinken an.
Das ist gegen die schlechten Herrscher, die mit ihrer Verderbtheit das ganze Volk anstecken.
Es stammt offenbar aus der Sprache des einfachen Volkes!!!
MfG
Hallo, in die Runde,
ich bin von Euch vermutlich oft belächelt worden, weil mir Erich Fromm viel bedeutet und manche mögen meine Geschreibsel nicht, weil sie ihnen zu radikal, meine Zitate aus historischen Schriften zu extremistisch erscheinen. Nein, ich lüge nicht! Ich nenne immer Quellen!
Umso mehr freut es mich, dass der diesjährige Erich-Fromm-Preis an Georg Schramm, einen Kabarettisten, den Ihr alle kennt, verliehen wird.
http://www.erich-fromm.de/biophil/joomla/index.php?option=com_content&view=article&id=212%3Aerich-fromm-preis-2012&catid=1%3Aaktuelle-nachrichten
Die von mir verlinkte Rede bezieht sich zwar auf den Abgang Horst Köhlers, aber der Gehalt der Rede war gestern so modern, wie sie auch heute auf unsere Regierung, auf unser Volk und auf den Bundespräsidenten Wulff angewendet werden muss, ebenso, wie Erich Fromms Schriften vermutlich in den nächsten 30 Jahren nicht in Vergessenheit geraten werden.
Gaby
Trösterchen, Gaby!
Zumindest meinereiner belächelt da gar nix, auch Deine Sympathie für Erich Fromm (wusste ich noch nicht…) teile ich – den haben wir in den jungen Jahren ja rauf und runter gelesen. Ist aktuell wohl etwas in Vergessenheit geraten, aber das gilt für vieles andere auch.
Es ist ja zur Zeit nicht wirklich die Frage, ob “Haben oder Sein”…
Schramm: für mich der beste politische Kabarettist. Keine Frage.
Insofern: Verdienter Preis. Schönes Video!
LG,
Christof
Guten Tag, Christof und Mitlesende,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Vorhin habe ich im Deutschland-Radio einen für mich neuen Begriff gehört: “post-autistische Ökonomie”. Der Beitrag war sehr interessant und lässt auf einen humaneren Kapitalismus hoffen. In der Wikipedia gibt es einen Eintrag dazu:
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Post-autistische_%C3%96konomie
Vielleicht wird es in zwei, drei Generationen endlich eine ausgewogenere globalisierte Marktwirtschaft geben, die sich am Vorbild der westlichen Sozialen Marktwirtschaft oder die Skandinaviens orientiert.
Bis denne,
Gaby