2309

global news 2309 25-02-11: Die verdammte Mogelei mit der Inflationsrate

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10 Antworten zu 2309

  1. Elfi sagt:

    Hallo an alle Leser,
    die Mogelei und Manipualtion liegt auch in der Begriffswahl: Da geistert seit einiger Zeit der neue Begriff einer sogenannt “gefühlten Inflation” in den Medien – im Gegensatz zur statistich (wie immer) Ermittelbaren.
    Gefühle werden aber in unserem Sprachgebrauch und Kulturkreis oft mit Irrationalem, Unzuverlaessigem, nur Eingebildetem assoziert.
    Gerne stellen wir sie als gegensaetzlich zum rational Denkenden dar.
    Die Inflation ist weil “nur gefühlt” nun aber tatsaechlich nicht eingebildet, sie ist wirklich da und eben meist so hoch wie auch gefühlt.
    Nur macht sich von uns Verbrauchern niemand die Mühe über Monate alle seine Ausgaben aufzuschreiben und die Preise vergleichend übers Jahr zu erfassen. Dann haette er eine statistiche Inflationszahl für seinen Geldbeutel. Dennoch kann man schaetzen und ich denke, dass seit Euro-Einführung die Inflation in vieler Menschen Geldbeutel mindestens 40-50 % oder mehr betraegt.

    Die meisten Menschen haben so ihre persönlichen Inflationszahlen, die ihrer Realitaet weit naeher kommt als die offiziellen Zahlen.

    - nur gefühlt müsste realistisch-undiskriminiert geschaetzt heissen.

    So herum gesehen, erweisen sich auch mal Gefühle zuverlaessiger als unsere offiziellen Statistiken!

    In diesem Sinn
    Beste Grüsse
    Elfi

    • globalnote sagt:

      Die “gefühlte Inflation” wird übrigens auch gemessen. Prof. Brachinger hat diese Messung entwickelt. Im Unterschied zum statistischen Bundesamt orientiert er sich an einem Warenkorb, der nach Lebenssituationen, z.B. Rentner, spezifisch zusammengestellt wird. Da gehen dann bei Rentnern z.B. nicht die neuesten Gadgets oder Modeerzeugnisse hinein. Auch werden bei Arbeitslosen weniger langlebige Wirtschaftsgüter eingestellt. Nach Prof. Brachinger von der Universität Fribourg, der auch Präsident der Schweizer Kommission für die Bundesstatistik ist, liegt die Inflationslast für eine Familie mit drei Kindern und einem verfügbaren Nettoeinkommen von 2600 bis 3600 Euro in Deutschland schon bei 4,8 Prozent. Brachinger entwickelte den sogenannten Inflationslastindex (ILI), der die unterschiedliche Belastung von armen und reichen Haushalten erfasst: „Wer weniger als 900 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, gibt 111 Prozent für Konsum aus – er muss also entweder Ersparnisse angreifen oder Schulden aufnehmen”, sagt Brachinger. “Wer dagegen ein Einkommen von mehr als 10.000 Euro im Monat netto hat, gibt höchstens 45 Prozent davon für Konsum aus.” Der Anteil des Nettoeinkommens, der allein für Lebensmittel, Wohnen und Energie ausgegeben wird, steigt mit sinkendem Einkommen von 36 auf fast 60 Prozent. Siehe hier http://www.jjahnke.net/index_files/14141.gif.

      • Jens sagt:

        Wird also das Kriterium der Rationalität wie von Prof. Brachinger an der Bestimmung der Inflation bestimmter Lebenssituationen angewendet, enblößt sich der Vorwurf der Irrationalität als die Realisierung eben dieser – sie wird mit dem Vorwurf zeitgleich realisiert. Die sich selbst als rational bezeichnen sind in ihrer Argumentation irrational, da sie die niedrige Inflation für höhere Einkommen oder das politisch mediale Interesse der Regierungen zuungunsten ihrer Mitbürger niedrigerer Einkommensschichten und/oder der Allgemeinheit konstruieren. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

  2. Gaby sagt:

    Guten Tag in die Runde,

    ich bin eine Reise in die Vergangenheit angetreten, indem ich mich in das Spiegel-Online-Archiv begab und mir einzelne Titel seit meinem Geburtsjahr 1962 bis zur Ausgabe 8/1975 ansah.

    Wie eine knallrote, fackelnde Lunte zieht sich der Abgesang auf die Soziale Marktwirtschaft durch die einzelnen Ausgaben. Hauptsächlich geht es um die Eindämmung der Inflation, aber auch darum, wie Deutschlands Unternehmer ihre starke Exportstellung in der Welt wahren können. Vor allen Dingen von Schiller (dem “flotten Karl”), aber auch von Katzer, Brandt und Schmidt sind viele weise, ökonomische Töne zu vernehmen; eine Tonart, die heute eher (nur noch) in den sogenannten “linken Kreisen” zu finden ist. Die Gewerkschaften forderten damals sogar mitunter 18 % mehr Lohn, um zu versuchen, die Inflation einzudämmen.

    Hier nur einige wenige Beispiele der Spiegel-Titel:

    Ausgabe 47/1965, Erhards Haushalt 1966, Gefahr für die DM!
    Ausgabe 01/1966, Ist das Wirtschaftswunder zu Ende?
    Ausgabe 35/1966, Wirtschaftskrise in Deutschland?
    Ausgabe 45/1966, Höhere Steuern – Erhards Ende?
    Ausgabe 03/1967, Inflation nach Maß?
    Ausgabe 37/1967, Konkurse in Deutschland
    Ausgabe 21/1969, Währungsverfall 1969
    Ausgabe 04/1970, Stabile Preise oder Geld für Reformen?
    Ausgabe 39/1970, 5 % pro Jahr? (Anm.: Gemeint ist die Inflation)
    Ausgabe 49/1974, Bleibt die Marktwirtschaft?
    Ausgabe 08/1975, 1,3 Millionen Arbeitslose

    In der zuletzt genannten Ausgabe fand ich sogar überraschenderweise die zarten Würzelchen dessen, was wir im Jahre 2011 getrost neoliberale Barbarei nennen können. Da heißt es in der Ausgabe 08/1975:

    “Die Geschichte der parlamentarischen Demokratie bewies, daß die Keynes-Formel nur noch sehr eingeschränkt richtig ist. So leicht sich die Regierungen nämlich im Geldausgeben taten, so ordentlich das Rezept in Rezessionszeiten wie 1966/67 in der Bundesrepublik funktionierte – in Perioden der Hochkonjunktur konnten die Wirtschaftslenker mit der Haushaltspolitik wenig ausrichten.

    Hauptgrund: Die Regierungen scheuen sich, die Staatsausgaben, etwa im Sozialbereich, drastisch zu kappen oder die Massen durch erheblich höhere Steuern zum Maßhalten zu zwingen. Scheinbar unaufhaltsam kletterten denn auch in allen westlichen Industriestaaten die Inflationsraten in die Höhe.

    Derart zur Hilflosigkeit verurteilt, besannen sich die Wirtschaftspolitiker eines Konzeptes, das in den sechziger Jahren der Amerikaner Milton Friedman wiederentdeckt hat und das unter der Marke “Monetarismus” firmiert.

    Vor allem die Versorgung der Wirtschaft mit viel oder wenig Geld, so lehrt Friedman, entscheidet über die Teuerungsraten in einer Volkswirtschaft. ‘Das Wichtigste an der Konjunkturpolitik ist’, so doziert Wirtschaftssekretär Otto Schlecht, ‘ob der monetäre Mantel zu groß, zu klein oder gerade richtig ist.’”

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41558982.html

    Da kratz’ ich mir am Kopf! Heute steckt Deutschland im Korsett des Euro. Deutschland kann nicht, wie in den 1960/70er Jahren seine Währung aufwerten, um die Inflation einzudämmen. Auch sind Steuererhöhungen zwecks Eindämmung der Inflation mit Vorsicht zu genießen im Angesicht der Tatsache einer ständig ärmer werdenden Bevölkerung und des am Boden kriechenden Binnenmarktes. Selbst das Instrument der Zinserhöhungen per EZB, also der Geldverknappung-/Verteuerung, scheint heutzutage obsolet, denn das würde die Euro-Schwachländer in neue Bedrängnis bringen.

    Der angeblich gescheiterten Keynes’schen Wirtschaftspolitik folgte der Neoliberalismus, der heute ganz offensichtlich an seine Grenzen stößt. Schon wieder wird die Angst vor der Inflation laut, schon wieder ertönen die SOS-Signale des Zusammenbruchs der europäischen, gar globalen Marktwirtschaft.

    Nun frage ich mich, was folgt dem Neoliberalismus, denn die Zeichen stehen heute so offensichtlich auf Sturm und Wechsel, wie damals.

    Ein schönes Wochenende wünscht Euch allen

    Gaby

  3. Rote Socke sagt:

    Hallo.
    Ich weiß nicht, gefühlt oder nicht: Wenn ich mir die Preise in D so anschaue, dann habe ich den Eindruck, daß die Preise das Niveau der DM-Preise erreicht haben. Das dürfte deutlich mehr als 50% Steigerung binnen rund 10 Jahren sein.

    Wenn ich die Preise hier im Reußenlande nehme: 2006 kostete die Straßenbahnfahrt 5 Rubel (damals in Euro zum Kurs 1/33 rund 15 Cent), heute kostet sie 12 Rubel (Kurs 1/40 = 30 Cent), übrige ÖPNV analog.

    Gemüsepreise, Kartoffeln 2006 8 Rubel das kg, heute 45…50 Rubel… Ähnliches Bild bei Brot (von 12 auf 24 Rubel) u.v.a.m.

    Löhne und Gehälter … wir sind hier Provinz … Meine Frau hat seit 2001 denselben Lohn (6.000 Rubel), mein Berechnungssatz ist seit 2008 derselbe, die Renten sind in der Zeit jedes Jahr um offiziell 15…30% angehoben worden, dafür sind Vergünstigungen der RentnerInnen weggefallen … und die offizielle Inflationsrate liegt bei samenhaften 2%.

    Gut, ist kein deutsches Problem, aber im Ansatz sehe ich Parallelen: Wir werden doch überall nur über den Nuckel gezogen, oder?

  4. Gaby sagt:

    Hallo miteinander,

    ehrlich gesagt, gebe ich nicht viel auf die gefühlte Inflation, so schaurig ein erhöhter Preisindex für kleine Einkommen auch ist, denn das Gedächtnis des Marktmenschen ist extrem kurz, so kurz, dass er sich nicht mal der korrekten Reflektion seiner eigenen Biografie sicher ist. Es fällt uns bereits schwer, uns daran zu erinnern, was es vorgestern zu Mittag gab, wenn ich es mal so überspritzt ausdrücken darf.

    Ich habe den Eindruck, die Inflation gehört zum Kapitalismus wie die Socken an die Füße des modernen Wirtschaftssubjekts. Inflation ist immer! Es fragt sich nur, in welcher Höhe wir glauben, die Schmerzgrenze erreicht zu haben. Zwischen 1962 und 1970 betrug die höchste deutsche Inflationsrate 3,6 %. Zwischen 1971 und 1975 lag der höchste deutsche Wert bei 7,1 % im Jahr 1973. Danach sank die Inflation. Erst in 1981 stieg sie wieder auf 6,3 %, um sofort zu fallen und den nächsten Schub gab es im Jahr 1992 mit 5,1 %, nur um wieder zu fallen.

    Was mich alarmiert ist der Umstand, dass ausgerechnet 1975, wo doch die Inflation wieder abwärts marschierte, plötzlich Milton Friedman an die Tore Deutschlands pochte und unsere Politiker, geschockt von der Inflationsrate von 7,1 % in 1973, einem Herdentrieb gleich, in den Systemwechsel einwilligten – weg von Keynes, hin zu Friedman.

    Das heißt, eine erhöhte Inflationsrate macht mich überhaupt nicht nervös. Nervös machen mich vielmehr die übereilten Reaktionen unserer Politiker. Ich mag mir gar nicht ausdenken, was passiert, sollte die Inflation dieser Tage wieder auf die 7,1 %-Marke springen. In welches neue ökonomische Experiment werden uns unsere Eliten führen? In welches Experiment werden wir Deutsche ihnen nur allzu willig folgen, nur um unserer Panik ob der gefühlten 10,x und mehr Prozent zu entkommen?

    Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass eine erhöhte reale wie gefühlte Inflation ökonomische wie politische Systemwechsel verursachen kann.

    Beste Grüße

    Gaby

    • Sascha sagt:

      “denn das Gedächtnis des Marktmenschen ist extrem kurz, so kurz, dass er sich nicht mal der korrekten Reflektion seiner eigenen Biografie sicher ist. Es fällt uns bereits schwer, uns daran zu erinnern, was es vorgestern zu Mittag gab”

      das klingt als hättest Du Robert Kurz gelesen :-)

      • Gaby sagt:

        Guten Tag, Sascha und Mitlesende,

        ja, ich habe zwei Bücher von Robert Kurz gelesen. Das ist regelmäßigen Besuchern dieser Plattform bekannt, weil ich gewöhnlich erzähle, womit ich mich gerade bezüglich des Themas “Kapitalismus” beschäftige.

        Es gab in der Vergangenheit sogar eine Meinungsverschiedenheit zwischen Dr. Jahnke und mir bezüglich der von Robert Kurz beschriebenen Ursachen des Holocausts. Im Verlauf dieser für mich konstruktiven Diskussion und meiner danach folgenden, eigenen Ursachenforschung, ist mir klar geworden, dass Kurz’ harscher Kapitalismuskritik nicht in allen Punkten vorbehaltlos gefolgt werden darf.

        Mit lieben Grüßen

        Gaby

  5. Heiner sagt:

    Was Inflation real in Bezug auf:Bauch voll, also keinen Hunger erleiden müssen, bedeuten kann!!:
    SZ Wochenendausgabe/Politik:
    Der Hefeteig der Revolution.
    Die arabische Welt und das Brot: Was die Geschichten von Bäckern über die Not und den Zorn der Menschen erzählen……..!
    könnte einem schon mal der morgendliche Croissant im Halse steckenbleiben…..
    MfG
    http://www.sueddeutsche.de/politik/die-arabische-welt-im-umbruch-der-hefeteig-der-revolution-1.1065397

  6. Gaby sagt:

    Hallo, in die Runde,

    in mir wächst seit einigen Monaten ein unbehaglicher Gedanke, nämlich, dass es im Kapitalismus gar nicht möglich ist, in die Zukunft hinein zu sparen.

    Wenn der Staat seine Ausgaben herunter fährt, also spart, leidet die öffentliche Ordnung, die Sicherheit, leidet das Bildungswesen, leiden die öffentlichen Gehälter, leiden die öffentlichen Investitionen mit direkten Auswirkungen in die gegenwärtige wie zukünftige Infrastruktur und Wirtschaft eines Landes hinein. Jeder Bürger ist negativ betroffen, wenn der Staat spart, vor allen Dingen die vom Kapitalismus eh schon benachteiligten Menschen.

    Wenn die Unternehmer sparen, steigt die Arbeitslosigkeit, sinken die Investitionen, sinken die Konsumausgaben, gehen viele Unternehmen zwangsläufig pleite.

    Sparen die einfachen Bürger, schädigen sie den gegenwärtigen Binnenmarkt, forcieren den Export, treiben heimische Unternehmen in die Insolvenz und laufen darüber hinaus immer Gefahr, ihr Erspartes durch Krieg, Inflation, Börsenchrashs und/oder Währungsreformen (ganz oder teilweise) zu verlieren. Die so logisch klingende, jahrhundertealte Volksweisheit: “Spare in der Zeit, dann hast du in der Not” wurde innerhalb der Kategorien des Kapitalismus in den letzten 150 Jahren immer wieder ganz grob außer kraft gesetzt.

    Wenn eine Volkswirtschaft, wenn die einzelnen Wirtschaftssubjekte sparen, passiert genau das, was der “flotte Karl” (Karl Schiller) in den 1960er Jahren “einen sich selbst nährenden Schrumpfungsprozess” nannte. Da wieder rauszukommen, ist reine Glückssache oder, wie Schiller es sinngemäß formulierte: ‘Wir können die Pferde zwar zur Quelle führen, aber saufen müssen sie selber.’ Besser ist, meines Erachtens, die Pferde erst gar keinen Durst spüren zu lassen!

    Aus diesen Überlegungen heraus komme ich zu dem Schluss, dass zyklische Inflationen im einstelligen Bereich durchaus verkraftbar, ja geradezu “natürlich” sind und auf gar keinen Fall rechtfertigen, eine bewährte Ökonomie (Keynes) gegen die Klassik (Friedman) einzutauschen.

    Da ich mir nicht vorstellen kann, dass ich einzig und allein auf solche Gedanken komme, nehme ich an, dass noch ganz andere Gründe, als mir bisher bekannt, dazu führten, dass sich der Neoliberalismus in Deutschland geradezu mustergültig durchsetzen konnte.

    Schönen Sonntag,

    Gaby

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