1939

Gedanken zur Zeit 1939 07-03-11: Das alternde Deutschland ist mir manchmal unheimlich

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3 Antworten zu 1939

  1. Gaby sagt:

    Hallo in die Runde,

    wohl wahr, dass den Deutschen mehr und mehr das Geld für eine traditionelle Erdbestattung fehlt, die zwischen 1.800 und 10.000 Euro kostet.

    In 1998 wurde von den Krankenkassen noch ein Sterbegeld bis zur Höhe von 3.100 Euro gezahlt. In 2002 betrug das Sterbegeld nur noch 1.050 Euro und bis Dezember 2003 525 Euro für einen gesetzlich Krankenversicherten und für seine mitversicherten Familienangehörigen 262,50 Euro. Seit 2004 zahlen die Krankenkassen kein Sterbegeld mehr. Das Sterbegeld wurde ersatzlos gestrichen, weil die Krankenkassen im neoliberalen Jargon argumentierten, dass “bestimmte Leistungen in die Eigenverantwortlichkeit der Versicherten” übertragen werden. So wurde das Sterben Privatsache.

    Aus diesem Grund haben sich in den letzten Jahren alternative Bestattungsformen, wie beispielsweise die Feuerbestattung entwickelt. Die Feuerbestattung hat den traditionellen Sarg zwar noch nicht abgelöst, ist aber auf starkem Vormarsch. Die Feuerbestattung hat zudem den Vorteil, dass die Asche nicht in eine Urne gepackt und diese Urne auf dem Friedhof in die Erde versenkt werden muss, sondern ziemlich im Trend liegt, die Asche in anonymen Friedwäldern zu verstreuen, ein Teil davon in einem Amulett mit sich zu tragen oder die Asche in einen Diamanten umzuwandeln. Das alles erspart den Hinterbliebenen (so es sie denn gibt) die Kosten der Grabpflege. Manche Menschen halten diese Art der Bestattung für pietätlos, weil es nach “ex und hopp” klingt.

    Eigentlich ist es vollkommen klar und es war nur eine Frage der Zeit, dass auch unser Tod im Rahmen des Kapitalismus in betriebswirtschaftlicher Logik betrachtet wird: Der Bestatter will den größtmöglichen Gewinn aus einer Beerdigung ziehen, viele Hinterbliebenen wollen/müssen sparen. Darüber hinaus kann der Kapitalismus, dessen Ziel die Gewinnmaximierung per Lostreten von Waren ist, nicht ohne Werbung funktionieren. Werbung ist zwar extrem nervig, aber ohne Werbung funktioniert das System nur schlecht.

    Was liegt also näher, die Eigenwerbung eines jugendlichen Radiosenders mit dem Tod zu verknüpfen? Im Sinne des Kapitalismus ist das absolut logisch und bringt dem Gewinner des kreativsten Spruchs eine Sterbeversicherung in Höhe von 3.000 Euro, getreu dem neoliberalen Motto: “Leistung muss sich wieder lohnen!”

    Der Kapitalismus fördert vor allen Dingen die schlechten menschlichen Eigenschaften. Hierzu zähle ich beispielsweise Pietätlosigkeit, Unaufrichtigkeit, Geldgier, Egoismus auf Kosten von Mensch und Natur und natürlich die Entfremdung der Menschen von sich selbst, also ihren vitalen Fähigkeiten.

    Die entsetzlichste Grabinschrift von allen steht auf dem Grab meines Schwiegervaters. Er wurde nur 47 Jahre alt und starb einen Blitztod (Herzanfall). Ich habe meine Schwiegermutter oft gefragt, was sie sich dabei gedacht hat, solche beschämenden letzten Worte gewählt zu haben. Sie verstand meine Frage nicht, denn der Spruch sei doch gutbürgerlich und fromm und würde verdeutlichen, dass ihr Mann immer nur gearbeitet hat und das ist doch eine gute, ehrenhafte Sache, oder nicht?!

    “Müh und Arbeit war sein Leben,
    Ruhe hat ihm Gott gegeben.”

    Meine Güte, schauriger lässt sich ein preußisch-diszipliniertes Leben innerhalb der Leitplanken des Kapitalismus wirklich nicht skizzieren. Daran gemessen, kommt mir die Verlosung einer Sterbeversicherung ziemlich harmlos vor, auch wenn es sich hier de facto um einen abendländischen Tabubruch handelt.

    Mit herzlichen Grüßen

    Gaby

  2. Die Fledermaus sagt:

    Wie im vorangegangenen Beitrag angeführt, wurde das Sterbegeld im Rahmen umfassender Struktureformen im Bereich der Krankenversicherung vollkommen abgeschafft (es wurden meiner Erinnerung nach aber weitaus geringere Summen ausbezahlt, so z. B. in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts lediglich 2100,– DM pro Todesfall). Dies ist allerdings nur ein Faktor unter vielen anderen Aspekten, die hierbei zu beachten sind. So sind beispielsweise die Friedhofsgebühren dramatisch angestiegen und es erfolgt amtlicherseits eine Räumung des Grabfeldes automatisch innerhalb einer relativ kurzen Periode (20-40 Jahren) je nach individueller Satzung der Kommune.

    Unter diesen wenig erbaulichen Umständen kann natürlich das untere Drittel der Gesellschaft keine traditionellen Begräbnisse der Angehörigen mehr vornehmen lassen und weicht auf “Billigstalternativen” aus; zumal ohnehin nur noch 50-60 % der Bevölkerung in Deutschland der katholischen bzw. evangelischen Kirche angehören.

    In England soll es sogar ein börsennotiertes Bestattungsunternehmen geben, die Praxis dieser Branche ist ohnehin vielfach jenseits von Gut und Böse.

  3. Gaby sagt:

    Hallo, Fledermaus und interessierte Leser,

    ich bin Tochter eines Bestatters; Papa starb in 1986. Das Bestattungsgeschäft führe ich nicht fort, sondern habe einen Bürojob in einem mittelständischen Unternehmen.

    In den 70er/80er Jahren war es in meinem Landkreis üblich, Gräber zu vernichten, die das 26. Jahr vollendet hatten. Als Kind habe ich unter dem Beifall der Friedhofsgärtner und dem Lächeln meines alten Vaters, der einst in Stalingrad an der Front kämpfte, mit ausgehobenen Totenköpfen Fußball gespielt. Einfach so – ich dachte mir nichts dabei.

    Ein ungeheurer Vorgang, wie mir ein paar Jahre später bewusst wurde, als ich Erich Fromms Bücher gelesen hatte. Und warum hat mich, das Kind, damals kein Erwachsener gehindert, die per Ausgrabung gestörte Totenruhe derart grausam durch meiner Fußtritte zu verhindern? Warum hat mir niemand der Anwesenden erklärt, dass es sich nicht ziemt, mit den toten Gebeinen Unsinn zu treiben?????

    Unter dem Titel “Die Anatomie der menschlichen Destruktivität”, Erich Fromm, kann studiert werden, welche defekten, also abartig deformierten Charakteren sich unter anderem im Bestattungswesen zusammen finden. Das gleiche Buch hat mir nicht nur erklärt, dass es sich nicht gehört, mit Totenköpfen Fußball zu spielen, sondern auch, warum die kapitalistische Gesellschaft letztlich in die Barbarei führt.

    So viel zum angeblichen Totenkult, den wir in Deutschland seit Jahrzehnten nicht (!) besitzen und so viel zu der Frage, warum ausgerechnet das Sterbegeld von den Krankenkassen gestrichen wurde. Ein Toter hat, sobald er in der Erde liegt, keinen kapitalistischen Nutzwert mehr! Ein Toter kann nicht mehr gewinnbringend durch seine Arbeitskraft im Wertschöpfungsprozess des Kapitalismus verwurstelt werden. Also ist ein Toter schlicht und einfach ein überflüssiges Stück Abfall, das heutzutage gerne verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut wird. Aber bitte – das ist mittlerweile Privatsache! Es geht die Krankenkassen längst nichts mehr an, wie die Menschen sich ihres toten Abfalls entledigen.

    Meine Meinung dazu: Ekelhaft, einfach nur ekelhaft, wie wir mit unseren Toten umgehen. Selbst der Neandertaler war sozialer!!!!!

    Da gab es in 2006 einen Skandal um unsere deutschen Soldaten in Afghanistan. Die haben bleiche Gebeine gefunden, mit den Schädeln Fußball gespielt und sich mit den Knochen fotografieren lassen. Es wurde damals von der Verrohung unserer Bundeswehr gesprochen.

    http://www.zeit.de/online/2006/44/afghanistan-bundeswehr-totenschaedel

    Diese Einschätzung ist vollkommen falsch! Die Verrohung auf unseren Friedhöfen fand bereits in meiner Kindheit und Jugend, also in den 70er- und 80er Jahren statt. Warum sollen nachfolgende Generationen sensibler auf tote Gebeine reagieren, als ich es in meiner Kindheit und Jugend tat?

    Dies zum Thema “Das alternde Deutschland ist mir manchmal unheimlich”.

    Mir auch!

    Aber die Jungen, die nachwachsen, sind mir noch viel unheimlicher. Ehrlich!

    Gaby

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