Dieser Beitrag wurde geschrieben von am Donnerstag, 9. Dezember 2010 um 9:20 pm und eingeordnet unter Globalisierung, Kri. Du kannst den Antworten zu diesem Eintrag mit Hilfe des RSS-2.0-Feeds folgen.
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Tut mir leid, lieber Herr Jahnke, aber das sehe ich etwas anders.
“Aktienmärkte und Märkte für Staatsanleihen nicht verschwinden werden und daß sie auch nicht unmoralisch sind.”
Aktienmärkte und der ganze Finanzmarkt sind nicht nur unmoralsich sondern in letzter Konsequenz nur kontraproduktiv für eine wirklich gute Marktwirtschaft.
Daß sie seit 500 Jahren – mehr schlecht, als recht – bestehen ist keineswegs ein Nachweis für ihre Notwendigkeit.
Sehe ich auch wiederum anders.
Der Mißbrauch dieser Märkte ist das eigentliche Problem, ohne die viele Entwicklungen, in denen große Summen gebraucht werden, sonst nicht möglich gewesen wären oder viel länger gedauert hätten.
Die Lockerung der Spielregeln führt jedesmal ins Desaster, da man von Menschen anscheinend nicht erwarten kann, volkwirtschaftlich und nicht ausschließlich betriebswirtschaftlich zu denken.
Und wenn dann noch die Spieler Einzug halten, die der Markt an sich überhaupt nicht interessiert, sondern nur das Spiel um den eigenen Profit, endet das immer nicht im Guten.
Dann müssen Sie wirklich eine totale Staatswirtschaft einführen, wie das in der DDR oder UdSSR mit dem bekannten Erfolg versucht wurde. Märkte als solche sind nie oder nur selten unmoralisch. Was unmoralisch ist, sind Spieler auf solchen Märkten, die die Regeln verletzen. Notfalls muß man die Regeln verschärfen. Aber das Ganze mit Spekulation abzutun, ist einfach dumm. Im Leben spekulieren alle Menschen ständig, ob im Lotto oder der Partnersuche, etc. Lassen Sie uns doch auf dem Teppich bleiben. Alles andere ist unseriös.
Selbstverständlich sind Märkte notwendig und sinnvoll auch viele der sog. Finazprodukte (z. B. Optionen). Das Problem ist allerdings, wann schlägt Vernunft in Unsinn (im real-wirtschaftlich ökonomischen Sinne) um. Hier sind die Macher der Regeln gefragt. Jeder Ingenieur und Physiker weiß, dass ein System, bei dem die Ausgangsgröße auf die Eingangsgröße wirkt (wie bei den Märkten steigende Preise auf die Menge der Transaktionen – auch wenn hier die Verhältnisse wesentlich komplexer sein mögen), instabil sein kann. Durch ändern der Regeln ( im Technischen: dem Einbau von Dämpfern etc.) kann man Stabilität wieder herstellen. Für die gewünschte Stabilität der Märkte wäre evtl. eine Regel wie ” die Transaktionsgebühren steigen mit den (ggf. über ein Zeitintervall gemittelten) Umsätzen progressiv an” eine geeignete Regel, weil sie mit geeigneten Parametern versehen, eine rein finanztechnische Spekulation bei zunehmendem Herdentrieb immer teurer und damit unattraktiver machen würde.
Meine Frage ist: gibt es jemanden in der Runde, der weiß, ob ein (und wenn ja welcher) Ökonom an derartigen Problemlösungen forscht?
Der Nobelpreisträger James Tobin hat die Tobin-Tax entwickelt, die auf die Zahl der Transaktionen in Devisenspekulation dämpfend wirkt. Die Bundesregierung und andere in der EU wollten sich dafür internationale einsetzen, haben das aber jetzt wohl aufgegeben (USA u.a. waren dagegen).
Tobin ist mir bekannt, aber ich weiß nicht, ob sein Vorschlag grundsätzlich untersucht und weiterentwickelt wurde. Mir ist lediglich die politische Debatte, auf diese Weise staatliche Einnahmen zu generieren in Erinnerung, was ja kein schlechter Grund sein muss, aber mit der (automatischen) Stabilisierung von Märkten wenig zu tun hat. Weiter bin ich auf Steve Keen gestoßen, der versucht, ökonomische Theorien zu modellieren und zu simulieren. Es gibt auch eine Rubrik Econophysics mit interessanten Artikeln auf arXiv.org.
Mein Eindruck ist jedoch, dass sich all dies außerhalb der Volkswirtschaftslehre (economics) abspielt und es würde mich interessieren, ob sich dort eine Bewegung abzeichnet, die VWL aus der Welt der ideologischen Kämpfe in eine “harte” Wissenschaft zu führen. Immerhin ist es bemerkenswert, dass wir – richtigerweise – die größten Rechner verwenden, um mehr über die Entwicklung unseres Klimas zu erfahren, und anscheinend noch nicht einmal im Ansatz versuchen, ähnliches mit unsere Ökonomie zu tun, obwohl die ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf unser Wohlergehen hat.
G.Perthen: Zu VWL und Wissenschaft kann ich Ihnen da die Literatur/Peter Bofinger/ Ist der Markt noch zu retten? empfehlen. Unter 8.steht:Staatswissenschaft anstelle von Glasperlenspielen.Auszug: So kommt in dem am meisten verkauften Einführungsbuch zur Volkswirtschaftslehre, das von dem US-Ökonomen Mankiw verfasst wurde, der Staat nur am Rande vor, und wichtige Elemente der sozialen Marktwirtschaft wie zum Beispiel die sozialen Sicherungssysteme oder Gewerkschaften werden überhaupt nicht erwähnt!
MfG
Ich habe eben mal zwei Rezensionen von Bofingers Buch gelesen. Es ist sicher interessant und es ist auch unbesteitbar, dass nur der Staat Regeln setzen kann. Aber mich interessiert in diesem Zusammenhang mehr, wie man zu Regeln kommen kann, diese auf ihre Auswirkungen hin untersucht und damit zu einer “Finanzverkehrsordnung” kommt, die die Vorteile von Märkten erhält, die Exzesse aber ohne politisches Eingreifen (aber selbstverständlich wie im Straßenverkehr mit polizeilichem Eingreifen) gar nicht entstehen lässt.
Sehr geehrter Herr Jahnke,
auch Sie sollten einmal zumindest zweifeln.
Nicht nur Bofinger ist zu nennen sondern auch Flassbeck oder Krugman etc.
Wie schon bei anderer Gelegenheit argumentieren Sie entweder fatalistisch oder eine negative Auswirkung als notwendige Kompromisslösung (Hartzgesetze, Rente 67, Rentenkürzung, Gesundheitsreform, Marhwertsteuererhöhung etc.). Selbst Ihre Argumentation (geben die Lockerung habe ich immer argumentiert) ist insich ein der Widerspruch. Märkte wollen keine Reglementierung.
Nicht die Linken sind naiv.
Aber auch das macht Sie offensichtlich nicht klüger.
@SR
Auch ich hege natürlich immer mal wieder Zweifel. Doch trete ich regelmäßig mit einem starken sozialen Bewußtsein an. Das sagt mir in diesem Fall eindeutig und ohne Zweifel und nicht etwa fatalistisch, daß es unsozial ist, die Bedienung der Gläubiger einfach durch überzogene Sparauflagen bei den ohnehin schon sozial Benachteiligten abzuladen. Doch Albrecht Müller setzt sich, anders als z.B. Krugman, nicht für eine sofortige Mitbelastung der Gläubiger, darunter nicht zuletzt deutsche Banken und sehr viele Bestverdiener, ein, sondern fordert EZB-Kredite, was dann auf den deutschen Steuerzahler und die deutschen Sozialleistungen zurückfallen würde.
Wie können Sie mir eigentlich unterstellen, daß ich negative Auswirkungen als notwendige Kompromisslösung (Hartzgesetze, Rente 67, Rentenkürzung, Gesundheitsreform, Mehrwertsteuererhöhung etc.) befürworte, wo ich mich in allen diesen Fragen auf der Gegenposition bewege?
Es ist nun mal naiv, ein Verschwinden der am Eigeninteresse orientierten Nationalstaaten zu unterstellen (Müller: „Aber viel schlimmer ist die Tatsache, dass wichtige Politiker Europas in Kategorien der Konkurrenz unter unseren Völkern denken. Wettbewerb der Nationen im heutigen Europa – das ist grotesk.“). Mit der gleichen Naivität unterstellen viele Linke, gerade auch der von Ihnen genannte Flaßbeck, daß China ein armes Entwicklungsland ist und nicht etwa ein erbitterter Konkurrent, der mit Dumpingexporten im Rest der Welt Arbeitsplätze klaut, etc..
Frau Merkel ist nun mal dafür gewählt, daß sie deutsche Interesse wahrnimmt. Wenn sie das einmal tut, sollte ihr die Linke nicht aus innenpolitischer Opportunität ans Bein pinkeln. Man kann ihr vieles vorwerfen, nicht aber die Ablehnung von Europa-Anleihen und das aus den Gründen, die ich aufgelistet habe. Auch die SPD hat begriffen, daß Europa-Anleihen nicht der richtige Weg sind.
Ich lasse mich gern von Ihnen klüger machen. Aber dann müssen Sie schon mit handfesten Argumenten antreten und nicht nur mit Entrüstung.
ich muß immer wieder feststellen, daß ich ein wirtschaftswissenschaftlicher Laie bin. Je länger die Krise dauert, desto weniger verstehe ich. Selbst mit solchen Begriffen wie “Deflation”, “Schulden” oder “Anleihe” kann ich nicht viel anfangen. Auch auf Wikipedia komme ich nicht viel weiter, weil mir alles so widersprüchlich erscheint.
Ich komme aus den Kunst- und Theaterwissenschaften. Darum meine Frage: Gibt es ein Buch in der Art “Wirtschaft für Dummies” oder so etwas???
Obwohl ich Dr.Jahnkes Seite seit Jahren regelmäßig lese, merke ich, daß mir das Verständnis für viele Zusammenhänge einfach fehlt, weil ich die Grundbegriffe, bzw. die Basis nicht hab…
Vielen Dank für eventuelle Tips!
Das erlaubt mir ein bißchen Eigenwerbung. Mein Buch „Globalisierung – Legende und Wahrheit – Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme” (ISBN 978-3-940459-56-5) ist eigentlich immer noch aktuell. Es hieß in der Tat ursprünglich „Volkswirtschaftslehre für Dummies“, doch der Dummies-Verlag in der Schweiz hatte mir den Titel nicht erlaubt. Mehr dazu hier: http://www.jjahnke.net/legende.html .
Ist bestellt. Ich hoffe wirklich, da? mich das weiterbringt. Ich kann normalerweise mit Faust II mehr anfangen, als mit dem Wirtschaftsteil einer bekannten deutschen Zeitung…
hast Du eigentlich gewusst, dass Faust II und der Kapitalismus gar nicht so weit auseinander liegen – jedenfalls behauptet das unter anderem der Ökonomieprofessor Binswanger. Zudem war Goethe Finanzminister am Weimarer Hof, was beweist, dass auch ein Dichter und Denker Zahlen und Bilanzen offen gegenüber stehen kann.
Im Übrigen habe ich viel aus dem Buch “Globalisierung: Legende und Wahrheit, Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme” gelernt. Das Buch ist für mich nach wie vor aktuell und bietet einen guten Einstieg in das, was die moderne Welt im Innersten zusammenhält.
habe ausgerechnet den Faust II nicht umsonst als Vergleich gewählt
Über diesen sich fast jeder Analyse entziehenden Text streiten sich auch die Literaturwissenschaftler. Angeblich konnte Goethe den nur mit einem, immer in greifbarer Nähe vorhandenen, sehr dicken Lexikon über die antike Götterwelt schreiben. Ob auch Wein ein Rolle spielte… man weiß es nicht!
ja, ja, der rätselhafte Goethe war ein universalgelehrtes Schlitzohr. In vielem hat er Recht behalten, allerdings nicht mit seiner Einschätzung der literarischen Talente Heinrich Heines. Heine wollte einst bei Goethe in die Lehre gehen, doch der eher konservative Goethe ließ ihn abblitzen, weil er Schiller für talentierter hielt, dabei hat sich der Friedrich zeitlebens Schnörkelzeile um Zeile abringen müssen – ganz im Gegensatz zum rebellischen, scharfzüngigen Harry, dem die Verse locker leicht auf’s Papier glitten.
Der von Haus aus wohlhabende Goethe war ein ausgiebiger Weingenießer. In seinem Haushalt gab es täglich gegen 14.00 Uhr Mittagessen und dabei wurden mehrere Flaschen Wein geöffnet. Nach den guten und süffigen Mahlen zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück und diktierte seinem Privatsekretär Verszeilen und Prosa. Den Bacchus hat er sicher nicht in der “Götterdämmerung” nachschlagen müssen.
Was mir und vielleicht auch Dir und Euch an diesem Forum gefällt, ist Dr. Jahnkes mitfühlende Art, komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge simpel zu erklären. Herr Jahnke erinnert mich wie kein anderer Volkswirtschaftler an den unbequemen Heinrich Heine, dem die Konservativen bis heute das Etikett “Polemik” anheften, obwohl Heine doch nur die Wahrheit schrieb und Dr. Jahnke sie schreibt. Die fortschreitende Entwicklung des destruktiven, reaktionären Neoliberalismus lässt nicht nur Heinrich Heines Worte wieder ziemlich modern klingen, sondern erzwingt heutzutage drastische Worte, die Menschen endlich wach zu rütteln.
Freu Dich, fragend, auf das Buch “Globalisierung: Legende und Wahrheit”. “Deutschland – ein Wintermärchen” ist, daran gemessen, seichte Prosa.
habs grade ausgepackt (das Buch) und die Einleitung gelesen. Ich würde Heine aber dann doch irgendwo anders verorten
Bin sehr neugierig auf das Buch, es ist ja nicht so, daß ich überhaupt keine Ahnung habe, nur mit vielen Fachbegriffen tue ich mich schwer und mit allen möglichen Zusammenhängen auch, zumal mit zunehmender Dauer der Krise immer mehr Dinge auftauchen, die ich bis dato noch nicht kannte.
Tut mir leid, lieber Herr Jahnke, aber das sehe ich etwas anders.
“Aktienmärkte und Märkte für Staatsanleihen nicht verschwinden werden und daß sie auch nicht unmoralisch sind.”
Aktienmärkte und der ganze Finanzmarkt sind nicht nur unmoralsich sondern in letzter Konsequenz nur kontraproduktiv für eine wirklich gute Marktwirtschaft.
Daß sie seit 500 Jahren – mehr schlecht, als recht – bestehen ist keineswegs ein Nachweis für ihre Notwendigkeit.
Sehe ich auch wiederum anders.
Der Mißbrauch dieser Märkte ist das eigentliche Problem, ohne die viele Entwicklungen, in denen große Summen gebraucht werden, sonst nicht möglich gewesen wären oder viel länger gedauert hätten.
Die Lockerung der Spielregeln führt jedesmal ins Desaster, da man von Menschen anscheinend nicht erwarten kann, volkwirtschaftlich und nicht ausschließlich betriebswirtschaftlich zu denken.
Und wenn dann noch die Spieler Einzug halten, die der Markt an sich überhaupt nicht interessiert, sondern nur das Spiel um den eigenen Profit, endet das immer nicht im Guten.
Gegen die Lockerung der Spielregeln habe ich immer argumentiert. Nur, deswegen braucht man die Märkte nicht abzuschaffen.
Dann müssen Sie wirklich eine totale Staatswirtschaft einführen, wie das in der DDR oder UdSSR mit dem bekannten Erfolg versucht wurde. Märkte als solche sind nie oder nur selten unmoralisch. Was unmoralisch ist, sind Spieler auf solchen Märkten, die die Regeln verletzen. Notfalls muß man die Regeln verschärfen. Aber das Ganze mit Spekulation abzutun, ist einfach dumm. Im Leben spekulieren alle Menschen ständig, ob im Lotto oder der Partnersuche, etc. Lassen Sie uns doch auf dem Teppich bleiben. Alles andere ist unseriös.
Selbstverständlich sind Märkte notwendig und sinnvoll auch viele der sog. Finazprodukte (z. B. Optionen). Das Problem ist allerdings, wann schlägt Vernunft in Unsinn (im real-wirtschaftlich ökonomischen Sinne) um. Hier sind die Macher der Regeln gefragt. Jeder Ingenieur und Physiker weiß, dass ein System, bei dem die Ausgangsgröße auf die Eingangsgröße wirkt (wie bei den Märkten steigende Preise auf die Menge der Transaktionen – auch wenn hier die Verhältnisse wesentlich komplexer sein mögen), instabil sein kann. Durch ändern der Regeln ( im Technischen: dem Einbau von Dämpfern etc.) kann man Stabilität wieder herstellen. Für die gewünschte Stabilität der Märkte wäre evtl. eine Regel wie ” die Transaktionsgebühren steigen mit den (ggf. über ein Zeitintervall gemittelten) Umsätzen progressiv an” eine geeignete Regel, weil sie mit geeigneten Parametern versehen, eine rein finanztechnische Spekulation bei zunehmendem Herdentrieb immer teurer und damit unattraktiver machen würde.
Meine Frage ist: gibt es jemanden in der Runde, der weiß, ob ein (und wenn ja welcher) Ökonom an derartigen Problemlösungen forscht?
Der Nobelpreisträger James Tobin hat die Tobin-Tax entwickelt, die auf die Zahl der Transaktionen in Devisenspekulation dämpfend wirkt. Die Bundesregierung und andere in der EU wollten sich dafür internationale einsetzen, haben das aber jetzt wohl aufgegeben (USA u.a. waren dagegen).
Tobin ist mir bekannt, aber ich weiß nicht, ob sein Vorschlag grundsätzlich untersucht und weiterentwickelt wurde. Mir ist lediglich die politische Debatte, auf diese Weise staatliche Einnahmen zu generieren in Erinnerung, was ja kein schlechter Grund sein muss, aber mit der (automatischen) Stabilisierung von Märkten wenig zu tun hat. Weiter bin ich auf Steve Keen gestoßen, der versucht, ökonomische Theorien zu modellieren und zu simulieren. Es gibt auch eine Rubrik Econophysics mit interessanten Artikeln auf arXiv.org.
Mein Eindruck ist jedoch, dass sich all dies außerhalb der Volkswirtschaftslehre (economics) abspielt und es würde mich interessieren, ob sich dort eine Bewegung abzeichnet, die VWL aus der Welt der ideologischen Kämpfe in eine “harte” Wissenschaft zu führen. Immerhin ist es bemerkenswert, dass wir – richtigerweise – die größten Rechner verwenden, um mehr über die Entwicklung unseres Klimas zu erfahren, und anscheinend noch nicht einmal im Ansatz versuchen, ähnliches mit unsere Ökonomie zu tun, obwohl die ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf unser Wohlergehen hat.
G.Perthen: Zu VWL und Wissenschaft kann ich Ihnen da die Literatur/Peter Bofinger/ Ist der Markt noch zu retten? empfehlen. Unter 8.steht:Staatswissenschaft anstelle von Glasperlenspielen.Auszug: So kommt in dem am meisten verkauften Einführungsbuch zur Volkswirtschaftslehre, das von dem US-Ökonomen Mankiw verfasst wurde, der Staat nur am Rande vor, und wichtige Elemente der sozialen Marktwirtschaft wie zum Beispiel die sozialen Sicherungssysteme oder Gewerkschaften werden überhaupt nicht erwähnt!
MfG
Ich habe eben mal zwei Rezensionen von Bofingers Buch gelesen. Es ist sicher interessant und es ist auch unbesteitbar, dass nur der Staat Regeln setzen kann. Aber mich interessiert in diesem Zusammenhang mehr, wie man zu Regeln kommen kann, diese auf ihre Auswirkungen hin untersucht und damit zu einer “Finanzverkehrsordnung” kommt, die die Vorteile von Märkten erhält, die Exzesse aber ohne politisches Eingreifen (aber selbstverständlich wie im Straßenverkehr mit polizeilichem Eingreifen) gar nicht entstehen lässt.
Bei sowas müsste man doch an sich langsam verzweifeln!
Aber Nonnenmacher will ja auch noch 4,8 Millionen!
http://www.ftd.de/unternehmen/finanzdienstleister/:richterspruch-irische-pleite-bank-muss-boni-zahlen/50203756.html
MfG
Sehr geehrter Herr Jahnke,
auch Sie sollten einmal zumindest zweifeln.
Nicht nur Bofinger ist zu nennen sondern auch Flassbeck oder Krugman etc.
Wie schon bei anderer Gelegenheit argumentieren Sie entweder fatalistisch oder eine negative Auswirkung als notwendige Kompromisslösung (Hartzgesetze, Rente 67, Rentenkürzung, Gesundheitsreform, Marhwertsteuererhöhung etc.). Selbst Ihre Argumentation (geben die Lockerung habe ich immer argumentiert) ist insich ein der Widerspruch. Märkte wollen keine Reglementierung.
Nicht die Linken sind naiv.
Aber auch das macht Sie offensichtlich nicht klüger.
Mit freundlichen Grüßen
@SR
Auch ich hege natürlich immer mal wieder Zweifel. Doch trete ich regelmäßig mit einem starken sozialen Bewußtsein an. Das sagt mir in diesem Fall eindeutig und ohne Zweifel und nicht etwa fatalistisch, daß es unsozial ist, die Bedienung der Gläubiger einfach durch überzogene Sparauflagen bei den ohnehin schon sozial Benachteiligten abzuladen. Doch Albrecht Müller setzt sich, anders als z.B. Krugman, nicht für eine sofortige Mitbelastung der Gläubiger, darunter nicht zuletzt deutsche Banken und sehr viele Bestverdiener, ein, sondern fordert EZB-Kredite, was dann auf den deutschen Steuerzahler und die deutschen Sozialleistungen zurückfallen würde.
Wie können Sie mir eigentlich unterstellen, daß ich negative Auswirkungen als notwendige Kompromisslösung (Hartzgesetze, Rente 67, Rentenkürzung, Gesundheitsreform, Mehrwertsteuererhöhung etc.) befürworte, wo ich mich in allen diesen Fragen auf der Gegenposition bewege?
Es ist nun mal naiv, ein Verschwinden der am Eigeninteresse orientierten Nationalstaaten zu unterstellen (Müller: „Aber viel schlimmer ist die Tatsache, dass wichtige Politiker Europas in Kategorien der Konkurrenz unter unseren Völkern denken. Wettbewerb der Nationen im heutigen Europa – das ist grotesk.“). Mit der gleichen Naivität unterstellen viele Linke, gerade auch der von Ihnen genannte Flaßbeck, daß China ein armes Entwicklungsland ist und nicht etwa ein erbitterter Konkurrent, der mit Dumpingexporten im Rest der Welt Arbeitsplätze klaut, etc..
Frau Merkel ist nun mal dafür gewählt, daß sie deutsche Interesse wahrnimmt. Wenn sie das einmal tut, sollte ihr die Linke nicht aus innenpolitischer Opportunität ans Bein pinkeln. Man kann ihr vieles vorwerfen, nicht aber die Ablehnung von Europa-Anleihen und das aus den Gründen, die ich aufgelistet habe. Auch die SPD hat begriffen, daß Europa-Anleihen nicht der richtige Weg sind.
Ich lasse mich gern von Ihnen klüger machen. Aber dann müssen Sie schon mit handfesten Argumenten antreten und nicht nur mit Entrüstung.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
Liebes Forum,
ich muß immer wieder feststellen, daß ich ein wirtschaftswissenschaftlicher Laie bin. Je länger die Krise dauert, desto weniger verstehe ich. Selbst mit solchen Begriffen wie “Deflation”, “Schulden” oder “Anleihe” kann ich nicht viel anfangen. Auch auf Wikipedia komme ich nicht viel weiter, weil mir alles so widersprüchlich erscheint.
Ich komme aus den Kunst- und Theaterwissenschaften. Darum meine Frage: Gibt es ein Buch in der Art “Wirtschaft für Dummies” oder so etwas???
Obwohl ich Dr.Jahnkes Seite seit Jahren regelmäßig lese, merke ich, daß mir das Verständnis für viele Zusammenhänge einfach fehlt, weil ich die Grundbegriffe, bzw. die Basis nicht hab…
Vielen Dank für eventuelle Tips!
LG
Das erlaubt mir ein bißchen Eigenwerbung. Mein Buch „Globalisierung – Legende und Wahrheit – Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme” (ISBN 978-3-940459-56-5) ist eigentlich immer noch aktuell. Es hieß in der Tat ursprünglich „Volkswirtschaftslehre für Dummies“, doch der Dummies-Verlag in der Schweiz hatte mir den Titel nicht erlaubt. Mehr dazu hier: http://www.jjahnke.net/legende.html .
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
Ist bestellt. Ich hoffe wirklich, da? mich das weiterbringt. Ich kann normalerweise mit Faust II mehr anfangen, als mit dem Wirtschaftsteil einer bekannten deutschen Zeitung…
Vielen Dank übrigens für Ihre tolle Webseite,
LG
Guten Tag fragend und liebe Mitlesende,
hast Du eigentlich gewusst, dass Faust II und der Kapitalismus gar nicht so weit auseinander liegen – jedenfalls behauptet das unter anderem der Ökonomieprofessor Binswanger. Zudem war Goethe Finanzminister am Weimarer Hof, was beweist, dass auch ein Dichter und Denker Zahlen und Bilanzen offen gegenüber stehen kann.
http://www.handelsblatt.com/magazin/kultur-lifestyle/der-gott-des-kapitalismus;2046712
Im Übrigen habe ich viel aus dem Buch “Globalisierung: Legende und Wahrheit, Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme” gelernt. Das Buch ist für mich nach wie vor aktuell und bietet einen guten Einstieg in das, was die moderne Welt im Innersten zusammenhält.
Mit freundlichen Grüßen
Gaby
Hi Gaby,
habe ausgerechnet den Faust II nicht umsonst als Vergleich gewählt
Über diesen sich fast jeder Analyse entziehenden Text streiten sich auch die Literaturwissenschaftler. Angeblich konnte Goethe den nur mit einem, immer in greifbarer Nähe vorhandenen, sehr dicken Lexikon über die antike Götterwelt schreiben. Ob auch Wein ein Rolle spielte… man weiß es nicht!
LG
LG
Guten Abend, fragend und Mitlesende,
ja, ja, der rätselhafte Goethe war ein universalgelehrtes Schlitzohr. In vielem hat er Recht behalten, allerdings nicht mit seiner Einschätzung der literarischen Talente Heinrich Heines. Heine wollte einst bei Goethe in die Lehre gehen, doch der eher konservative Goethe ließ ihn abblitzen, weil er Schiller für talentierter hielt, dabei hat sich der Friedrich zeitlebens Schnörkelzeile um Zeile abringen müssen – ganz im Gegensatz zum rebellischen, scharfzüngigen Harry, dem die Verse locker leicht auf’s Papier glitten.
Der von Haus aus wohlhabende Goethe war ein ausgiebiger Weingenießer. In seinem Haushalt gab es täglich gegen 14.00 Uhr Mittagessen und dabei wurden mehrere Flaschen Wein geöffnet. Nach den guten und süffigen Mahlen zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück und diktierte seinem Privatsekretär Verszeilen und Prosa. Den Bacchus hat er sicher nicht in der “Götterdämmerung” nachschlagen müssen.
Was mir und vielleicht auch Dir und Euch an diesem Forum gefällt, ist Dr. Jahnkes mitfühlende Art, komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge simpel zu erklären. Herr Jahnke erinnert mich wie kein anderer Volkswirtschaftler an den unbequemen Heinrich Heine, dem die Konservativen bis heute das Etikett “Polemik” anheften, obwohl Heine doch nur die Wahrheit schrieb und Dr. Jahnke sie schreibt. Die fortschreitende Entwicklung des destruktiven, reaktionären Neoliberalismus lässt nicht nur Heinrich Heines Worte wieder ziemlich modern klingen, sondern erzwingt heutzutage drastische Worte, die Menschen endlich wach zu rütteln.
Freu Dich, fragend, auf das Buch “Globalisierung: Legende und Wahrheit”. “Deutschland – ein Wintermärchen” ist, daran gemessen, seichte Prosa.
Liebe Grüße an Euch alle,
Gaby
Hallo Gabi,
habs grade ausgepackt (das Buch) und die Einleitung gelesen. Ich würde Heine aber dann doch irgendwo anders verorten
Bin sehr neugierig auf das Buch, es ist ja nicht so, daß ich überhaupt keine Ahnung habe, nur mit vielen Fachbegriffen tue ich mich schwer und mit allen möglichen Zusammenhängen auch, zumal mit zunehmender Dauer der Krise immer mehr Dinge auftauchen, die ich bis dato noch nicht kannte.
LG