Gedanken zur Zeit 1902 09-12-10: Das Europageschäft ist knallhart, da ist für einen Europa-Dusel der deutschen Linken kein Platz
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Gedanken zur Zeit 1902 09-12-10: Das Europageschäft ist knallhart, da ist für einen Europa-Dusel der deutschen Linken kein Platz
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Schönen guten Abend, Herr Dr. Jahnke und Mitlesende,
ich habe die letzten Monate immer mal wieder davor gewarnt, die politisch Linken jedweder Couleur als Heilsbringer, Gutmenschen oder besonders progressive Leute anzusehen. Ein Blick in die Historie genügt, um zu erkennen, dass die Wurzeln aller modernen Parteien im wirtschaftsliberalen Bürgertum liegen, die sich einst aus dem Absolutismus und dem von ihnen erzeugtem Merkantilismus entwickelte; diese Wurzeln kann meiner Meinung nach keine moderne Partei leugnen und sie werden in der Wirtschaftskrise 2008 ff. immer offensichtlicher.
Politisch Linksgerichtete waren und sind nicht davor gefeit, vor dem Reichen zu kuschen und zu buckeln, sie sind nicht frei von Opportunismus und in ihren Reihen finden sich viele, die einst und heute Ausländer und Andersdenkende hassen, nur ihr Weltbild gelten lassen und durchaus bereit sind, sich zum Krieg gegen ihre Mitmenschen und andere Nationen zu rüsten. Das ist der Grund, warum ich weder Mitglied der konservativen Parteien mit dem “C” im Namen bin, noch Mitglied angeblich progressiver linker Parteien.
Folglich wundert es mich überhaupt nicht, dass die Linksgerichteten sich nicht dafür stark machen, die Verursacher der Krise in die Haftung zu nehmen, sondern dafür zu plädieren, dass der Reiche, in diesem Fall Deutschland, zahlen soll bis ultimo. Der Spruch aus der Weimarer Republik: “Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!”, ist nicht nur so daher gesagt! Der hat seinen historischen Sinn.
Das gleiche verwirrende Phänomen tritt doch auch bei John M. Keynes zutage. Seine Wirtschaftstheorien erscheinen ungeheuer progressiv, querdenkerisch, also linksgerichtet. Aber in Wirklichkeit war Keynes ein wirtschaftsliberaler, stinkreicher, an den Börsen spekulierender Dandy, der jedoch richtige Gedanken zur Rettung des Kapitalismus schmiedete. Karl Marx trat vor ihm in die gleichen Fußstapfen. Es ist irrwitzig, wie exakt Karl Marx den Kapitalismus analysierte, aber gleichzeitig richtete er sich sehr bequem in ihm ein und wollte die Vorzüge des Kapitalismus zeitlebens nicht missen.
Auf mich macht die Historie und die Moderne der angeblich politisch Linksgerichteten den Eindruck, dass es sich vortrefflich querdenken und kritisieren lässt, solange der Bauch etwas zu essen und der Leib etwas zum Anziehen hat. Aber woher kommen diese Wohltaten in der Moderne? Richtig, sie wurden produziert von wenigen Menschen, die Eigner von Produktionsmitteln sind. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz! Man/frau kann nicht seriös und tatsächlich umwälzend ein System (Kapitalismus) kritisieren, wovon die eigene Existenz abhängt!
Kurzum: Die politisch Linksgerichteten sind mit Vorsicht zu genießen. Sie biedern allzu schnell ökonomischen wie politisch einfachen Problemlösungen an und verraten, ganz nebenbei und unbedacht, ihr eigenes Volk.
Liebe Grüße
Gaby
Hier noch eine Glosse zum gleichen Thema: http://www.jjahnke.net/gedanken61.html#1903
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
Ach Gaby, Marx war also auch ein wirtschaftsliberaler an der Börse spekulierender Dandy? Na, das hatte ich aber ganz anders in Erinnerung.
Und worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Dass man als Kapitalismuskritiker in Armut leben muss? Sind sie jetzt auch eine jener Personen, die Lafontaine sein Haus wegnehmen wollen? Oder sollen sich alle Kapitalismuskritiker jetzt aus Solidarität zu den Hartz-IVlern nur noch von Wasser und Brot ernähren, damit der Bauch nicht mehr soviel zu essen hat und es sich moralisch einwandfreier kritisieren lässt.
Es ist doch okay, die Linken dafür zu kritisieren, an der Regierung anders zuhandeln als in der Opposition geredet wird (Welcher Partei genau passiert das nicht regelmäßig?), aber Ihnen auch noch vorzuwerfen, sich im Kapitalismus einzurichten, wo doch offensichtlich die Mehrheit in diesem Lande pro-Kapitalismus ist und es da also vorläufig keine Änderungen geben wird. Ein bisschen Realismus muss man auch von Ihnen erwarten, Gaby, nicht nur von den Linken.
Fehlt nur noch, dass sie jetzt allen Linken zurufen “Ja, dann wandert doch nach Kuba aus, wenn ihr Sozialismus so toll findet!”
Viele Grüße!
Schönen Dank, Axel,
für Deine kritischen Worte.
Was mir an den Kapitalismuskritikern nicht gefällt, ist, dass sie zwar den Kapitalismus, aktuell den Neoliberalismus kritisieren, das System als solches aber nicht ernsthaft in Frage stellen, sondern sich recht gut darin einrichten und sich mit den vielen kapitalistischen Unzumutbarkeiten arrangieren. Ein bisschen “soziales Öl” genügt ihnen und schon ist die Welt der Arbeiter in Ordnung. Und wenn es hart auf hart kommt, wie in der Schröder-Ära, werden linke Geister ratzfatz reaktionärer, als es sich konservative Parteien je getraut hätten zu sein. Die Geschichte der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie legt davon beredtes Zeugnis ab.
Was ich vielen (nicht allen, es gibt einzelne Ausnahmen) politisch Linksgerichteten anlaste, ist ihre Neigung, in Regierungsverantwortung oder Krisenzeiten ihr Rückgrat zu verlieren, nonchalant wirtschaftsliberal zu entscheiden und wieder die protestantischen Arbeitstugenden zu propagieren, statt dafür zu sorgen, dass die ungeheuren industriellen Produktivkräfte endlich dem allgemeinen Wohlstand dienen, der den Menschen obendrein Genuss und Muße, statt endloser Arbeitshetze, gar Arbeitslosigkeit und leere Geldbörsen beschert. Wer aber heute Hüh und morgen Hott sagt, muss sich nicht wundern, dass selbst die besten Umverteilungsideen beim Volk nicht ankommen, weil es längst nicht mehr auf die Worte dieser wankelmütigen Genossen und Genossinnen hört.
Mit freundlichen Grüßen
Gaby
Hallo Gaby,
was Ihre Antwort betrifft: Ich teile Ihre Beobachtungen. Ich habe aber übrigens Verständnis dafür, dass sich Kapitalismus-Kritiker mit den Alternativen schwer tun. Soziale Marktwirtshaft ist eine Ausprägung von Kapitalismus (die m.M.n. gut funktionieren kann, wenn der politische Wille und vor allem Durchsetzungswille da ist, was grad nicht der Fall ist), keine Alternative. Andere Alternativen funktionieren in meinen Augen auf größere Ökonomien angewandt nicht. Nicht, weil das Beispiel DDR es bewiesen hätte, sondern weil ich die Menschheit als Kollektiv für nicht geeignet halte. Wir sind dafür einfach nicht gemacht. Konkurrenz und Egoismus liegen uns einfach mehr. (Nicht schön, aber realistisch.)
Viel wichtiger wäre aber, dass man sich darüber klar wird, was die dahinter liegenden Mechanismen sind, warum linke Politiker in Machtpositionen immer wieder von ihren Positionen abrücken. Wenn man diese Mechanismen ausgehebelt bekommt… Man sieht doch an der SPD, dass diese heute noch unter dem Schröder-Schock steht. Die SPD zeigt doch, wie schwach die eigentlichen kleinen Parteimitglieder sind, die gefühlt anders ticken als der Parteitag, obwohl zahlenmäßig dem Vorstand ganz weit überlegen… Eines der spannendsten Gedankenexperimente ist doch die Frage, was wäre, wenn nicht Schröder sondern Lafontaine Spitzenkandidat geworden wäre… Hätte die SPD die Wahl gewonnen? Wenn ja, gäbe es dann heute “Die.Linke”? Hätten wir heute flächendeckend Mindestlohn? Wo wäre der Spitzensteuersatz? Gäbe es die Abgeltungssteuer? Oder wäre Lafontaine nach einem Jahr per BDI-Volksaufstand weggemobbt worden und es wäre alles wie heute?
Viele Grüße, schöne Woche!
Wir brauchen Politiker mit Charakter, die nicht gleich einknicken oder bei Mobbying das Handtuch werfen.
Guten Tag, Axel und Mitdiskutanten,
herzlichen Dank für Ihre interessante Antwort.
Zum besseren Verständnis meiner Standpunkte sollte ich vermutlich erwähnen, dass ich mich die letzten Monate mit der Wirtschaft des Mittelalters, dem Entstehen und der Entwicklung des Kapitalismus und seinen Architekten sowie Kritikern befasst habe.
Dabei ist mir aufgefallen, dass die konservativen Wirtschaftsliberalen über die letzten 450 Jahre meistens ihr oft sozial erkaltetes Rückgrat bewahrten, wohingegen es seit den Ludditen und Maschinenstürmern, mit Ausnahme Rosa Luxemburgs, von seiten der Linken keinen ernstzunehmenden Widerstand gegen den Kapitalismus gab. Dafür gab es zu Hauf Anpassungsprozesse, seltsamerweise vor allem aus den Reihen der Arbeiter, der Gewerkschaften und der SPD.
Für mich stellen übrigens Sozialismus und Kommunismus keine emanzipierten Alternativen zum Kapitalismus dar, denn beide Systeme fußen auf dem kapitalistischen Prinzip der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und der industriellen Warenproduktion; auch das Problem der Allokation wurde nicht überwunden, sondern per Planwirtschaft verschärft. Von einer Diktatur des Proletariats war nicht viel zu sehen, vielmehr jedoch von staatlicher Diktatur. Diese beiderseitigen Gewaltorgien waren ganz und gar nicht das, was sich Karl Marx als “bessere Welt” vorstellte.
Die besten Jahre des Kapitalismus, da gebe ich Ihnen Recht, erlebten wir während der “sozialen Marktwirtschaft”. Das waren, gemessen an der Vergangenheit und Gegenwart, echte Ausnahmejahre. Mit der teilweisen Anwendung der Rezepte des liberalen Ökonomen Keynes ist es gelungen, einen ausgleichenden Kapitalismus zu schaffen. Der Witz dabei ist, dass es Keynes gar nicht so sehr um Wohlstand für alle ging, sondern darum, den Kapitalismus, der während der Großen Depression auf breite Ablehnung stieß, vor dem Untergang zu retten.
In diesem Forum habe ich stets die Meinung vertreten, dass es weder ein Zurück in der Evolution des Kapitalismus noch eine ernst zu nehmende Alternative gibt. Ich denke, diese Meinung teilen wir. Wir können nicht von heute auf morgen zurück in die Subsistenzwirtschaft des Mittelalter. Dazu fehlen uns allen die notwendigen Produktionsmittel und Kenntnisse; wir würden vor lauter existenzieller Not in gröbster Barbarei versinken. Vor allem unsere globalen Spitzen-Politiker können aber darauf achten, dass sich der Kapitalismus unter Abstimmung der Länder zivilisiert fortentwickelt. Das ist die Alternative, die ich derzeit sehe, auch wenn sie noch in weiter Ferne liegt.
Zwar ist Deutschland keine isolierte Insel im globalen Kapitalismus, aber trotz Globalisierung haben wir nationale ökonomische Werkzeuge, die unsere Regierenden einsetzen können. Es hat sie niemand gezwungen, Deutschland ab 1998 in ein neoliberales Experimentierlabor zu verwandeln, so dass unsere Nachbarn bitter spötteln, wir seien zum China in Europa verkommen. Selbstverständlich hätten wir flächendeckende Mindestlöhne einführen können. Es hat uns niemand gezwungen, die Vermögenssteuer abzuschaffen und niemand hat uns gezwungen, Firmenzerschlagungen und Jobabwanderungen auch noch steuerlich zu fördern. Uns hat auch niemand gezwungen, die Reichen per Steuerminderungen immer reicher werden zu lassen und im Gegenzug Hartz-IV zu installieren. Vieles, was unserer Binnenwirtschaft derzeit die Wirbel bricht, ist selbstgemachtes Leid.
Ein einzelner Politiker ist diesen Entwicklungen völlig hilflos ausgeliefert; er gibt auf oder wird verscheucht. Aber eine Volkspartei in Regierungsverantwortung nicht – die kann sich dem neoliberalen Druck entgegen stemmen und ihre Entscheidungen volksnah, sozusagen für Dummies, kommunizieren. Beides wurde in der Schröder-Ära unterlassen.
Diesem Hüh und Hott der politisch linksgerichteten Menschen begegnen wir öfter, wenn wir uns unsere deutsche Geschichte seit 1848 anschauen. Und ziemlich schüchtern wird geunkt, dass die Roten sich ja nur deshalb so sehr dem Kapitalismus, dem Staat und der Nation anbiederten, weil sie von den Konservativen ernst genommen werden wollten. Sie wurden aber trotz allem, auch trotz Kriegsbeitritt (1. Weltkrieg) nicht ernst genommen und auf die Spitze trieb es Hitler, der seine kranken Ideen rotzfrech “national-sozialistisch” nannte, Eine schlimmere Verhohnepiepelung der linken Bewegung kann ich mir unmöglich vorstellen.
Bleibt die Frage, von wem eigentlich Schröder & Co., unsere Armani-Linken, ernst genommen werden wollten, als sie das deutsche Volk während ihrer Regierungszeit volle Kanne in die stürmische Ideologie des Neoliberalismus warfen.
Mit freundlichen Grüßen
Gaby
Hallo an Alle,
Wer hat uns verraten? Der Sündenbock Sozialdemokraten?
Ist es nicht bekannt, dass Sozialdemokraten nicht über die angemaßten -sprich über die Produktionsmittel verfügen wie die konservativen Raubkapitalisten?
Verraten, verkauft haben uns die Konservativen lange bevor die Sozialdemokraten daran dachten.
Deshalb wäre es angebracht primär auf die Finger der Konservativen zu schauen und nicht auf den, von den Konservativen auserkorenen Sündenbock!
Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen, auch wenn die Rechte der Faust mir das Gegenteil beweisen will!!!
Was hindert die Rechten daran das Richtige zu tun???
Ihre erbärmliche Feigheit, ihre verlogene Rechthaberei und ihre permanente rosenkranzartige Wiederholung von Drohungen?
Will der deutsche Export seine Produkte an den europäischen Markt bringen, obwohl er weiß, dass
die europäischen Märkte den Preis nicht zahlen können und sich dafür verschulden müssen??
Geradezu lächerlich und erbärmlich macht sich da die Position unserer Bundeskanzlerin aus.
Will hier das deutsche Wesen etwa wieder die Welt bekehren?
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<Also ihr Lieben, denkt daran, es kann übel ausgehen und Überheblichkeit der Machthaber geht zu Lasten des Volkes!!
Liebe Grüße
HaH
Hallo, in die Runde,
wie es der Zufall will, habe ich gerade Tucholskys Werke 1925 – 1926 in der Hand. Auf Seite 567 ist zu lesen:
Der schlimmste Feind
Den schlimmsten Feind, den der Arbeiter hat,
das sind nicht die Soldaten;
es ist auch nicht der Rat der Stadt,
nicht Bergherrn, nicht Prälaten.
Sein schlimmster Feind steht schlau und klein
in seinen eigenen Reih’n.
Wer etwas diskutieren kann,
wer einmal Marx gelesen,
der hält sich schon für einen Mann
und für ein höheres Wesen.
Der ragt um einen Daumen klein
aus seinen eigenen Reih’n.
Der weiß nichts mehr von Klassenkampf
und nichts von Revolutionen;
der hat vor Streiken allen Dampf
und Furcht vor blauen Bohnen.
Der will nur in den Reichstag hinein
aus seinen eigenen Reih’n.
Klopft dem noch ein Regierungsrat
auf die Schulter: “Na, mein Lieber..”,
dann vergisst er das ganze Proletariat –
das ist das schlimmste Kaliber.
Kein Gutsbesitzer ist so gemein
wie der aus den eigenen Reih’n.
Paßt Obacht!
Da steht euer Feind,
der euch hundertmal verraten!
Den Bonzen loben gern vereint
Nationale und Demokraten.
Freiheit? Erlösung? Gute Nacht.
Ihr seid um die Frucht eures Leidens gebracht.
Das macht: Ihr konntet euch nicht befrei’n
vor dem Feind aus den eigenen Reih’n.
Tucholsky, gewidmet Ernst Troller
Genau das meine ich, wenn ich sage: “Politisch Linken kann man nicht trauen!”
Hat Gerhard Schröder nicht auch dereinst an den Gitterstäben des Kanzleramtes gerüttelt und gerufen: “Lasst mich hier rein!” Und als er dann mit seiner SPD und den Grünen ab 1998 drin war, da ging aber die Post ab in deutschen Landen: Schwächung der Gewerkschaften, Kriegsbeteiligung in Afghanistan, Agenda 2010, Hartz-IV, Deregulierung der Finanzmärkte, Ausweitung des Niedriglohnsektors, Zulassung von Hedgefonds und weitern giftigen Rezepturen, die unsere Ökonomie kollabieren lassen.
Unter all diesem Wahnwitz “aus den eigenen Reihen” werden wir noch mindestens 10 Jahre zu leiden haben. Vergesst das nicht!
Schönes Wochenende,
Gaby