Dieser Beitrag wurde geschrieben von am Freitag, 10. September 2010 um 9:45 am und eingeordnet unter Politik, soz, Wi. Du kannst den Antworten zu diesem Eintrag mit Hilfe des RSS-2.0-Feeds folgen.
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Ich empfinde Ihre Ausführungen als außerordentlich wichtig, danke dafür. Angst frißt bekanntlich Seele auf, sie zerstört wichtige Strukturen, im Kleinen wie im Großen; sie verhindert allgemeines, gesundes Wohlbefinden welche einen Menschen, eine Familie, die Gesellschaft human, optimistisch und erfolgreich sein läßt.
Nachdem ich nun viele Jahre von außen nach innen schaue frage ich mich allerdings, warum Angst als ein so deutscher Begriff gilt; zynisch könnte man sagen daß dem so ist weil sich zum Beispiel die Bürger hier in UK, Schottland, weniger um das scheren, was außerhalb ihres Dunstkreises geschieht. So ist den allermeisten der EURO egal, London und erst recht Europa ebenso, Wechselkurse und Sprachen unwichtig und Schuldenstände Sache der Administration.
Ich persönlich glaube, daß sich im deutschen Wesen tatsächlich der Drang nach Wissen u.a. auch der Neugierde beugt, erkennen zu wollen, wo es lang geht oder zumindest lang gehen kann. Dazu benötigt man Information und ein gewisses Grundwissen; wenn einem oder gar beiden Faktoren anzumerken ist, ob nur geahnt oder bereits erkannt, daß sie gerichtet, ergo manipuliert, dumm unrichtig oder vorsätzlich falsch sind, dann folgt einer gewissen Ohnmacht schnell die Angst, dem Konglomerat aus Verführung, Dummheit, Ignoranz und Versagen auf Gedeih’ und Verderb’ ausgeliefert zu sein.
So ist dem Nichtinformierten die Ruhe in, die dem Informierten angesichts seines Vorsprungs an Wissen abgeht: Angst macht unruhig.
Auch ich sehe meist von Draußen nach Deutschland, nämlich aus Irland/GB oder Frankreich (dort wo es sonnig ist). Ich denke jedoch, daß es nicht nur ein deutscher Wissenvorsprung ist, der ängstlich macht. Die Deutschen haben ja sicher auch nicht so sehr Angst wegen der Verhältnisse im Ausland, für die sie sich auch relativ wenig interessieren, auch wenn – weil in der Mitte Europas und in den Euro eingebunden – wahrscheinlich mehr als die Schotten. Für mich kommen da viele Umstände zusammen, wie:
ein noch nicht überwundenes Trauma aus der verbrecherischen Vernichtung von Millionen Menschen und der Unterstützung von zwei Diktaturen auf deutschem Boden im letzten Jahrhundert (wobei die zweite natürlich weit weniger schlimm war),
eine schwere Störung des deutschen Solidaritätsbedarfs durch die Spitzenposition in der neoliberalen Globalisierung unter westlichen Ländern,
eine alternde und daher von Natur aus ängstlichere Bevölkerung (der Verzicht auf Nachkommenschaft ist nicht nur ein Wohlstandsphänomen, sondern auch Zeichen von Zukunftsangst, sonst müßten auch GB und Frankreich wegen ihres Wohlstands der Kinder entsagen),
der in sehr vielen Familien durch zwei verlorene Weltkrieg erlebte Verlust der meisten weltlichen Werte, und vor allem der Ernährer bei den zahlreichen Kriegswaisen (gehöre selbst dazu) bzw. Söhne, auf deren Unterstützung die Eltern gebaut hatten,
eine Neigung zu seelischen Untergründen statt rationalem Vorrang, wie in GB und vor allem Frankreich,
und wahrscheinlich noch vieles mehr, was so in anderen Ländern nicht zuschlägt.
Die Befragten, die ja fast schon panische Angst vor einer Überforderung der Politiker haben, möchte ich mal persönlich kennen lernen. Die kennen wahrscheinlich die Claudia Roth noch nicht. Die wird niemals überfordert sein, da kann kommen was will. Die anderen übrigens auch nicht.
Leider fehlt es an Hoffnungsträgern in der deutschen Politik. Ein Willy Brandt heute könnte Wunder bewirken und viel Angst von den Menschen nehmen. Aber solche Persönlichkeiten sind in der Politik schreckliche Mangelware.
“Eine Neigung zu seelischen Untergründen statt rationalem Vorgang”
Wohl wahr, wenn man die zu ca.70% zustimmenden Leserkommentare zur aktuellen Sarrazin-Debatte verfolgt.ich wundere mich immer mal wieder wie selbst bei intelligent formulierenden Menschen, als auch einer rechtsextremistischen Elite im land, eine dumpf primitive Ausländerfeindlichkeit zum Vorschein kommt die offenbar schon lange unterschwellig vorhanden war. Nach dem Motto, es muss doch endlich mal gesagt werden dürfen… Vehement vorgetragen als wäre das wieder unser Hauptproblem in Deutschland!…Einfach gruselig.
ich stimme Dir vollumfänglich zu. Es ist gruselig, dass Deutsche, die von sich behaupten, Demokraten zu sein und selbstverständlich jeden nach seiner Fasson leben lassen und auch tolerant zu diskutieren wissen, von jetzt auf gleich wieder zu ekelhaften Herrenmenschen werden können, wenn es das politische (Sarrazin)Klima erlaubt. Das ist eine Ungeheuerlichkeit, gerade so, als hätten wir unsere jüngere Historie vergessen, zu sehr verniedlicht oder im Wohlstands- und Konsumtaumel der letzten Jahrzehnte begraben.
Da kursiert neuerdings ein sexistischer Spruch unter meinen männlichen Arbeitskollegen, den sie halb lachend, halb bitter ernst hervor bringen und die dummen Weiber drumherum giggeln auch noch darüber, ohne im Entferntesten daran zu denken, welche sozialen Auswirkungen das stille Tolerieren der Menschenfeindlichkeit haben kann: „Frauen darf man nicht schlagen – man muss sie kräftig treten!“
Mit einem Schlag scheinen alle Emanzipationsbestrebungen der letzten 40 Jahre, die sich ja auch darin äußern, dass das Misshandeln und Vergewaltigen auch von Ehefrauen unter Strafe gestellt wurde, weggewischt und die Männer die konservativen Verhältnisse der Vorkriegsjahre wieder herstellen möchten.
Da tut sich was im deutschen Volke – aber nix Gutes!
zuerst einmal stimme ich Dr. Jahnkes Ausführungen zum Thema „deutsches Trauma“ und seine Auswirkungen auf die Kinder- und Enkelgeneration zu. Die Traumatisierungen der Eltern werden gewöhnlich per Erziehung weitergegeben an die nächste und übernächste Generation. Seit der Reichsgründung 1871 bis 1945 wurden die Deutschen mit kriegsrasselnden Traumen und kapitalistischen Zusammenbrüchen geradezu überschwemmt – das prägt!
Nach einer kurzen ökonomischen Ruhepause und dem Gefühl „Es geht wieder aufwärts“ prasselten neue beängstigende Ereignisse auf uns ein: die Rezession der 1970er Jahre, die Studentenbewegung, die RAF, die Umbrüche im konservativen Sozialgefüge Deutschlands, Waldsterben, Atomenergie, neoliberale Reformen, Klimawandel, Wirtschaftskrise 2007 ff. Die Deutschen haben genügend Gründe, ängstlich und zögerlich zu sein bzw. sich von ihrer politischen Klasse verschaukelt zu fühlen. Für meinen Geschmack wird über die „German Angst“ viel zu wenig diskutiert. Unsere kommerziellen Medien sind viel lieber damit beschäftigt, den Deutschen noch mehr Angst einzujagen.
Es gibt aber etwas, das mir viel mehr Unbehagen bereitet, als die pessimistische Ängstlichkeit der Deutschen und zwar ist das die „German assertiveness“, die deutsche Überheblichkeit. Arroganz und Hochmut entstehen aus der Distanz zur uneingestandenen Angst. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach Kompromisslosigkeit, Intoleranz, unpolitisches Verhalten und ein auf Hierarchien pochender autoritärer, obrigkeitsgläubiger Gesellschaftscharakter, der innerhalb unseres Landes kaum soziale Gleichstellungen zulässt. Ich denke, auch hierüber wird zu wenig öffentlich diskutiert. Selbstredend haben wir Deutsche auch positive Eigenschaften, die sich für den flüchtigen Beobachter hinter dem Etikett „Preußischen Tugenden“ zusammenfassen lassen.
Bezeichnenderweise habe ich im Internet viel mehr Einträge zur sachlich begründbaren „German Angst“ gefunden, als zur eher psychologisch begründeten „German assertiveness“. Der gewöhnliche Deutsche ist, soweit ich meine Artgenossen kenne, kein Typ, der seinen seelischen Zustand öffentlich ausbreitet und zur Debatte stellt. Auch ist er kein Typ, der seine unangenehmen Charaktereigenschaften nicht wortreich schönzureden wüsste. In Sachen Schönfärberei sind wir wirklich Dichter und Denker und letztlich unsere eigenen Henker, wie die Historie der ersten Hälfte des 20. Jhr. zeigt.
“Es gibt aber etwas, das mir viel mehr Unbehagen bereitet, als die pessimistische Ängstlichkeit der Deutschen und zwar ist das die „German assertiveness“, die deutsche Überheblichkeit. Arroganz und Hochmut entstehen aus der Distanz zur uneingestandenen Angst. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach Kompromisslosigkeit, Intoleranz, unpolitisches Verhalten und ein auf Hierarchien pochender autoritärer, obrigkeitsgläubiger Gesellschaftscharakter,(…)”
@gaby, was Sie da beschreiben, lässt sich auch als täter-opfer-dialektik begreifen (der zweite teil des beitrages).
Opfer-Täter-Dialektik hört sich an wie die Verdrehung von Tatsachen und oft ist es das auch. In dem von Ihnen verlinkten Artikel wird unter anderem das „familiäre Raster als Gesellschaftsexperiment“ angedacht. Da fiel sogleich ein, was ich heute in meinem dörflichen Lidl erlebt habe.
Sehr junge Eltern plus kleinem Mädchen, das kaum Sprechen konnte, beim Einkauf. Papa zieht Schokoladeneis aus der Kühltruhe und hält es dem Mädchen vor die Nase. Die Kleine jubelt begeistert. Mama reißt ihm den Eiskarton aus der Hand und fragt die Kleine sehr, sehr streng: „Hast du das überhaupt verdient?!“ Die Kleine guckt völlig irritiert und brüllt drauf los. Das Kind beruhigte sich erst, als Muttern den Eiskarton in den Einkaufswagen legte.
An der Kasse passierte obendrein folgendes: Mutter suchte nach Kleingeld, der männliche Kassierer nahm den Eiskarton, wedelte damit vor dem Gesicht der Kleinen, versteckte den Karton unter der Kasse und sagte in einem Atemzug: „Das finde ich aber nett, dass du mir so ein leckeres Eis ausgesucht hast!“ Die Kleine guckte wieder völlig irritiert und fing bitterlich an zu weinen. Natürlich hat der Kassierer das Eis wieder hervor gekramt, aber die vielen Tränen trocknen konnte er mit diesem Akt nicht.
Was für die Erwachsenen ein Scherz – kann für Kinder ein Trauma sein. In diesem Falle war es das vermutlich. Ein Volk in Angst???? Kein Wunder, wenn landauf, landab in der deutschen Kindererziehung noch immer auf 10 Tadel lediglich ein Lob ausgesprochen wird. Die Schule wie die Ausbildung tun ihr übriges, um perfekt an die Erfordernisse des Kapitalismus angepasstes Menschenmaterial zu erzeugen. Menschen, die nicht wirklich sie selbst sind, klammern sich geradezu fanatisch an eine übergeordnete Autorität, die ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Das hatten wir schon mal: „Führer befiel’ – wir folgend dir!“
Der Fall Sarrazin hat uns gezeigt, wie rasch ein guter Teil der Deutschen auch im Jahr 2010 einem demagogischen Hetzer vertraut und ihm insofern folgt, als dass sie sich Sarrazin als Führer einer neuen Partei wünschen, der sie auch beitreten würden. Das ist in meinen Augen ein ziemlich krankes Verhalten. Aber, wenn ich dem Psychoanalytiker Erich Fromm glauben darf, braucht der Kapitalismus kranke Seelen, sonst funktioniert das System nicht.
Na, da scheint bei uns Deutschen ja alles in bester Ordnung zu sein.
Sehr geehrter Herr Dr. Jahnke!
Ich empfinde Ihre Ausführungen als außerordentlich wichtig, danke dafür. Angst frißt bekanntlich Seele auf, sie zerstört wichtige Strukturen, im Kleinen wie im Großen; sie verhindert allgemeines, gesundes Wohlbefinden welche einen Menschen, eine Familie, die Gesellschaft human, optimistisch und erfolgreich sein läßt.
Nachdem ich nun viele Jahre von außen nach innen schaue frage ich mich allerdings, warum Angst als ein so deutscher Begriff gilt; zynisch könnte man sagen daß dem so ist weil sich zum Beispiel die Bürger hier in UK, Schottland, weniger um das scheren, was außerhalb ihres Dunstkreises geschieht. So ist den allermeisten der EURO egal, London und erst recht Europa ebenso, Wechselkurse und Sprachen unwichtig und Schuldenstände Sache der Administration.
Ich persönlich glaube, daß sich im deutschen Wesen tatsächlich der Drang nach Wissen u.a. auch der Neugierde beugt, erkennen zu wollen, wo es lang geht oder zumindest lang gehen kann. Dazu benötigt man Information und ein gewisses Grundwissen; wenn einem oder gar beiden Faktoren anzumerken ist, ob nur geahnt oder bereits erkannt, daß sie gerichtet, ergo manipuliert, dumm unrichtig oder vorsätzlich falsch sind, dann folgt einer gewissen Ohnmacht schnell die Angst, dem Konglomerat aus Verführung, Dummheit, Ignoranz und Versagen auf Gedeih’ und Verderb’ ausgeliefert zu sein.
So ist dem Nichtinformierten die Ruhe in, die dem Informierten angesichts seines Vorsprungs an Wissen abgeht: Angst macht unruhig.
caw
Hallo Herr Wittke,
Auch ich sehe meist von Draußen nach Deutschland, nämlich aus Irland/GB oder Frankreich (dort wo es sonnig ist). Ich denke jedoch, daß es nicht nur ein deutscher Wissenvorsprung ist, der ängstlich macht. Die Deutschen haben ja sicher auch nicht so sehr Angst wegen der Verhältnisse im Ausland, für die sie sich auch relativ wenig interessieren, auch wenn – weil in der Mitte Europas und in den Euro eingebunden – wahrscheinlich mehr als die Schotten. Für mich kommen da viele Umstände zusammen, wie:
ein noch nicht überwundenes Trauma aus der verbrecherischen Vernichtung von Millionen Menschen und der Unterstützung von zwei Diktaturen auf deutschem Boden im letzten Jahrhundert (wobei die zweite natürlich weit weniger schlimm war),
eine schwere Störung des deutschen Solidaritätsbedarfs durch die Spitzenposition in der neoliberalen Globalisierung unter westlichen Ländern,
eine alternde und daher von Natur aus ängstlichere Bevölkerung (der Verzicht auf Nachkommenschaft ist nicht nur ein Wohlstandsphänomen, sondern auch Zeichen von Zukunftsangst, sonst müßten auch GB und Frankreich wegen ihres Wohlstands der Kinder entsagen),
der in sehr vielen Familien durch zwei verlorene Weltkrieg erlebte Verlust der meisten weltlichen Werte, und vor allem der Ernährer bei den zahlreichen Kriegswaisen (gehöre selbst dazu) bzw. Söhne, auf deren Unterstützung die Eltern gebaut hatten,
eine Neigung zu seelischen Untergründen statt rationalem Vorrang, wie in GB und vor allem Frankreich,
und wahrscheinlich noch vieles mehr, was so in anderen Ländern nicht zuschlägt.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
Die Befragten, die ja fast schon panische Angst vor einer Überforderung der Politiker haben, möchte ich mal persönlich kennen lernen. Die kennen wahrscheinlich die Claudia Roth noch nicht. Die wird niemals überfordert sein, da kann kommen was will. Die anderen übrigens auch nicht.
Sie nehmen mir viel Angst, danke für Ihre Ausführungen.
Grüße von Emorfine
@Eva Scherrer,
Leider fehlt es an Hoffnungsträgern in der deutschen Politik. Ein Willy Brandt heute könnte Wunder bewirken und viel Angst von den Menschen nehmen. Aber solche Persönlichkeiten sind in der Politik schreckliche Mangelware.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
kalle: so isse eben: einfältig
Aber damit ist diese Frau weissgott nicht allein!!
MfG
Wenn Willy Brandt heute das Mittelmaß aus der Parteizentrale entfernen würde könnte er sich selbst als Pförtner einstellen!
MfG
“Eine Neigung zu seelischen Untergründen statt rationalem Vorgang”
Wohl wahr, wenn man die zu ca.70% zustimmenden Leserkommentare zur aktuellen Sarrazin-Debatte verfolgt.ich wundere mich immer mal wieder wie selbst bei intelligent formulierenden Menschen, als auch einer rechtsextremistischen Elite im land, eine dumpf primitive Ausländerfeindlichkeit zum Vorschein kommt die offenbar schon lange unterschwellig vorhanden war. Nach dem Motto, es muss doch endlich mal gesagt werden dürfen… Vehement vorgetragen als wäre das wieder unser Hauptproblem in Deutschland!…Einfach gruselig.
Hallo, nico und Mitlesende,
ich stimme Dir vollumfänglich zu. Es ist gruselig, dass Deutsche, die von sich behaupten, Demokraten zu sein und selbstverständlich jeden nach seiner Fasson leben lassen und auch tolerant zu diskutieren wissen, von jetzt auf gleich wieder zu ekelhaften Herrenmenschen werden können, wenn es das politische (Sarrazin)Klima erlaubt. Das ist eine Ungeheuerlichkeit, gerade so, als hätten wir unsere jüngere Historie vergessen, zu sehr verniedlicht oder im Wohlstands- und Konsumtaumel der letzten Jahrzehnte begraben.
Da kursiert neuerdings ein sexistischer Spruch unter meinen männlichen Arbeitskollegen, den sie halb lachend, halb bitter ernst hervor bringen und die dummen Weiber drumherum giggeln auch noch darüber, ohne im Entferntesten daran zu denken, welche sozialen Auswirkungen das stille Tolerieren der Menschenfeindlichkeit haben kann: „Frauen darf man nicht schlagen – man muss sie kräftig treten!“
Mit einem Schlag scheinen alle Emanzipationsbestrebungen der letzten 40 Jahre, die sich ja auch darin äußern, dass das Misshandeln und Vergewaltigen auch von Ehefrauen unter Strafe gestellt wurde, weggewischt und die Männer die konservativen Verhältnisse der Vorkriegsjahre wieder herstellen möchten.
Da tut sich was im deutschen Volke – aber nix Gutes!
Gaby
Schönen guten Tag,
zuerst einmal stimme ich Dr. Jahnkes Ausführungen zum Thema „deutsches Trauma“ und seine Auswirkungen auf die Kinder- und Enkelgeneration zu. Die Traumatisierungen der Eltern werden gewöhnlich per Erziehung weitergegeben an die nächste und übernächste Generation. Seit der Reichsgründung 1871 bis 1945 wurden die Deutschen mit kriegsrasselnden Traumen und kapitalistischen Zusammenbrüchen geradezu überschwemmt – das prägt!
Nach einer kurzen ökonomischen Ruhepause und dem Gefühl „Es geht wieder aufwärts“ prasselten neue beängstigende Ereignisse auf uns ein: die Rezession der 1970er Jahre, die Studentenbewegung, die RAF, die Umbrüche im konservativen Sozialgefüge Deutschlands, Waldsterben, Atomenergie, neoliberale Reformen, Klimawandel, Wirtschaftskrise 2007 ff. Die Deutschen haben genügend Gründe, ängstlich und zögerlich zu sein bzw. sich von ihrer politischen Klasse verschaukelt zu fühlen. Für meinen Geschmack wird über die „German Angst“ viel zu wenig diskutiert. Unsere kommerziellen Medien sind viel lieber damit beschäftigt, den Deutschen noch mehr Angst einzujagen.
Es gibt aber etwas, das mir viel mehr Unbehagen bereitet, als die pessimistische Ängstlichkeit der Deutschen und zwar ist das die „German assertiveness“, die deutsche Überheblichkeit. Arroganz und Hochmut entstehen aus der Distanz zur uneingestandenen Angst. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach Kompromisslosigkeit, Intoleranz, unpolitisches Verhalten und ein auf Hierarchien pochender autoritärer, obrigkeitsgläubiger Gesellschaftscharakter, der innerhalb unseres Landes kaum soziale Gleichstellungen zulässt. Ich denke, auch hierüber wird zu wenig öffentlich diskutiert. Selbstredend haben wir Deutsche auch positive Eigenschaften, die sich für den flüchtigen Beobachter hinter dem Etikett „Preußischen Tugenden“ zusammenfassen lassen.
Bezeichnenderweise habe ich im Internet viel mehr Einträge zur sachlich begründbaren „German Angst“ gefunden, als zur eher psychologisch begründeten „German assertiveness“. Der gewöhnliche Deutsche ist, soweit ich meine Artgenossen kenne, kein Typ, der seinen seelischen Zustand öffentlich ausbreitet und zur Debatte stellt. Auch ist er kein Typ, der seine unangenehmen Charaktereigenschaften nicht wortreich schönzureden wüsste. In Sachen Schönfärberei sind wir wirklich Dichter und Denker und letztlich unsere eigenen Henker, wie die Historie der ersten Hälfte des 20. Jhr. zeigt.
Mit freundlichen Grüßen aus der Rheinland-Pfalz,
Gaby
“Es gibt aber etwas, das mir viel mehr Unbehagen bereitet, als die pessimistische Ängstlichkeit der Deutschen und zwar ist das die „German assertiveness“, die deutsche Überheblichkeit. Arroganz und Hochmut entstehen aus der Distanz zur uneingestandenen Angst. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach Kompromisslosigkeit, Intoleranz, unpolitisches Verhalten und ein auf Hierarchien pochender autoritärer, obrigkeitsgläubiger Gesellschaftscharakter,(…)”
@gaby, was Sie da beschreiben, lässt sich auch als täter-opfer-dialektik begreifen (der zweite teil des beitrages).
mfg
mo
kleine ergänzung, um missverständnisse auszuschliessen: mit dem letzten satz ist der verlinkte beitrag gemeint.
Guten Tag, mo und Mitlesende,
Opfer-Täter-Dialektik hört sich an wie die Verdrehung von Tatsachen und oft ist es das auch. In dem von Ihnen verlinkten Artikel wird unter anderem das „familiäre Raster als Gesellschaftsexperiment“ angedacht. Da fiel sogleich ein, was ich heute in meinem dörflichen Lidl erlebt habe.
Sehr junge Eltern plus kleinem Mädchen, das kaum Sprechen konnte, beim Einkauf. Papa zieht Schokoladeneis aus der Kühltruhe und hält es dem Mädchen vor die Nase. Die Kleine jubelt begeistert. Mama reißt ihm den Eiskarton aus der Hand und fragt die Kleine sehr, sehr streng: „Hast du das überhaupt verdient?!“ Die Kleine guckt völlig irritiert und brüllt drauf los. Das Kind beruhigte sich erst, als Muttern den Eiskarton in den Einkaufswagen legte.
An der Kasse passierte obendrein folgendes: Mutter suchte nach Kleingeld, der männliche Kassierer nahm den Eiskarton, wedelte damit vor dem Gesicht der Kleinen, versteckte den Karton unter der Kasse und sagte in einem Atemzug: „Das finde ich aber nett, dass du mir so ein leckeres Eis ausgesucht hast!“ Die Kleine guckte wieder völlig irritiert und fing bitterlich an zu weinen. Natürlich hat der Kassierer das Eis wieder hervor gekramt, aber die vielen Tränen trocknen konnte er mit diesem Akt nicht.
Was für die Erwachsenen ein Scherz – kann für Kinder ein Trauma sein. In diesem Falle war es das vermutlich. Ein Volk in Angst???? Kein Wunder, wenn landauf, landab in der deutschen Kindererziehung noch immer auf 10 Tadel lediglich ein Lob ausgesprochen wird. Die Schule wie die Ausbildung tun ihr übriges, um perfekt an die Erfordernisse des Kapitalismus angepasstes Menschenmaterial zu erzeugen. Menschen, die nicht wirklich sie selbst sind, klammern sich geradezu fanatisch an eine übergeordnete Autorität, die ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Das hatten wir schon mal: „Führer befiel’ – wir folgend dir!“
Der Fall Sarrazin hat uns gezeigt, wie rasch ein guter Teil der Deutschen auch im Jahr 2010 einem demagogischen Hetzer vertraut und ihm insofern folgt, als dass sie sich Sarrazin als Führer einer neuen Partei wünschen, der sie auch beitreten würden. Das ist in meinen Augen ein ziemlich krankes Verhalten. Aber, wenn ich dem Psychoanalytiker Erich Fromm glauben darf, braucht der Kapitalismus kranke Seelen, sonst funktioniert das System nicht.
Na, da scheint bei uns Deutschen ja alles in bester Ordnung zu sein.
Mit freundlichen Grüßen
Gaby