2161

global news 2161 06-10-10: OECD-Bildungsbericht 2010: Kein Ende der deutschen Misere

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Eine Antwort zu 2161

  1. Gaby sagt:

    Hallo in die Runde,

    wenn ich ein einflussreicher Unternehmer wäre oder von meinem millionenschweren Erbe anstrengungslos leben könnte und/oder ein ebensolches Mitglied der INSM, gar bedeutender deutscher Politiker, würde ich die neuen (alten) Erkenntnisse der OECD applaudierend begrüßen und gleiche meine Spezis zusammen trommeln, um mit ihnen zu beraten, wie die nächste Strategie zur Rettung unseres maroden Bildungssystems auszusehen hat.

    Ihr meint nun sicher, ich spinne. Das tue ich ganz sicher nicht mit Blick in diverse Gazetten, die seit Jahren immer mal wieder Artikel veröffentlichen wie einst die ZEIT im Januar 2006: „Wer die Bildungsmisere in Schulen und Kindergärten überwinden will, braucht die Hilfe der Wirtschaft. Sie hat das Geld und das Know-how… Unternehmen engagieren sich, vor allem an den Hauptschulen.“

    http://www.zeit.de/2006/05/Bildung__Spezial_

    Gerade der Wirtschaft ist unser Schulsystem mit seinen angeblich wenig leistungsstarken Lehrkräften, die ohnehin nur über mangelhafte marktwirtschaftliche Bildung verfügen, zudem träge und phantasielos sind, längst ein Dorn im Auge. Die Wirtschaft braucht keine demokratisch gebildeten, selbstbewussten, politisch engagierten Menschen, sondern angepasste Fachidioten, die nach unten treten und nach oben buckeln, bescheiden und leidensfähig sind.

    Je schlechter die OECD unser Schulsystem Jahr für Jahr einschätzt und das mit PISA-Tests ergebnisarm belegen kann, desto eifriger wird die Wirtschaft, allen voran Bertelsmann und INSM, unserer steuerklammen Politikerkaste zu Hilfe eilen mit kostenlosen Pseudo-Lehrkräften und kunterbuntem, selbst zusammengeschmiertem Lehrmaterial.

    Wie das aussieht, könnt Ihr hier sehen:

    http://www.wirtschaftundschule.de/WUS/homepage/Aktuell/Neue_Materialien.html;jsessionid=82A5336A25261F55915AB154451E9204

    Ich habe das Lehrmaterial „Staatsverschuldung – unvermeidbar und gefährlich?“ angeklickt. http://www.bpb.de/files/V9PCF3.pdf das in 2010 erschienen ist.

    Bereits auf Seite 1 sieht man eine doofe Karikatur: „Kaum noch Unterschiede zwischen Arm und Reich“. Ein Mensch, auf einer Parkbank sitzend, wird gleichgestellt mit Bankern. Beide leben von Staatsknete. Die Unverhältnismäßigkeit der staatlichen Hilfe wird in der perfidesten, also hinterlistigsten Weise weggelacht.

    Auf dem Lehrerblatt 2 ist zu lesen: „Der deutsche Finanzwissenschaftler Adolph Wagner (1835 – 1917) stellte bereits im 19. Jhr. fest, dass der ‚Fortschritt der Volkswirtschaft und Kultur’ mit einer Ausdehnung der Staatstätigkeit verbunden sei. Die Entwicklung in Deutschland scheint das Wagnersche ‚Gesetz der wachsenden Staatsausgaben’ zu bestätigen. Der Wandel vom Verwaltungs- und Rechtsstaat des 19. Jhr. zum Wohlfahrts- und Umverteilungsstaat des 20. Jhr. führte zu einer deutlichen Ausweitung staatlicher Leistungen. So stieg die Staatsquote, der Anteil der öffentlichen Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, von etwas 15 Prozent um 1900 auf über 50 Prozent im Jahr 1995.“

    Verschwiegen wird allein in diesem klitzekleinen Absatz, dass das „Wagnersche Gesetz“ ständig steigender Staatsausgaben längst keine Gültigkeit mehr hat, denn die Konzentration des öffentlichen Dienstes auf wenige Aufgabenbereiche (neoliberal schlanker Staat), hat in den letzten Jahren zu einem enormen Abbau unserer Beamten geführt. Verschwiegen wird darüber hinaus, dass Wagner zu den führenden Personen im 1881 gefestigten CCC (Conservativen Central-Comitee) gehörte, das sich alsbald zur antisemitischen „Berliner-Bewegung“ formierte und Wagner dort mit Adolf Stoecker zusammen arbeitete.

    Den Rest aus diesem Lehrerblatt habe ich mir erspart zu lesen, komme aber dennoch zu dem Schluss: Der willige, billige, unkritische Lohnarbeitssklave ist das Ziel marktradikal von Seiten der Wirtschaft gesponserter Schulausbildung in Deutschland.

    Herzliche Grüße aus einem sozialpolitisch kaputten Land, dessen politische Lichtgestalten sich derzeit mit neu erstarktem Konservativismus schmücken und andererseits seine Bürger, auch die aus der konservativen Mittelschicht stammenden, ausdauernd auf der Straße protestieren gegen eine Politik, die der Wirtschaft niemals weh, aber immer gut tut.

    Gaby

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