global news 1963 26-03-10: In sozial gleicheren Ländern lebt man besser – Teil 2: Die Ungleichverteilung der Einkommen korrespondiert mit der Bildung, der Behandlung der Frauen und der Aufstiegsmobilität
global news 1963 26-03-10: In sozial gleicheren Ländern lebt man besser – Teil 2: Die Ungleichverteilung der Einkommen korrespondiert mit der Bildung, der Behandlung der Frauen und der Aufstiegsmobilität
Man lebt in sozial gleicheren Ländern nicht nur besser, sondern man ist in diesen auch psychisch gesünder und widerstandsfähiger, wie bereits 2009 aus der WHO-Studie “Mental health, resilience and inequalities” von Dr. Lynne Friedli hervorgeht, die als wesentliches Ergebnis zeigt, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und sozialer Ungleichheit besteht. Zitat: “Across the 53 Member States of the WHO European Region, tackling inequalities is the major challenge. Understanding the importance of mental health can help us to think more critically about the limits of economic growth and what wealth can achieve and to promote greater awareness of the benefits of reducing inequalities. This is not about utopian visions: the comparison between Sweden and the United Kingdom shows that relatively small differences in levels of inequality can have very significant effects on health. While there is no evidence that people can adapt psychologically to high levels of inequality, there is considerable evidence that opportunities for co operative social relationships are protective and that this is the case across all social classes. Both high and low income populations benefit in more equal societies.
We will have to face up to the fact that individual and collective mental health and wellbeing will depend on reducing the gap between rich and poor. At the same time, reducing inequality is not a sufficient policy response, important as that is. What is also needed is a shift in consciousness and a recognition that mental health is a precious resource to be promoted and protected at all levels of policy and practice.”
Die Studie findet man unter http://www.euro.who.int/document/e92227.pdf
Leider ist es mir trotz umfangreicher Bemühungen nicht gelungen, eine Institution zu finden, die sich für eine Übersetzung der Studie ins Deutsche verantwortlich fühlt. So ist es nicht verwunderlich, dass diese überaus wichtige Studie bei uns kaum bekannt und wohl still in der Versenkung verschwunden ist, statt dass sie in den relevanten Gremien diskutiert wird bzw. in den Medien zur Veröffentlichung gelangt. Hier der Text der Zusammenfassung, der in der offiziellen Übersetzung teilweise abmildernde Formulierungen enthält:
“Wichtigste Ergebnisse des Berichts
“Seelisches Wohlbefinden”
Seelisches Wohlbefinden wird mit besserem Schlaf, mehr Bewegung und einer gesünderen Ernährung in Verbindung gebracht. Eine Verbesserung des seelischen Wohlbefindens geht mit einer Verringerung des Alkohol- und Tabakkonsums sowie von kriminellen Aktivitäten einher.
Untersuchungen belegen, dass seelisches Wohlbefinden bei älteren Menschen, die im gemeindenahen Umfeld leben, mit einem Anstieg der Lebenserwartung um bis zu 7,5 Jahre verbunden sein kann.
Ein erhöhtes Wohlbefinden hat eine Verringerung der krankheitsbedingten Fehlzeiten und eine Steigerung von Leistung und Produktivität am Arbeitsplatz zur Folge.
Je besser die Gesundheit von Jugendlichen, desto seltener treten Probleme in Verbindung mit Kriminalität und Alkohol-, Tabak- oder Marijuanamissbrauch auf und desto stärker treten Faktoren wie zwischenmenschliche Nähe und soziale Integration in der Schule in den Vordergrund.
Psychische Gesundheitsprobleme und soziale Ungleichheiten
Psychische Gesundheitsprobleme können sowohl Folge als auch Ursache von sozialen Ungleichheiten und Ausgrenzung sein.
[original: Poor mental health is both a consequence and cause of inequalities and exclusion.]
Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen weisen auch wesentlich höhere Raten körperlicher Erkrankungen auf und tragen ein höheres Risiko, an koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall, Diabetes sowie Infektions- und Atemwegskrankheiten zu erkranken oder vorzeitig zu sterben.
Das Risiko einer koronaren Herzkrankheit steht in direktem Verhältnis zur Schwere einer Depression. Menschen mit leichten Depressionen können ein bis zu zweifach, Menschen mit schweren Depressionen ein drei- bis fünffach erhöhtes Risiko der Erkrankung an koronarer Herzkrankheit tragen.
Neuropsychiatrische Störungen sind für 33% der mit Behinderung gelebten Lebensjahre (years lived with disability – YLD) verantwortlich. Depressionen, alkoholbedingte Gesundheitsprobleme, Schizophrenie und bipolare Störungen gehören zu den sechs führenden Ursachen von YLD-Verlusten.
Unter den Kindern aus einkommensschwachen Familien erreichen diejenigen, die sich seelisch wohler fühlen, einen besseren Bildungserfolg. Dennoch erzielen Kinder aus wohlhabenderen Familien – unabhängig von ihren emotionalen oder kognitiven Fähigkeiten – meist noch bessere Ergebnisse.
Die 20–25% der Bevölkerung, die an Adipositas leiden oder regelmäßig rauchen, sind überwiegend in den einkommensschwachen Schichten zu finden. Diese weisen auch die höchste Prävalenz von Angstzuständen und depressiven Störungen auf.
Folgen für Politik und Praxis
Relativ geringe Unterschiede im Ausmaß von sozialen Ungleichheiten können signifikante Auswirkungen auf die Gesundheit haben.
Die oberste grundsätzliche Priorität besteht darin, Respekt und soziale Gerechtigkeit zu fördern: die Grundprinzipien für die Entstehung seelischen Wohlbefindens.
Weitere Handlungsprioritäten:
? Verbesserung der sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen für das familiäre und gesellschaftliche Leben;
? Bereitstellung von Bildungs- und Beschäftigungschancen für junge Menschen, die dazu beitragen, psychische Gesundheit zu fördern bzw. zu schützen;
? Schaffung von Partnerschaften zwischen dem Gesundheitsbereich und anderen Politikbereichen;
? Abbau struktureller und umweltbedingter Barrieren für soziale Kontakte.
Durch Verbesserung der psychischen Gesundheit und des seelischen Wohlbefindens kann der soziale und ökonomische Wohlstand in der Europäischen Region der WHO erhöht werden.”
@Norbert Maack,
Vielen Dank für den wichtigen Hinweis. Leider enthält die Studie keinerlei länderspezifische Angaben, so daß sich die Korrelation nicht feststellen oder überprüfen läßt. Die WHO hat zwar eine Länderstatistik für mental health Leiden nach Bevölkerung, jedoch tauchen wichtige Länder, auch Deutschland, darin nicht auf.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke
Hallo in die Runde,
die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungleichheit, egal ob sozial, wirtschaftlich oder politisch, beschäftigt viele akademisch geschulte Menschen in Deutschland und zwar in den Bereichen Sozialpolitik- und philosophie, Soziologie und in der Politikwissenschaft. Diese Menschen gucken, staunen, palavern, diskutieren, verdienen damit gutes Geld, aber ändern nichts zum Positiven.
In wirtschaftspolitischen Diskursen wird die Ungleichheit sogar applaudierend begrüßt, denn eine völlige Gleichstellung der Menschen würde den Wettbewerb zum Vertrocknen bringen; der Anreiz zur persönlichen Leistungssteigerung sei nicht mehr gegeben. Der Ordo- wie der Neoliberalismus, aber auch der freiheitliche Sozialismus vergießen zwar scheinheilige Krokodilstränen über die Ungleichheit, schaffen sie aber auf gar keinen Fall ab. Im Gegenteil: Ständig werden Reformen auf den Weg gebracht, die Ungleichheit noch zu verstärken wie z.B. durch Steuergeschenke an die Reichen, Hartz-IV für die Arbeitslosen. Es waren unsere Armani-Linken, rot-grün, die uns Hartz-IV eingebrockt haben! Von Humanismus keine Spur!
Der von allen keynesianischen Häuten befreite Neoliberalismus ist wie ein Tor in den kapitalistischen Hades an dessen Eingang steht: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und auf der Rückseite steht zu lesen, sofern sich überhaupt jemand umdreht: „Aber nur, wenn du dich genug anstrengst!“
Unbeachtet bleibt die Kritik, dass man sich in diesem System anstrengen kann, wie man will. Wenn man kein Glück hat per wohlwollendem Elternhaus, guter schulischer Bildung, dem Glück eines ertragreichen Berufes, robuster Gesundheit, haltbarer Ehe und am besten Kinderlosigkeit, sitzt man schneller in der Schuldenfalle, als man/frau es sich je erträumt hätte. Glück ist ein unzuverlässiges Geschick und noch scheuer als ein Reh.
Da das menschenähnliche Wesen, zuletzt der Homo Sapiens, von Natur aus ein Rudelwesen ist, seit Millionen von Jahren gewohnt, in kleinen Gruppen nomadisierend zu leben, ist der Begriff „Eigentum“ eine ziemlich neue Erfindung in der Entwicklung der „aufrecht Gehenden“. Der Boden, die dort befindliche Nahrung, die sozialen Bindungen, die gegenseitige soziale Verantwortung haben allen gehört. Privatbesitz war vielleicht ein selbstgemachter Faustkeil oder ein Speer. Darüber streiten sich unsere Wissenschaftler, denn es ist denkbar, dass auch Waffen zur Jagd, Schmuck, Techniken zur Lebenserleichterung gemeinsam geschaffen/erdacht wurden und somit allen gehörten.
Wir können davon ausgehen, dass wir, trotz aller Moderne, an Körper, Geist und Seele erkranken, süchtig werden nach allerlei Drogen, uns selbst und andere Menschen in Weltkriegen dahin morden, wir im Alltag zu verstärkter Aggressivität neigen und selbst unsere 10-jährigen keine Skrupel mehr haben, Erwachsene anzugreifen, weil wir insgesamt in Verhältnissen leben, die nicht unserer angeboren gutmütigen, sozialen Art entsprechen.
Mit einem Wort: Nicht nur die Weise, wie wir mehr und mehr unter dem Diktat des globalen Neoliberalismus gezwungen sind, als atomisierte Singles leben, sondern auch die zunehmende asoziale Lebensunsicherheit und Ungleichheit macht uns krank, gar zur persönlichen Zeitbombe für andere Menschen.
Was mich sehr, sehr wütend macht, ist die Arroganz unserer oben angeführten akademischen Wissenschaftler, aber auch die Dummheit unserer Politiker und Unternehmer, die soziale Ungleichheit für etwas Gottgegebenes halten, statt mal ganz scharf und absolut selbstkritisch zu hinterfragen, ob die Ungleichheit nicht per Wirtschaftspolitik hausgemacht ist.
Und wenn sie hausgemacht ist, was meiner absoluten Überzeugung entspricht, warum wird sie dann nicht abgestellt? Der englische Ökonom John Maynard Keynes, der Retter des Kapitalismus, hat uns den Weg zu einem ausgleichenden Kapitalismus vermacht, der einst in der BRD und vielen anderen Ländern des westlichen Kapitalismus „Soziale Marktwirtschaft“ hieß und erfolgreich war.
Aber Keynes Ökonomierezepte wurden nie 100 %ig realisiert, sondern nur sein Rat des „deficit spendings“, was seine „Allgemeine Theorie“ Mitte der 1970er Jahre ad absurdum führen musste, den die Inflation grassierte weltweit und ab 1982 übernahmen die Neoliberalen die Wirtschaftsfront der westlichen Welt und holten schnell China ins Boot (2001), die „Bestie Inflation“ zu besiegen.
Seither haben wir es mit deflationären Tendenzen zu tun und seit Nixons verhängnisvoller Dollar-Gold-Umtausch-Verneinung mit einem extrem aufgeblasenem Kasinokapitalismus, der uns im Herbst 2008 um die Ohren flog und für deren Schäden wir zahlen müssen. Die Kugeln am Börsen-Kasinotisch drehen sich weiter, als sei nichts gewesen, befeuert durch unsere Milliarden Steuergelder. Auf den Staatsbankrott der PIIGS wird gerade spekuliert. Wer zahlt? Klar, wir!
Meine Antwort auf meine Frage nach dem hausgemachten Leid ist: Weil es ein Tabu ist, den Kapitalismus, die „schöne, göttliche Maschine“, die wir nun in Form des Neoliberalismus vorfinden, überhaupt in Frage zu stellen. Der Kapitalismus ist derart unsere „natürliche Umwelt“ geworden, dass sich niemand mehr eine Welt ohne Kapitalismus vorstellen kann, wie zum Ausgang des Spätmittelalters zum Beispiel die Rätedemokratie der Städte und angrenzenden Dörfer die Regel gewesen ist. Die Menschen haben in relativ kleinen Gemeinschaften ihre Geschicke selbst geregelt! Die bedeutendsten Erfindungen der Menschheit, wie z.B. Gemeinwesen, Sprache, Schrift, Bauwesen, Kunst, soziales Engagement etc. wurden lange vor dem Kapitalismus zur höchsten Blüte entwickelt!!!!
Heute ist so: Der abstrakte Markt, zu dem wir keinen persönlichen Bezug haben, hat immer Recht, er regelt sich selbst und regelt unser persönliches Leben! So lautet das lächerliche Credo unserer liberalen Eliten.
Und weil das so ist, geraten immer mehr Menschen, ich wie Du, unter seine zermalmenden Walzen. Wir landen in prekären Arbeitsverhältnissen, wir landen in der Arbeitslosigkeit und am Schlechtesten in Hartz-IV.
Da können wir uns anstrengen, wie wir wollen, wenn uns die „schöne Maschine des Kapitalismus“ ausspuckt, weil sie uns nicht braucht, sind wir nur noch elende Hungerleider, die sogar noch von den Gutverdienenden und Politikern als Schmarotzer und Parasiten beschimpft werden.
Bis demnächst,
Gaby
Zum Thema.: hier gibts ne Menge zur persönlichen Befindlichkeit des Menschen auch in Deutsch:
http://www.euro.who.int/mentalhealth/publications/publications
MfG
Ich stimme den Aussagen des Artikels weitesgehend zu. Allerdings finde ich die Statistiken nur bedingt hilfreich. Für mich zeigen diese im wesentlichen, dass ettliche andere Faktoren eine Rolle spielen und geben eine Tendenz wieder. Denn die Abweichungen und Ausreißer sind schon enorm. Mehr als eine Richtungsidee kann es also nicht sein.
@chriwi,
Ich halte die meisten Korrelationen für erstaunlich eindeutig und hatte viel mehr Nebel erwartet. Das Bild wird natürlich noch klarer, wenn man besonders ungleiche Länder außerhalb Europas einbezieht, aber da fehlen neuere Daten leider.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke