1883

Gedanken zur Zeit 1883 31-10-10: Reflexionen über die Krise und das angebliche Ende des Kapitalismus in seiner bisherigen Form

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17 Antworten zu 1883

  1. Guten Abend Herr Dr. Jahnke!

    Danke, äußerst treffend zusammengefaßt.

    Ich denke in Position sechs scheiden sich die Geister daran, daß die Neo-lib Gewinner dem Verlierer-Rest einen Tick zuviel zumuten werden und gleichzeitig das global ausgehöhlte Währungssystem allen gemeinsam um die Ohren fliegt. Nur ein einziges gar nicht kleines Land ganz am anderen Ende des eurasischen Kontinents ist mittlerweile darauf vorbereitet und wird am wenigsten verlieren schon weil es weiter günstig einkaufen können wird.

    Das kann schon mangels Alternative nicht das Ende des Kapitalismus sein, nur eine Art „kleiner Reset“; auch eine Chance, die man nutzen könnte, um einem Retro-Kaptialismus zu entgehen; wohl dem der hofft.

    Schöne Woche, ich reise im Eiltempo eine Woche durch Europa; mal sehen, wie es sich diesmal anfühlen wird.

    caw

  2. Rote Socke sagt:

    Zu Punkt 4 volle Zustimmung!

    Vielleicht ein Gedanke aus der roten Ecke: Lassen Sie uns Kapitalismus nicht als Endzustand gelten, sondern lösen wir ihn in seine Bestandteile auf: Kapitalistisch, d.h., etwas wird mit konstanter Bosheit kapitalisiert, und zwar das gesamtgesellschaftliche Mehrprodukt, das in einzelne Taschen fließt.

    Gegenteil wäre – nach meiner Lesart – Sozialismus, allerdings nicht der Stuß, der im Osten 90 Jahre lang als solcher zelebriert worden ist, sondern sozialistisch dem Namen nach, wo genau das gesamtgesellschaftliche Mehrprodukt sozialisiert wird, will heißen, dem Sozius und der Sozia, der Gesellschaft zugute kommt.

    Hätten wir Parteien, die sich ihrer Rolle in diesem Spiel bewußt sind, würden die Sozis genau das eine favorisieren, die Schwarzen das andere, und die anderen Parteien würden weiter munter dazwischenfunken. Aber es wäre längst das Ruder herumgerissen worden und es würde staatlich finanzierte Vollbeschäftigung herrschen.

    Naja, vielleicht zu sehr idealisiert, aber so in etwa, das könnte ich mir als Ausweg aus dem gegenwärtigen Dilemma vorstellen, das nach meinen Beobachtungen seinen Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. Noch haben die Konzerne Absatz…

  3. Manfred Steingrube, Betriebsratsvorsitzender sagt:

    Es freut mich, dass Sie unter Punkt 1 ein mit großer Wahrscheinlichkeit latent vorhandenes gesellschaftspolitisches Reizthema ansprechen, wenn auch nur in einem Satz, der es aber in sich hat, nämlich: eine teilweise vorhandene Korruption auch innerhalb der Gewerkschaften.

    Ich gehe davon aus, dass Sie damit auch zum Ausdruck bringen wollten, dass nicht mehr unbedingt der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit im Vordergrund der Gewerkschaftspolitik steht, sondern vielmehr die Kooperation mit dem Kapital und somit von der einstigen Losung der Gewerkschaften „Unternehmermacht braucht Gegenmacht“ nicht mehr viel übrig geblieben ist.

    • globalnote sagt:

      Ja, es ist leider so. Bei der IG-Metall war der letzte Vorsitzwechsel von Jürgen Peters auf Berthold Huber zugleich ein Rechtsruck. Es gibt viele schreckliche Beispiele von Korruption (siehe z.B. VW). Und was soll man von einem Gewerkschaftler am Vorstandstisch der BASF denken, der die exorbitanten Vorstandbezüge des BASF-Chefs öffentlich verteidigt? Die Gewerkschaftler aus den mitbestimmten Unternehmen und deren Vorstandstischen tragen schwere Verantwortung für die hohen Vorstandsgehälter, denen sie zugestimmt haben. Das Ganze ist eine riesige Schweinerei, um nicht zu sagen Korruption. Die Arbeitnehmer wären wahrscheinlich ohne Mitbestimmung besser dran und die Gewerkschaften auch! Die negative Reallohnentwicklung ist auch die Schuld der Gewerkschaften und der Exportfetichismus, dem die Löhne geopfert wurden, wurde von den Gewerkschaften voll mitgetragen.

      • Manfred Steingrube, Betriebsratsvorsitzender sagt:

        Den Wechsel von Jürgen Peters auf Berthold Huber sehe ich in der Tat genau so. Die Gewerkschaften sind teilweise unter Federführung der IG Metall überwiegend durch die starke Bindung an die Sozialdemokratie nach rechts gerückt und haben dabei nicht nur den Arbeiter fast völlig aus den Augen verloren, sondern ebenso ihre Glaubwürdigkeit. Deutlich wird dies für mich im gegenwärtigen Krisenmanagement der Gewerkschaften. Sie diskutieren so gut wie keine eigenständigen Ideen und plappern stattdessen der Sozialdemokratie alles nach. Anstatt aber „Protestbereitschaft und / oder Kampfeswillen“ auch in die Unternehmen zu lancieren, fällt einem Berthold Huber und einem Detlef Wetzel nichts weiter ein als eine lächerliche Protestpostkartenaktion ins Leben zu rufen. Damit wird man allenfalls eine Schülervertretung beeindrucken können, aber keine Regierung, die einer neoliberalen Politik zuungunsten von Arbeitnehmern und anderen an den Rand der Gesellschaft gedrängten betreibt. Die politische Orientierung der Gewerkschaften ist eher auf eine Zusammenarbeit mit der Bundesregierung ausgerichtet als nun auf eine mehr als erforderliche Konfrontation mit den Regierenden und den Unternehmen zu setzen. Diese mehr als fragwürdige „politische Strategie“ innerhalb der Gewerkschaftsbewegung kann die Ungleichheiten in den Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft, immer nur undeutlich darstellen, weil dieser Weg Widersprüche erkennen lässt im Sinne von „Unternehmermacht braucht Gegenmacht“.

  4. dmd sagt:

    Da war doch noch das Vorstandsmitglied einer Bahngewerkschaft, der den Sprung in den Vorstand als Personalchef schaffte und die kritik daran kommentierte : Ich werde doch keine andere Politik als vorher machen

  5. Gaby sagt:

    Schönen guten Tag,

    herzlichen Dank, Herr Dr. Jahnke, für diese bemerkenswerte Zusammenfassung unserer heutigen marktwirtschaftlichen Situation. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, dass zu den benannten „Seilschaften“ auch der in 1969 erfundene Wirtschafts-Nobelpreis gehört, der die Kaffeesatzleserei unserer vornehmlich neoliberalen Ökonomen auf ein wissenschaftliches Fundament stellt, was die Prognosen und Theorien allerdings qualitativ nicht besser macht.

    Vor einem Jahr habe ich behauptet, ich sei ein ökonomischer Hänfling, weil ich den Kapitalismus nicht gänzlich verstanden hatte, da ich mit dem Studium seiner Entwicklung in den letzten 450 Jahren längst nicht fertig war. Es ist jedoch wichtig, sich mit seiner Historie auseinander zusetzen, deren Beginn mit Mandevilles „Bienenfabel“ festgelegt werden kann. Von hier aus führt der Weg durch den Merkantilismus hin zu den Übergängen der absolutistischen Geldvermehrung in die liberalen Hände privater Verleger, Plantagen- und Manufakturbesitzer, hinein in den Frühkapitalismus, der Bildung der Nationen, der Staaten, der Parteien und führt über Keynes zu Hayek, Friedman & Co. hinein in die Gegenwart des Neoliberalismus. Dieser Weg wird eng verzahnt begleitet von solchen „Geistesgrößen“ wie Hobbes, Malthus, Bentham, aber auch Schopenhauer und Kant, die allesamt den Menschen den Kapitalismus „schmackhaft“ machten bzw. die Durchschnittsmenschen mental dort hinein peitschten.

    In diesem Zusammenhang halte ich bei der Bildung der Gewerkschaften inne. Sie entstanden aus der Arbeiterbewegung des 19. Jhr. Wenn man berücksichtigt, dass die Arbeiter des 19. Jhr. bereits ebenso in den Kapitalismus „verhausschweint“ waren, wie die Kapitalisten selbst, wird klar, dass ihr Widerstand überhaupt nichts mehr mit den antikapitalistischen Widerständen der Ludditen und Maschenstürmer zu tun hatte. Die Arbeiterbewegung des 19. Jhr. stellte den Kapitalismus nicht mehr in Frage, sondern kämpfte lediglich für ein bisschen „sociales Oel“, wie Bismarck es nannte. Und weil die Arbeiterschaft und die aus ihnen entstehenden Gewerkschaften stets Arm in Arm mit den Kapitalisten gingen, wundert mich nicht, dass die Gewerkschaften heute teilweise in korrupter Weise in Politik und Wirtschaft verfilzt sind.

    Das gleiche gilt für unsere Parteienlandschaft, die einst, aus dem Absolutismus (Merkantilismus) geboren, liberal heranwuchs und sich teilte in Mitte, Rechts und Links. Alle drei Strömungen haben die dieselben frühkapitalistischen Wurzeln, die sie sich nie abhackten. So wundert es mich nicht, dass wir heute nur sehr schwer Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien erkennen können, die allesamt den Kapitalismus nicht zur Disposition stellen. Sie fordern allesamt auf ihre Weise Anpassungen an ein System, dass der menschlichen Natur völlig zuwider läuft.

    Nun gibt es tatsächlich Menschen, die auf ein Ende des Kapitalismus hoffen, obwohl sich diese Geldwirtschaft als äußerst zäh erwiesen hat. Immerhin hat der Kapitalismus die Oktoberrevolution, die Große Depression, den Faschismus und die 68er überlebt. Auch die aktuelle Krise führt nicht dazu, das System grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Ruf der Menschen erbittet lediglich ein bisschen „soziales Öl“, ein bisschen mehr Regulierung, ein bisschen mehr staatliche Stärke.

    Die Geschichte des Kapitalismus zeigt, dass sich diese Ideologie über all die Jahrhunderte fortentwickelte und, wenn es ganz schlimm kommt, in Kriege mündet. So wird sich auch der Neoliberalismus fortentwickeln und der Silberstreif ist bereits am Horizont zu erkennen und zwar in Form der chinesischen Diktatur. Ich wette, die Chinesen werden künftig eine neue Spielart des Kapitalismus praktizieren. Wie die aussieht, ist bereits jetzt zu erfühlen. Die Sonnenökonomie, die einst Keynes einläutete, ist meines Erachtens erst einmal vorbei. Die Zeiten werden für die globalen Durchschnittsbürger rabenschwarz und bitter kalt.

    Mit trotzdem gut gelaunten Grüßen

    Gaby

  6. Markus sagt:

    Von “Hirten & Wölfen” weiß dieses Buch zu berichten, d.h. von den global vernetzten Geld- und Machteliten:

    http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/602-0.html

  7. TÜLAI sagt:

    Lieber Herr Dr. Jahnke,

    auf die Gefahr hin, dass Sie meine Nachfragen als ärgerliche, notorische Wadenbeißerei erleben könnten, frage ich dennoch.
    Bieten Sie in irgendwelcher Ihrer Veröffentlichungen Erläuterungen der in diesem Beitrag verwendeten, zentralen Ausdrücke?

    Zu Abschnitt 1:
    Was verstehen Sie unter
    1.) „Kapital“; verwenden Sie den Ausdruck in Abgrenzung zu „Geld“, „Geldvermögen“?
    2.) „Neoliberalismus“,
    3.) „Kapitalismus“, verwenden Sie den Ausdruck in Abgrenzung zu „Marktwirtschaft“ beziehungsweise „soziale Marktwirtschaft“?

    Zu Abschnitt 7:
    Was verstehen Sie unter „Finanzkapital“ als Spezialfall von „Kapital“ bzw. „Finanzmarktkapitalismus“ als Spezialfall von „Kapitalismus“?

    Mir ist schon verständlich, dass kurze Beiträge auf Internetseiten solche Erläuterungen grundsätzlich nicht leisten können, und dass Sie hier nicht ausführlich antworten können. Allerdings halte ich begriffliche Klärungen in der Sache für unverzichtbar, wenn man komplizierte Zusammenhänge halbwegs richtig analysieren will.
    Vielleicht können Sie mir einfach einen kurzen Hinweis geben, wo ich anderswo bei Ihnen entsprechende begriffliche Erläuterungen finde.
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    In Abschnitt 5 schreiben Sie:
    „Globalisierung wird … als … Schicksal verkauft, obwohl es das Werk des Kapitals ist.“

    Ich verstehe Ihre Aussage so, dass das Kapital die Ursache von Globalisierung ist. Das Kapital führt absichtsvoll Globalisierung herbei. Richtig verstanden?

    In Abschnitt 1 schreiben Sie:
    „Die Globalisierung hat einerseits zu … Verzahnung der … neoliberalen … Kräfte geführt.“

    Ich verstehe Ihre Aussage so, dass Globalisierung die Ursache für Verzahnung der neoliberalen Kräfte ist. Globalisierung führt Verzahnung der neoliberalen Kräfte herbei. Richtig gelesen?
    Vielleicht ist damit gemeint: Unter den Gegebenheiten globalisierter Finanz- und Arbeitsmärkte konnten sich die Anhänger des Neoliberalismus besonders leicht zum gegenseitigen Vorteil verzahnen.

    Beide Aussagen zusammen klingen für mich so, als ob Sie hier kurz eine Rückkoppelungsschleife erwähnen. Gesellschaftliche Systeme zeichnen sich ja durch vielfältige Rückkoppelungen aus.
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    Abschließend möchte ich nochmals hervorheben, dass ich Ihre Überlegungen mit großem Interesse gelesen habe. Möglicherweise werden Ihnen meine Nachfragen sympathischer, wenn Sie sie als Ausdruck meiner ernsthaften Beschäftigung mit Ihren Überlegungen auffassen.

    Viele Grüße
    TÜLAI

    • globalnote sagt:

      Begriffe, wie Neoliberalismus, habe ich im Infoportal immer wieder erläutert. Kapital ist das Eigentum an Produktionsmitteln, egal in welcher Form von Marktwirtschaft.

    • Rote Socke sagt:

      Vielleicht darf ich etwas ergänzen: Sehen Sie sich bitte mal eine Bilanz (egal, welche) an, TÜLAI. Dort gibt es einen Punkt “Kapital”, und auf den bezieht sich die Begriffe “kapitalisieren” und “Kapitalismus” als ein Wirtschaftssystem, das darauf aufbaut, daß Gewinne kapitalisiert werden… und Verluste sozialisiert.

      • TÜLAI sagt:

        Liebe Rote Socke,

        vielen Dank, dass Sie mit meiner Zuschrift sachlich umgehen / dass Du mit meiner Zuschrift sachlich umgehst!

        Ich habe den Gebrauch der Begriffe „Kapital“, „“Geld“, „Vermögen“ und „Bilanz“ in dem verbreiteten Lehrbuch Paul A. Samuelson / William D. Nordhaus: „Volkswirtschaftslehre“ (2005) sowohl in der deutschen Übersetzung als auch im englischen Original (Economics; 18th edition; 2005) nachgelesen und gebe sie nachfolgend einmal neutral kurz wieder:

        Die drei wichtigsten Faktoren für die Produktion sind (Seite 61):
        1.) Boden (land)
        2.) Arbeitskraft (labor)
        3.) Kapital
        1.) und 2.) sind ursprüngliche (= primäre) Produktionsfaktoren. Ihr Angebot hängt nicht von wirtschaftlichen Faktoren ab und wird abseits des Marktes gebildet (S. 385).
        Kapital ist dagegen ein selber im Produktionsprozess erzeugter Produktionsfaktor und damit sowohl Input als auch Output des Produktionsprozesses.
        Es gibt drei Arten von Kapital:
        3.a.) Gebäude ((Fabriken, Wohnhäuser)
        3.b.) Maschinen
        3.c.) Lagerbestände (Rohstoffe, gefertigte Erzeugnisse)
        3.a.) bis 3.c.) stehen auf der Aktiva-Seite einer Unternehmensbilanz. Dort steht allerdings zusätzlich die Position „Bargeldbestand (engl.: cash).
        Die Aktiva-Seite (= linke Seite) gibt an, wofür Mittel verwendet werden. Die Passiva-Seite (= rechte Seite) gibt an, woher die Mittel stammen.

        4.) Abgrenzung von „Kapital“ gegenüber „Vermögen“:
        Der Begriff „Vermögen“ (engl.: wealth; page 228) bezeichnet den Nettogeldwert aller Vermögensgegenstände einer Person / eines Unternehmens zu einem bestimmtem Zeitpunkt (S. 330). Damit ist Vermögen eine Bestandsgröße im Unterschied zu einer Flussgröße wie z.B. Einkommen.

        Meine Bemerkung: In obiger Erläuterung von „Vermögen“ wurde bereits vom „Geld-Begriff Gebrauch gemacht („Nettogeldwert“). Das ist methodisch in Ordnung. Allerdings sieht man wie schwierig ein halbwegs sauberer Theorieaufbau in der Volkswirtschaft von Anfang an wird.

        Vermögenswerte (wealth) werden in zwei Gruppen unterschieden:
        4.a.) Sachpositionen (tangible items; p. 228): Haus, Auto, Grund und Boden
        4.b.) Geldpositionen (financial holdings; p. 228): Bargeld, Sparguthaben, Anleihen, Aktien.
        Meine Bemerkung: Nur solche Sachmittel werden ja gerade auf der Aktiva-Seite einer Bilanz eingetragen.
        Das Reinvermögen (im Deutschen auch als „Eigenkapital bezeichnet; engl.: net worth) ist definiert als:
        Gesamtvermögen (total assets) abzüglich Gesamtverbindlichkeiten (total liabilities)

        4.) Abgrenzung von „Kapital“ gegenüber „Geld“:
        Geld ist Tauschmittel
        Geld ist Zahlungsmittel für waren und zur Schuldentilgung. Es vermittelt zwischen Käufer und Verkäufer

        Meinem Eindruck nach verwenden Journalisten den Ausdruck „Kapitalströme“ dagegen oft umgangssprachlich im Sinne von „Finanzströme“, oder „Geldströme“.
        Das ist ja völlig in Ordnung. Man sollte nur wissen, dass „Kapital“ als volkswirtschaftlicher Begriff bzw. als bilanztechnische Position enger bzw. anders definiert ist.

        Wenn ich Sie / Dich richtig verstehe, gebrauchst Du „kapitalisieren“ in der Bedeutung von: „eine Gelegenheit zum eigenen, privaten Vorteil nutzen“, „privaten Vorteil aus einer Situation ziehen“, so wie das engliche Verb „to capitalize on).

        To turn (an opportunity) to one’s advantage; to take advantage of (a situation); to profit from; as, to capitalize on an opponent’s mistakes.
        (http://www.thefreedictionary.com/capitalize+on )

        Deine Redeweise “Gewinne kapitalisieren und Verluste sozialisieren“ bedeutet: „Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren“

        Ich hoffe, alles halbwegs richtig erläutert zu haben.

        Viele Grüße und Danke für Deine Geduld
        TÜLAI

      • Rote Socke sagt:

        Sie dürfen mich ruhig duzen, TULAI. Nehme mir das Recht auch raus, verkürzt die Sache. Mit Kapitalisieren meine ich genau das, was es heißt, und zwar dem Kapital zuschlagen. Frage ist nur, was da zugeschlagen wird. Meine Antwort: Der erwirtschaftete Mehrwert.

        Ohne Nachschlagewerke bemühen zu wollen – in der seit mehreren Tausend Jahren herrschenden Wirtschaftsform gehört dem Eigentümer der Produktionsmittel der mit diesen erwirtschaftete Gewinn i.S.v. erwirtschaftete Mehrwert. Der kommt – auch richtig erkannt – in die Position Eigenkapital, die in der deutschen Bilanz nun mal “Kapital” heißt und als Passivposten rangiert.

        Dem steht das Sozium gegenüber, als Gesamtheit der nicht über Kapital (in dem von Ihnen gebrauchten Sinne) verfügt. Für dieses Sozium produziert der Kapitaleigner Werte, die er an dieses Sozium zu einem Preis verkauft, der seine Unkosten deckt und eine erweiterte Reproduktion zuläßt.

        Aus dem Sozium rekrutieren sich die Arbeitskräfte. Solange diese gesamtgesellschaftlich gesehen die Möglichkeit haben, die vom Kapitaleigner hergestellten Werte zu konsumieren und sich gleichzeitig noch erweitert zu reproduzieren, ist alles in Ordnung: Der Kapitaleigner hat Absatz, die Mitglieder des Soziums ihre Arbeit, und alle ihren Frieden.

        Kritisch wird es dann, wenn die Gesamtheit des Soziums nicht mehr in der Lage ist, die Produktion des Kapitaleigners abzunehmen. Dann bleibt der entweder auf einem Teil seiner produzierten Werte sitzen oder muß sich ein anderes Sozium suchen, das in der Lage ist, seine Werte zu dem von ihm bestimmten Preis abzunehmen. (sprich: Export, für D sehr aktuell)

        In dem Maße, wie es dem Kapitaleigner gelingt, immer mehr Werte mit immer weniger Arbeitskraft zu produzieren, in dem Maße steigt seine Akkumulation im Bereich Kapital, und in demselben Maße sinkt das Vermögen des Soziums, die von ihm produzierten Werte zu verkaufen.

        Hinzu kommt, daß die von ihm nicht mehr gebrauchten Arbeitskräfte dem Sozium aufgebürdet werden. Das geht so lange gut, wie es noch genügend Kapitaleigner gibt, die Arbeitskräfte brauchen. Das wird ab dem Moment kritisch, wo es bei den Mitgliedern des Soziums keine Möglichkeit mehr gibt, bei Werte produzierenden Kapitaleignern eine Anstellung zu finden. Dann muß diese Aufgabe das Sozium mit übernehmen.

        Um diese Aufgabe übernehmen zu können, braucht das Sozium Möglichkeiten, um seinen Mitgliedern, die nicht bei einem Kapitaleigner Werte produzieren können, eine Alternative zu bieten. Diese Möglichkeit besteht darin, daß das Sozium vom Kapitaleigner fordert, einen bestimmten Anteil des von ihm erwirtschafteten Mehrwerts dem Sozium für seine Zwecke zu überlassen, die letztendlich auch zum Nutzen des Kapitaleigners sind. (sprich: Steuern auf Einkommen und Vermögen)

        Den letztgwenannten Prozeß nenne ich sozialisieren, d.h. dem Sozium zur Verfügung stellen. Dieser Prozeß hat in D seit Jahren und Jahrzehnten rückläufige Tendenz, was dazu geführt hat, daß

        a) die Vermögensbestände immens hoch geworden sind,
        b) das Sozium immer mehr verelendet ist und
        c) die Kapitalseigner kaum noch Möglichkeiten für einen geordneten Absatz ihrer Werte haben.

        Es gibt noch allerhand andere Faktoren, die zu diesem Zustand geführt haben, will das aber nicht weiter ausweiten. Nur ein Beispiel noch, was Ergebnis dieser verhängnisvollen Entwicklung ist: Die gegenwärtig vorhandenen Akkumulationen sind mehr, als in vertretbarer Zeit als Ware hergestellt bzw. vernünftig verbraucht werden kann. Das ist ungesund für die Gesellschaft.

        Eine Lösung ist demzufolge nur dann zu erwarten, wenn die Akkumulationen in sinnvoller Weise abgebaut werden und die Mitglieder des Soziums eine Möglichkeit zu ihrer eigenen erweiterten Reproduktion bekommen. Alles andere führt nur weiter rein in die Krise.

        Bißchen lang, das Ganze. Bitte um Nachsicht.

      • Gaby sagt:

        Schönen guten Tag, Rote Socke,

        was bedeutet eigentlich „Sozium“?

        Ich habe gerade danach gegoogelt und auch mein eigenes Lexikon der Synonyme bemüht, allerdings ohne Erfolg. Nach weiterem Suchen fand ich das Wort endlich doch und zwar hier „Kulturologie: Russland auf der Suche nach einer zivilisatorischen Identität“, Seite 43, ganz unten.

        http://books.google.de/books?id=9THLnOl69csC&pg=PA43&lpg=PA43&dq=W%C3%B6rterbuch+sozium&source=bl&ots=RbBGuz2Dab&sig=bSUYMlNYE7LeOUC8oxH_8hxnB6Q&hl=de&ei=5x3lTK2qMYKA5AbUxKjwDg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=12&ved=0CEcQ6AEwCw#v=onepage&q=W%C3%B6rterbuch%20sozium&f=false

        Mir deucht, diese Vokabel ist in der Bundesrepublik nicht alltäglich, oder?

        Mit freundlichen Grüßen

        Gaby

      • Rote Socke sagt:

        Aber … hört sich doch verdammt wissenschaftlich an, oder?

  8. TÜLAI sagt:

    Lieber Herr Dr. Jahnke,

    oft verwenden Sie den Ausdruck „das Kapital“ als Kurzbezeichnung für die Personengruppe derer, die als Eigentümer oder aber als bezahlte Manager sowie als poltische Beamte und Berufspolitiker über die Verwendung und Steuerung extremgroßer Geldbeträge verfügen.
    „Kapital“ bedeutet bei Ihnen oftmals „die Großfinanziers als handelnde Personen“:
    „Die … zu beobachtende politische Stärke des Kapitals …“
    „Das Großkapital beinflußt und leitet die Strukturen …“
    „… beherrscht das Kapital die Medien“
    Nach nochmaligem Lesen denke ich, so hätte ich den Ausdruck auch in Ihren Aussagen
    „Globalisierung … als Schicksal …, obwohl es das Werk des Kapitals ist.“
    und
    „Die Konzentration und Schlagkraft des Kapitals hat durch die Rolle des Finanzkapitals seit Liberalisierung der Finanzströme gewaltig zugenommen.“
    lesen müssen. Ich habe es tatsächlich erst nachträglich bemerkt. Ich hatte Ihren Beitrag zunächst falsch gelesen.
    Ihrem Verständnis nach scheinen Globalisierung und Konzentration von Finanzmitteln, zumindest in ihrem Kern keine anonymen Prozesse zu sein, im Unterschied zu dem, wie viele Sozialhistoriker heute zum Beispiel die Prozesse der Industrialisierung und der Urbanisierung auffassen.
    Ich hoffe, dass ich Sie jetzt angemessener verstehe.

    Mit folgender Anmerkung will ich keine neue Auseinandersetzung eröffnen. Wenn es Ihnen um die Verfügung über und Steuerung von im Weltmaßstab großen Geldbeträgen geht, dann müssten in Ihre Definition von „Kapital“ zusätzlich zum Eigentum an Produktionsmitteln die in den weltweiten Anleihemärkten steckenden Gelder aufgenommen werden, die um ein Mehrfaches höher als die Nominalwerte der Aktienmärkte sind. Anleihen sind Inhaberschuldverschreibungen, die von den Gläubigern als Kredit (durch Banken) oder aber als Geldleihe (durch alle Nicht-Banken) gezeichnet werden. Große Kapitallebensversicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und Staatsfonds, die mehrheitlich Anleihen in ihren Portfolios halten, zählen ja ebenfalls zu den maßgeblichen Akteuren im Finanzsystem.

    Für Ihren großen Arbeitseinsatz, den Sie mit größter Regelmäßigkeit seit Jahren erbringen, möchte ich Ihnen danken.

    Viele Grüße
    TÜLAI

    • globalnote sagt:

      “dann müssten in Ihre Definition von „Kapital“ zusätzlich zum Eigentum an Produktionsmitteln die in den weltweiten Anleihemärkten steckenden Gelder aufgenommen werden, die um ein Mehrfaches höher als die Nominalwerte der Aktienmärkte sind. Anleihen sind”. Nein: ohne Privateigentum an Produktionsmitteln gäbe es diese Gelder nicht in privater Hand. Sie sind das Spekulationsergebnis von Mitteln, die ursprünglich aus dem produktiven Prozeß kommen und von Unternehmen und Menschen, die an der Produktion ursprünglich verdient haben, dort angelegt worden sind und sich dann spekulativ vermehrt haben. Ohne die Realwirtschaft gäbe es auch den Finanzsektor nicht (wir wären alle mausetod). Doch das ist eine ziemlich unsinnige Diskussion, die Sie unbedingt vom Zaun brechen wollen. Ich habe dafür wirklich keine Zeit.

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