Dieser Beitrag wurde geschrieben von am Donnerstag, 28. Juli 2011 um 2:47 pm und eingeordnet unter Uncategorized. Du kannst den Antworten zu diesem Eintrag mit Hilfe des RSS-2.0-Feeds folgen.
Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite schicken.
warum treten gerade jetzt so viele Fälle von Depressionen bzw. Burn- wie Boreouts auf, deren Grundlage ebenfalls die Depression ist? Warum heute und warum nicht gleichermaßen vor 30 Jahren? Das ist die Frage, die ich mir stelle, nachdem zwei meiner Kollegen in diesem Jahr, nach monatelangen Klinikaufenthalten, aufgrund nicht reparabler psychischer Störungen ausgesteuert, also auf’s Pflaster geworfen werden.
Es liegt meines Erachtens an der neoliberalen Variante der Globalisierung mit all ihrem lean-production und just-in-time Wahnsinn, all der unternehmerischen Verantwortung, die längst auf die Lohnempfänger übertragen wurde und den enormen Zeitverschiebungen, die sich ergeben, wenn Firmen, zersplittert überall in der Welt, produzieren. Wir müssen ständig online, ständig per Handy, E-mail, iPod, Blackberry etc. erreichbar sein. Es gibt für ganz viele Menschen meines Dunstkreises überhaupt keine Muße, überhaupt kein Familienleben, keinen Samstag, keinen Sonntag, keinen Feiertag mehr – selbst im Urlaub sind sie jederzeit erreichbar und arbeiten per Home-Office. Hinzu kommt natürlich die riesengroße Angst, heutzutage in der Bundesrepublik Deutschland krank oder arbeitslos zu werden. Bevor einem derart aus dem kapitalistischen Produktions- bzw. Dienstleistungsprozess ausgespuckten Menschen überhaupt staatlicherseits geholfen wird, muss er erst einmal, das will die Politik so, sein angespartes Vermögen verfrühstücken, also auf das elende Niveau der Kartoffel verarmen. Bei den Steckrüben sind wir noch nicht angelangt – das kommt noch!
In den letzten 25 Jahren habe ich die gesamte Umgestaltung der sozialen Arbeitswelt in die neu-klassisch geprägte Tag für Tag in den Stätten meines Arbeitgebers erlebt. Und schon wieder erfindet sich mein Arbeitgeber neu, weil nämlich die Umsätze plötzlich, seit Juni, wieder dramatisch zurück gehen und schon wieder haben die Arbeitnehmer Angst und Panik, ihre Haut eines Tages nicht mehr an den Kapitalisten verkaufen zu dürfen, weil sie dann nämlich vor dem Nichts stehen. Die ständige Angst um die eigene Existenz frisst Seele! Angst verändert die Menschen negativ!
“Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die (lohnabhängige) Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern erzwungen – Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines anderen ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem anderen angehört. Wie in der Religion die Selbsttätigkeit der menschlichen Phantasie, des menschlichen Hirns und des menschlichen Herzens unabhängig vom Individuum, d.h. als eine fremde, göttliche oder teufliche Tätigkeit, auf es wirkt, so ist die Tätigkeit des Arbeiters nicht mehr Selbsttätigkeit. Sie gehört einem anderen, sie ist der Verlust seiner selbst.”
(Quelle: Karl Marx, Auszug aus “Ökonomisch-philosophische Manuskripte”, 1844)
Neo-Liberalismus sagt doch schon alles über die derzeit herrschende Ökonomie, oder? Das ist eine Wiederbelebung der ökonomischen Verhältnisse, wie sie im 19. Jhr. herrschten, nur auf einer sehr viel höheren kapitalistischen Entwicklungsstufe, nämlich die der Mikrochips und Fabrikroboter. Meine Generation (1962), aufgewachsen in der “Sozialen Marktwirtschaft”, hat immer geglaubt, Karl Marx würde mit seiner Gesellschaftskritik maaaaßlos übertreiben. Was lohn- bzw. gehaltsabhängige Arbeit für die Psyche des Menschen wirklich bedeutet, hat die “Soziale Marktwirtschaft” hervorragend gut verschleiert – ich habe das selbst erlebt, mich damals richtig wohl gefühlt an meinem Arbeitsplatz. Nun aber sind die ordoliberal-keynes’schen Schleier gefallen und lohnabhängige Arbeit ist vielfach wieder so unerträglich geworden, wie zu Karl Marx Lebzeiten.
Mich wundert der steile Anstieg der von Depressionen heimgesuchten Menschen überhaupt nicht. Die Depression ist substanziell eine gesunde Reaktion des Körpers auf inhumane äußere Verhältnisse, auch wenn sich diese Krankheit in der Realität für den/die Betroffenen und seine/ihre Angehörigen als extrem schwer zu bewältigen darstellt und die Depression leider viel zu oft im Selbstmord endet.
Wie ich meine, haben Sie die Kernbotschaften sehr deutlich und klar herausgearbeitet und eine Schlussfolgerung gezogen, die ich im vollen Umfang teile. Danke dafür. Die Spielregeln der Wirtschafts- und Sozialsysteme innerhalb unserer Gesellschaft können nicht allein von der “bürgerlichen und reichen Elite” vorgegeben werden, nur weil sie sich in der Öffentlichkeit durch „Mietmäuler“ gewissermaßen in Szene setzen können. Deutschland und die EU, müssen daran interessiert sein, dass sich die Kluft zwischen Globalisierungsgewinnern und Globalisierungsverlierern nicht noch weiter verschärft. Nordafrika sollte der Welt ein Warnhinweis sein. Auch Deutschland. Wir sollten das nicht unterschätzen. Unsere Gesellschaft sollte deshalb wieder begreifen lernen, dass ohne soziale Flankierungen kein dauerhaftes friedliches Zusammenleben möglich sein wird. Wie ein gutes Zusammenleben funktionieren kann, zeigen uns die skandinavischen Länder sehr deutlich.
Arbeit muss Spaß machen. Wenn man zur Arbeit gezwungen wird und als Humankapital verwurstet wird, wie das heute durch die Bundesregierung geschieht, wird man zwangsläufig seelisch krank. Und das merkt man erst, wenn es bereits zu spät ist. Nur durch das Verbot von Outsourcing, Leiharbeit und Subunternehmertum kann sich eine humane Arbeitswelt wieder einstellen.
Zitat aus dem Link:
„Wenn von der “guten Zeit” die Rede ist, so wird von einem “Sich -Verzehren nach den Schiffen und ein sehnsuchtsvolles Erinnern an das Kollektiv, in dem man seinen Platz und seine Anerkennung hatte” gesprochen. Die andere Bedeutung des “Zehren” jedoch bedeutet, dass die Arbeit beim Vulkan alles andere als gesundheitsschonend war.
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Bericht ehemaliger “Vulkanesen” hautnah schildern, was Karl Marx bereits in seinem Hauptwerk “Das Kapital” vor mehr als 130 Jahren beschrieben hat: “Arbeit führt unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen zur rücksichtslosen Vernutzung von Körper und Geist, zur Verletzung der Sinne durch Stäube und Lärm, zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit an Raum, Luft, Licht und an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige Umstände des Produktionsprozesses’.”
ich bin seit einigen Jahren regelmäßiger Besucher Ihrer Seite. Anläßlich dieses Beitrages frage ich mich, ob Sie selber eigentlich davor gefeit sind, in eine Depression abzustürzen? Man kommt ja schlicht und ergreifend nicht dazu, auch einmal einen richtig positiven Kracher reinzustellen – Sie haben wahrscheinlich eine starke Psyche
@gaby: Baujahr 62, kann ich Deinen Ausführungen nur zustimmen.
Wenn ich so die Zeiten nach Kohls Machtübernahme in 1982 – das war so das Erste, was ich aktiv mitbekommen habe – Revue passieren lasse, kann ich nur sagen: Das ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer geworden. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen; ein Beispiel bringe ich aber immer wieder gerne: In den 80ern, als Student, konnte man, wenn man schnell noch ein paar Mark brauchte, zur damaligen studentischen Jobvermittlung gehen und sich irgendwelche Jobs besorgen, egal ob kurz oder langfristig. Selbst für ungelernte Arbeiten ging das in der Spitze bis zu 15 DM, und 8 bis 10 DM waren das allemal, und wenns als Bauhelfer war. Das mal umgerechnet waren schon damals 7,50 Euro für einen völlig unbeleckten Studenten-Job. Mittlerweile, 25 Jahre später, nach einer gefühlten Verdoppelung der Preise (Beispiel: damals Miete für 50 qm bei 350 DM Großstadt, ein Buch fürn Heiermann…) bekommt man es immer noch nicht hin, für Leute, die davon leben müssen, wenigstens einen Mindestlohn in dieser Höhe (7,50) flächendeckend einzuführen! (Ich persönlich meine, dass müsste mehr sein, denn schließlich sind das auch nur 1.200 Euronen brutto!) Mehr will ich dazu gar nicht sagen, nur noch ein Danke für den Hinweis auf Marx und seine “Entäußerung der Arbeit”. Das hat mich damals auch beschäftigt, Perlen der Analyse.
Nun, das mit den zunehmenden Depressionen könnte man eventuell auch auf eine bessere Datenerfassung und Betreuung zurückführen, ich will das aber nicht wirklich tun. Letztendlich sind das auch nur Symptome und – ja – eine wahrscheinlich normale Reaktion auf krankmachende Umstände.
Herr Jahnke ist mit seiner Seite ja sehr vielseitig. Wenn ich das alles mal stichwortartig zusammenfasse, ergibt sich folgendes Bild:
- ein völlig aus den Fugen geratenes Finanzsystem mit wabernden Billionen (als Schulden, aber auch als Guthaben), wo man wirklich mal en detail gerne wüsste, wo die eigentlich genau herkommen (btw.: habe erst kürzlich mitgekommen, dass D’s Staatsschulden im letzten Jahr um gut 300 Milliarden angestiegen sind (!), davon alleine >200 Mrd. für die sogenannte “Bankenrettung”. D.h., für jeden Bundenbürger sind “mal eben so” 3.000 Euronen im letzten Jahr im Rahmen der Krise “versenkt” worden! Zwischenfrage an Herrn Jahnke: Wo ist dieses Geld eigentlich hin?)
- ein wirklich obszönes Auseinanderdriften von Reichtum und Armut, das wurde und wird hier lang und breit dargelegt.
- ein Ausufern der Zeit- und Leiharbeit, prekäre Jobs, Aufstocker etc. pp.
- Geburtenraten auf konstant niedrigem Niveau (dem könnte man allerdings noch positive Seiten abgewinnen…), was alleine schon für sich genommen ein Indiz für lebensfeindliche Umstände ist (denn Kinder SIND Leben).
- Peak everything im Anmarsch: Auch das hat Herr Jahnke – ich glaube, früher etwas häufiger – immer wieder dargestellt. Und leider muß man auch hier konstatieren: Das läuft alles noch nicht einmal linear, sondern im weitesten Sinne exponentiell. Leider kann das rein systemisch nicht lange gutgehen. Die einzigen Unbekannten sind hier: wie lange? und wie sehen die notwendigen Anpassungsprozesse aus? Das die kommen müssen, steht für mich außer Frage.
Auf weitere kultur- oder zivilisationskritische Bemerkungen verzichte ich hier aus Platzgründen.
Ja, und die literatischen Eye-Opener will ich hier auch nicht verschweigen: “Grenzen des Wachstums” (o.k., die waren prognostisch wohl noch etwas unbedarft) und der Klassiker “Die Globalisierungsfalle”.
Nun ja, und wenn das alles kein prima Nährboden für Depressionen sein sollte – was dann?
grüßend trotzdem fröhlichst in die Runde,
Christof
Leider braucht man für sehr Vieles, was heute läuft, und wenn man der Wahrheit ins Gesicht sehen will, eine starke Psyche. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, hilft erfahrungsgemäß auch nicht. Ich halte mich immer an Fakten, auch bei dem Thema Depression. Für frohe Jubelmeldungen jenseits der Realitäten gibt es genügend andere Medienprodukte. Ich erhebe ja mit dem Infoportal keinen Monopolanspruch auf Information. Doch hoffe ich, daß einige meiner Analysen Menschen erreichen, die genügend Gewicht haben, um auf Änderungen hinzuwirken. Jedenfalls gibt es unter den Empfängern der Wochenbriefe, in die das Thema Depression noch ausführlicher eingehen wird, durchaus solche Menschen.
Zum Thema Arbeit-Psychostress-Menschen ein exemplarisches Beispiel:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/finanzkrise-und-die-werft-malocher-dann-ist-mein-vater-weniger-wert-1.1120174
MfG
Schönen guten Tag miteinander,
warum treten gerade jetzt so viele Fälle von Depressionen bzw. Burn- wie Boreouts auf, deren Grundlage ebenfalls die Depression ist? Warum heute und warum nicht gleichermaßen vor 30 Jahren? Das ist die Frage, die ich mir stelle, nachdem zwei meiner Kollegen in diesem Jahr, nach monatelangen Klinikaufenthalten, aufgrund nicht reparabler psychischer Störungen ausgesteuert, also auf’s Pflaster geworfen werden.
Es liegt meines Erachtens an der neoliberalen Variante der Globalisierung mit all ihrem lean-production und just-in-time Wahnsinn, all der unternehmerischen Verantwortung, die längst auf die Lohnempfänger übertragen wurde und den enormen Zeitverschiebungen, die sich ergeben, wenn Firmen, zersplittert überall in der Welt, produzieren. Wir müssen ständig online, ständig per Handy, E-mail, iPod, Blackberry etc. erreichbar sein. Es gibt für ganz viele Menschen meines Dunstkreises überhaupt keine Muße, überhaupt kein Familienleben, keinen Samstag, keinen Sonntag, keinen Feiertag mehr – selbst im Urlaub sind sie jederzeit erreichbar und arbeiten per Home-Office. Hinzu kommt natürlich die riesengroße Angst, heutzutage in der Bundesrepublik Deutschland krank oder arbeitslos zu werden. Bevor einem derart aus dem kapitalistischen Produktions- bzw. Dienstleistungsprozess ausgespuckten Menschen überhaupt staatlicherseits geholfen wird, muss er erst einmal, das will die Politik so, sein angespartes Vermögen verfrühstücken, also auf das elende Niveau der Kartoffel verarmen. Bei den Steckrüben sind wir noch nicht angelangt – das kommt noch!
In den letzten 25 Jahren habe ich die gesamte Umgestaltung der sozialen Arbeitswelt in die neu-klassisch geprägte Tag für Tag in den Stätten meines Arbeitgebers erlebt. Und schon wieder erfindet sich mein Arbeitgeber neu, weil nämlich die Umsätze plötzlich, seit Juni, wieder dramatisch zurück gehen und schon wieder haben die Arbeitnehmer Angst und Panik, ihre Haut eines Tages nicht mehr an den Kapitalisten verkaufen zu dürfen, weil sie dann nämlich vor dem Nichts stehen. Die ständige Angst um die eigene Existenz frisst Seele! Angst verändert die Menschen negativ!
“Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die (lohnabhängige) Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern erzwungen – Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines anderen ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem anderen angehört. Wie in der Religion die Selbsttätigkeit der menschlichen Phantasie, des menschlichen Hirns und des menschlichen Herzens unabhängig vom Individuum, d.h. als eine fremde, göttliche oder teufliche Tätigkeit, auf es wirkt, so ist die Tätigkeit des Arbeiters nicht mehr Selbsttätigkeit. Sie gehört einem anderen, sie ist der Verlust seiner selbst.”
(Quelle: Karl Marx, Auszug aus “Ökonomisch-philosophische Manuskripte”, 1844)
Neo-Liberalismus sagt doch schon alles über die derzeit herrschende Ökonomie, oder? Das ist eine Wiederbelebung der ökonomischen Verhältnisse, wie sie im 19. Jhr. herrschten, nur auf einer sehr viel höheren kapitalistischen Entwicklungsstufe, nämlich die der Mikrochips und Fabrikroboter. Meine Generation (1962), aufgewachsen in der “Sozialen Marktwirtschaft”, hat immer geglaubt, Karl Marx würde mit seiner Gesellschaftskritik maaaaßlos übertreiben. Was lohn- bzw. gehaltsabhängige Arbeit für die Psyche des Menschen wirklich bedeutet, hat die “Soziale Marktwirtschaft” hervorragend gut verschleiert – ich habe das selbst erlebt, mich damals richtig wohl gefühlt an meinem Arbeitsplatz. Nun aber sind die ordoliberal-keynes’schen Schleier gefallen und lohnabhängige Arbeit ist vielfach wieder so unerträglich geworden, wie zu Karl Marx Lebzeiten.
Mich wundert der steile Anstieg der von Depressionen heimgesuchten Menschen überhaupt nicht. Die Depression ist substanziell eine gesunde Reaktion des Körpers auf inhumane äußere Verhältnisse, auch wenn sich diese Krankheit in der Realität für den/die Betroffenen und seine/ihre Angehörigen als extrem schwer zu bewältigen darstellt und die Depression leider viel zu oft im Selbstmord endet.
Viele Grüße
Gaby
Wie ich meine, haben Sie die Kernbotschaften sehr deutlich und klar herausgearbeitet und eine Schlussfolgerung gezogen, die ich im vollen Umfang teile. Danke dafür. Die Spielregeln der Wirtschafts- und Sozialsysteme innerhalb unserer Gesellschaft können nicht allein von der “bürgerlichen und reichen Elite” vorgegeben werden, nur weil sie sich in der Öffentlichkeit durch „Mietmäuler“ gewissermaßen in Szene setzen können. Deutschland und die EU, müssen daran interessiert sein, dass sich die Kluft zwischen Globalisierungsgewinnern und Globalisierungsverlierern nicht noch weiter verschärft. Nordafrika sollte der Welt ein Warnhinweis sein. Auch Deutschland. Wir sollten das nicht unterschätzen. Unsere Gesellschaft sollte deshalb wieder begreifen lernen, dass ohne soziale Flankierungen kein dauerhaftes friedliches Zusammenleben möglich sein wird. Wie ein gutes Zusammenleben funktionieren kann, zeigen uns die skandinavischen Länder sehr deutlich.
Auch ein depremierender Ausdruck von Lebensangst: http://www.jjahnke.net/index_files/15679.gif
Arbeit muss Spaß machen. Wenn man zur Arbeit gezwungen wird und als Humankapital verwurstet wird, wie das heute durch die Bundesregierung geschieht, wird man zwangsläufig seelisch krank. Und das merkt man erst, wenn es bereits zu spät ist. Nur durch das Verbot von Outsourcing, Leiharbeit und Subunternehmertum kann sich eine humane Arbeitswelt wieder einstellen.
http://www.wsws.org/de/2008/jul2008/vulk-j18.shtml
Sozialer Abstieg konkret:
Zitat aus dem Link:
„Wenn von der “guten Zeit” die Rede ist, so wird von einem “Sich -Verzehren nach den Schiffen und ein sehnsuchtsvolles Erinnern an das Kollektiv, in dem man seinen Platz und seine Anerkennung hatte” gesprochen. Die andere Bedeutung des “Zehren” jedoch bedeutet, dass die Arbeit beim Vulkan alles andere als gesundheitsschonend war.
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Bericht ehemaliger “Vulkanesen” hautnah schildern, was Karl Marx bereits in seinem Hauptwerk “Das Kapital” vor mehr als 130 Jahren beschrieben hat: “Arbeit führt unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen zur rücksichtslosen Vernutzung von Körper und Geist, zur Verletzung der Sinne durch Stäube und Lärm, zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit an Raum, Luft, Licht und an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige Umstände des Produktionsprozesses’.”
Hallo Herr Jahnke,
ich bin seit einigen Jahren regelmäßiger Besucher Ihrer Seite. Anläßlich dieses Beitrages frage ich mich, ob Sie selber eigentlich davor gefeit sind, in eine Depression abzustürzen? Man kommt ja schlicht und ergreifend nicht dazu, auch einmal einen richtig positiven Kracher reinzustellen – Sie haben wahrscheinlich eine starke Psyche
@gaby: Baujahr 62, kann ich Deinen Ausführungen nur zustimmen.
Wenn ich so die Zeiten nach Kohls Machtübernahme in 1982 – das war so das Erste, was ich aktiv mitbekommen habe – Revue passieren lasse, kann ich nur sagen: Das ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer geworden. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen; ein Beispiel bringe ich aber immer wieder gerne: In den 80ern, als Student, konnte man, wenn man schnell noch ein paar Mark brauchte, zur damaligen studentischen Jobvermittlung gehen und sich irgendwelche Jobs besorgen, egal ob kurz oder langfristig. Selbst für ungelernte Arbeiten ging das in der Spitze bis zu 15 DM, und 8 bis 10 DM waren das allemal, und wenns als Bauhelfer war. Das mal umgerechnet waren schon damals 7,50 Euro für einen völlig unbeleckten Studenten-Job. Mittlerweile, 25 Jahre später, nach einer gefühlten Verdoppelung der Preise (Beispiel: damals Miete für 50 qm bei 350 DM Großstadt, ein Buch fürn Heiermann…) bekommt man es immer noch nicht hin, für Leute, die davon leben müssen, wenigstens einen Mindestlohn in dieser Höhe (7,50) flächendeckend einzuführen! (Ich persönlich meine, dass müsste mehr sein, denn schließlich sind das auch nur 1.200 Euronen brutto!) Mehr will ich dazu gar nicht sagen, nur noch ein Danke für den Hinweis auf Marx und seine “Entäußerung der Arbeit”. Das hat mich damals auch beschäftigt, Perlen der Analyse.
Nun, das mit den zunehmenden Depressionen könnte man eventuell auch auf eine bessere Datenerfassung und Betreuung zurückführen, ich will das aber nicht wirklich tun. Letztendlich sind das auch nur Symptome und – ja – eine wahrscheinlich normale Reaktion auf krankmachende Umstände.
Herr Jahnke ist mit seiner Seite ja sehr vielseitig. Wenn ich das alles mal stichwortartig zusammenfasse, ergibt sich folgendes Bild:
- ein völlig aus den Fugen geratenes Finanzsystem mit wabernden Billionen (als Schulden, aber auch als Guthaben), wo man wirklich mal en detail gerne wüsste, wo die eigentlich genau herkommen (btw.: habe erst kürzlich mitgekommen, dass D’s Staatsschulden im letzten Jahr um gut 300 Milliarden angestiegen sind (!), davon alleine >200 Mrd. für die sogenannte “Bankenrettung”. D.h., für jeden Bundenbürger sind “mal eben so” 3.000 Euronen im letzten Jahr im Rahmen der Krise “versenkt” worden! Zwischenfrage an Herrn Jahnke: Wo ist dieses Geld eigentlich hin?)
- ein wirklich obszönes Auseinanderdriften von Reichtum und Armut, das wurde und wird hier lang und breit dargelegt.
- ein Ausufern der Zeit- und Leiharbeit, prekäre Jobs, Aufstocker etc. pp.
- Geburtenraten auf konstant niedrigem Niveau (dem könnte man allerdings noch positive Seiten abgewinnen…), was alleine schon für sich genommen ein Indiz für lebensfeindliche Umstände ist (denn Kinder SIND Leben).
- Peak everything im Anmarsch: Auch das hat Herr Jahnke – ich glaube, früher etwas häufiger – immer wieder dargestellt. Und leider muß man auch hier konstatieren: Das läuft alles noch nicht einmal linear, sondern im weitesten Sinne exponentiell. Leider kann das rein systemisch nicht lange gutgehen. Die einzigen Unbekannten sind hier: wie lange? und wie sehen die notwendigen Anpassungsprozesse aus? Das die kommen müssen, steht für mich außer Frage.
Auf weitere kultur- oder zivilisationskritische Bemerkungen verzichte ich hier aus Platzgründen.
Ja, und die literatischen Eye-Opener will ich hier auch nicht verschweigen: “Grenzen des Wachstums” (o.k., die waren prognostisch wohl noch etwas unbedarft) und der Klassiker “Die Globalisierungsfalle”.
Nun ja, und wenn das alles kein prima Nährboden für Depressionen sein sollte – was dann?
grüßend trotzdem fröhlichst in die Runde,
Christof
Leider braucht man für sehr Vieles, was heute läuft, und wenn man der Wahrheit ins Gesicht sehen will, eine starke Psyche. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, hilft erfahrungsgemäß auch nicht. Ich halte mich immer an Fakten, auch bei dem Thema Depression. Für frohe Jubelmeldungen jenseits der Realitäten gibt es genügend andere Medienprodukte. Ich erhebe ja mit dem Infoportal keinen Monopolanspruch auf Information. Doch hoffe ich, daß einige meiner Analysen Menschen erreichen, die genügend Gewicht haben, um auf Änderungen hinzuwirken. Jedenfalls gibt es unter den Empfängern der Wochenbriefe, in die das Thema Depression noch ausführlicher eingehen wird, durchaus solche Menschen.