Dieser Beitrag wurde geschrieben von am Mittwoch, 18. November 2009 um 6:20 pm und eingeordnet unter Aus, Globalisierung, Kri. Du kannst den Antworten zu diesem Eintrag mit Hilfe des RSS-2.0-Feeds folgen.
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Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, Herr Dr. Jahnke.
Und wenn man wirklich fanatischer China Freund ist und nicht etwa verkappter Retrokapitalist, dann müssen einem die Menschen richtig leid tun. Zwar unterscheiden sich Schmerz und Not global betrachtet nur marginal, aber dem wahren Freund muß bekannt sein, daß im roten System das Individuum im Grenzwert gegen +1,4 Milliarden ausschließlich ein Multiplikant ist zur Bildung der Masse, während dieselbe per se anonymisiert ist.
Ergo, Prügel sind vollkommen unangebracht.
Ich denke Hu und Obama sehen das auch so und sind auf Gedeih’ in der Suche nach der „Lösung“ vereint, die dem jeweiligen Verderb’ entkommen hilft.
ich stimme Ihnen hundertprozentig zu. Es ist leider nicht absehbar, dass China von Innen heraus zu den nötigen drastischen ökologischen und sozialen Reformen in der Lage wäre. Die einzige Lösung scheint in den von Ihnen angesprochenen Zöllen zu bestehen. Man wird sehen, ob es dazu kommt. Schließlich würde das auch das westliche “Wachstums”modell (i.e. Vermögenswachstum bei hiesigen Aktionären) etwas gefährden: Man darf nicht außer Acht lassen, dass westliche Konzerne in China produzieren lassen. M.W. lässt z.B. Apple dort seine Geräte für staatlich garantierte Hungerlöhne bauen. Das ist Teil ihres Geschäftsmodells. Ein angenehmer Nebeneffekt von Zöllen wäre auch, dass inländische Arbeitskräfte attraktiver werden und wieder mehr vor Ort produziert würde. Das würde auch Transportkosten und -emissionen reduzieren, die ja auch mit bedacht sein wollen. Und insgesamt kämen die Dinge vielleicht vielleicht ein bisschen ins Lot. Darf man auf so eine Entwicklung hoffen? Ich bin sehr pessimistisch.
Betreff USA-China:
Ich denke es wird die Frage sein: wer sitzt und ist sich dessen bewusst, am längeren/kürzeren Hebel für die Weltwirtschaft und die Ökologie. Falls beide Staaten so weitermachen kann das nicht gutgehen:wirtschaftlich und ökologisch.Wobei ich die USA momentan genau wie in dem Tandembild hinterherfahren sehe.Aber gleichzeitig ist China ja auch in keinster Weise irgendein Vorbild.
nette Aussichten!
MfG
Zu den angesprochenen Problemen ein Zitat aus:
Meadows/1972/Die Grenzen des Wachstums/S.164:
Jeder Tag weiterbestehenden expotentiellen Wachstums treibt das Weltsystem näher an die Grenzen des Wachstums.
Wenn man sich entscheidet, nichts zu tun,entscheidet man sich in Wirklichkeit, die Gefahren des Zusammenbruchs zu vergrößern……Wenn die Menschheit zu lange wartet bis die Belastungen und Zwänge offen zutage treten, hat sie,wegen der zeitlichen Verzögerungen im System, zu lange gewartet.
MfG
Guten Tag. Das Treffen Obama mit Hu hat substantiell noch nichts gebracht. Altes und neues Machtzentrum messen noch die Kräfte. Obama musste zur Rettung der chinesischen Dollarkredite geloben, das Leistungsdefizit zu senken, um die Schuldenbedienung zu sichern. Eigentlich heißt das mehr Export, weniger Import, innerer Niedriglohnsektor und Dauerarbeitslosigkeit. So wird er wohl dennoch die Vermögenden zur Krisenüberwindung heranholen müssen. Die Importkürzung kann aber nicht zu Lasten Chinas gehen, denn die werden als Gläubiger nur bedingt auf den Absatz verzichten, wenngleich sie ihren Binnenmarkt, und hier kommt man den USA auf dem Tandem entgegen, ausbauen wollen. Sicher wird auch noch mancher APEC-Krümel abfallen dürfen, um Kreditabschreibungen zu vermeiden. Ergo wird wohl Westeuropa seine Exporterwartungen eindämmen müssen. Die Chinesen ließen offen erkennen, dass sie den Dollar notfalls als Waffe betrachten. Ein Uniprofessor unterstrich dann auch, dass es entweder gemeinsame Lösungen gibt (nach chinesischem Vorbild) oder die Welt an der Konfrontation sehr leiden würde.
Die kennen die Bibel:
# Sprüche 22,7: Der Reiche herrscht über die Armen; und wer borgt, ist des Leihers Knecht.
# 5. Mose 15,6: Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen, wie er dir verheißen hat; so wirst du vielen Völkern leihen, und du wirst von niemanden borgen; du wirst über viele Völker herrschen, und über dich wird niemand herrschen.
möglicherweise gehöre ich zu der Gruppe, die Sie als “fanatische Chinafreunde” bezeichnen. Ich nutze die Gelegenheit jedenfalls, um meinen Standpunkt etwas zu verdeutlichen.
Ich glaube, dass die chinesische(n) Elite(n) mindestens genauso korrupt und verantwortungslos sind wie die deutschen. China ist ein barbarischer Folter- und Terrorstaat, in dem Menschenrechte kein Pfifferling wert sind. Im Lande fahren Todesbusse umher, um mobil einen Großteil der weltweiten Todesstrafen zu vollstrecken. Die Umweltsünden dort spotten jeglicher Beschreibung, so etwas hat es selbst in den schlimmsten und stürmischen Industrialisierung hierzulande nicht gegeben. Das Land wird geschüttelt von durchschnittlich 70.000 Aufständen und Demonstrationen pro Jahr (200 pro Tag!!!), in denen Menschenleben nicht im geringsten geschont werden. Zusammengehalten wird das Land von drei brutalen und unappetitlichen Klammern: der KP, die jegliche Opposition durch Mord und brutale Gewalt schon im Keim zu vernichten trachtet, durch die chinesische Kultur (insb. in Gestalt der einheitlichen Schrift), die eifersüchtig (und ebenfalls mit Gewalt und Mord) gegen jede kulturelle Diversifizierung verteidigt wird, und durch einen haarsträubenden Nationalismus, der sich mehr als ich das irgendwo sonst gehört, gelesen oder gesehen habe, gegen alles “fremde” oder “nicht-chinesische” wendet. Nirgendwo sonst sind etwa schwarzhäutige Afrikaner so offenem und blankem Rassismus ausgesetzt wie in China.
Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt damit soweit geklärt.
Nun kommen wir aber zu einer anderen Seite. Ob China “unsere” Märkte flutet oder nicht, das wird m. E. nicht primär in China entschieden, sondern doch bei uns, oder sehen Sie das anders? Daneben haben wir es m. E. wirklich nicht in der Hand, ob sich China irgendwelchen CO2-Regelungen unterwirft oder nicht, sehr wohl haben wir es aber in der Hand, ob WIR unseren Ausstoß verringern. Und auch bei der Armutsbekämpfung (ob zu Hause oder “global”) gehen wir momentan keineswegs mit gutem Beispiel voran, und können daher – genauso wie bei der CO2-Reduzierung – kaum damit rechnen, dass wir China gegenüber glaubwürdige Argumente zur Hand haben (jetzt mal von militärischen Argumenten abgesehen).
Manchmal drängt sich mir das Gefühl auf, wenn ich die Artikel oder auch einige Kommentare lese, dass versucht wird, unsere eigene Erfolglosigkeit im Kampf gegen Armut, Klimawandel, für eine gerechtere Gesellschaft etc. auf China zu projezieren. Ich denke aber vielmehr, dass wir alle gut beraten wären, wenn WIR UNSERE Probleme lösen – das liegt nämlich im Rahmen unserer Möglichkeiten – und im Gegenzug hoffen, dass die Chinesen IHRE Probleme lösen, dazu sind wir nämlich keineswegs in der Lage.
In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie sich durch meine möglicherweise provozierenden Zwischenrufe nicht entmutigen lassen.
Fanatismus habe ich bei Ihnen wirklich noch nicht feststellen können. Da meine ich in der Chinadiskussion Menschen, die mir mit ziemlich schweren Beleidigungen kommen.
Um Ihre Frage aufzugreifen, ob das Marktfluten nicht primär bei uns entschieden wird: Ich denke schon, daß die KP China die Kontrolle auch über die chinesische Handelspolitik und vor allem die für den Export manipulierte Währung hat. Sie bestimmt, daß es keine unabhängigen Gewerkschaften gibt und das Streikrecht nicht geschützt wird, alles Vorraussetzungen für das Sozialdumping. Sie betreibt den enormen sozialen Graben, in dem die für den Export tätigen Wanderarbeitnehmer diskriminiert werden. Sie hat die westlichen Konzerne ins Land geholt, die zusammen mit ihr das Land durch Ausbeutung der benachteiligten Arbeitskräfte entwickeln. Daß dann unsere Kapitalisten darauf eingehen, ist schon so ziemlich selbstverständlich. Natürlich könnte die EU viel mehr zur Abwehr der Überflutung tun, doch bei dieser Schieflage in den Ausgangsverhältnissen, ist das nicht so einfach. Meine die deutsche und EU-Politik ebenso angreifende Kritik zielt ja gerade darauf ab, daß mehr getan wird, im Interesse unserer Arbeitnehmer, unserer Umwelt und natürlich auch der in China Ausgebeuteten.
Wir haben auch Möglichkeiten in der CO2-Thematik auf China einzuwirken, z.B. durch Abwehrzölle, wie sie jetzt bereits von Merkel und Sarkozy angedroht wurden und in den USA bei den Demokraten angedacht sind. Die können sogar WTO-konform ausgestaltet werden. Auch darüber habe ich mich schon wiederholt verbreitet. Leider gehen Sie auf meine Hinweise zu der so unterschiedlichen Emissionsintensität nicht ein. Da liegt doch ein besonderer Hund begraben, wenn wir unsere Waren dort produzieren lassen, wo sie besonders emissionsträchtig hergestellt werden.
Ich denke schon, daß das, was von der sozialen Marktwirtschaft noch übrig ist, sich sehr vorteilhaft von der chinesischen Situation unterscheidet. Schließlich gibt es bei uns noch Gewerkschaften, die auch streiken dürfen. Und es gibt staatliche Sozialleistungen, von denen die Chinesen nur träumen können, z.B. eine immer noch funktionierende Krankenversicherung, von der die meisten Chinesen in China ausgeschlossen sind. Wir müssen also durchaus nicht das chinesische Dumping akzpetieren, weil die Lage bei uns auch nicht besser wäre. Da schmeißen Sie uns zu unrecht in einen Topf.
Natürlich müssen wir unsere Probleme lösen. Und gerade deshalb dürfen wir nicht zulassen, daß uns das bei weitem größte Volk der Erde dabei in die Quere kommt, indem es beispielsweise über die verschiedenen Formen von Dumping unser Sozialsystem in Richtung seiner Situation treibt oder schärfere Umweltregeln bei uns ausnützt, um die Produktion nach China zu holen. Das geht eben nicht. Wir können in der Tat nicht die chinesischen Probleme lösen. Aber wir dürfen auch nicht zulassen, daß China uns bei uns zu Hause per Dumping der verschiedenen Arten die Lösung be- oder gar verhindert. Wenn es eine internatonale Umweltdisziplin nicht akzeptiert, selbst nicht auf niedrigerem Niveau, dann halte ich, jedenfalls aus meiner bescheidenen Sicht, eine handelspolitische Reaktion der EU für geboten. Angesichts der extremen Abhängigkeit Chinas vom Export und der Rolle der EU als wichtigstes Abnehmerland für Chinaware, kann das durchaus Wirkung haben.
Und ganz grundsätzlich, lieber Herr Schwarz: Wir leben nun mal in einer total interdependenten Welt. Dahinein paßt schon vom Prinzip nicht mehr, daß es jedem überlassen bleiben kann, wie er die Probleme löst, denn die Rückwirkungen auf andere sind viel zu stark. Deswegen brauchen wir internationale Vereinbarungen, an die man sich dann auch halten muß. Mit „hoffen“, daß andere ihren Teil zur Problemlösung beitragen, ist es nicht mehr getan. Dazu ist z.B. die Umweltsituation inzwischen schon viel zu ernst.
Ich betrachte Ihre Zwischenrufe wirklich nicht als Provokation und ich erwarte gar nicht, daß sie meine Sicht der Dinge teilen. Meine eigene Denke ist leider inzwischen so faktendurchtränkt, weil ich mich ja täglich damit auseinandersetze, daß ich nicht einfach mehr an den „guten Willen“ als den Problemlöser glauben kann. Auch bin ich viel zu mißtrauisch, was die neoliberalen Netzwerke angeht, in die auch China aus eigenem Interesse fest eingebaut ist.
Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, Herr Dr. Jahnke.
Und wenn man wirklich fanatischer China Freund ist und nicht etwa verkappter Retrokapitalist, dann müssen einem die Menschen richtig leid tun. Zwar unterscheiden sich Schmerz und Not global betrachtet nur marginal, aber dem wahren Freund muß bekannt sein, daß im roten System das Individuum im Grenzwert gegen +1,4 Milliarden ausschließlich ein Multiplikant ist zur Bildung der Masse, während dieselbe per se anonymisiert ist.
Ergo, Prügel sind vollkommen unangebracht.
Ich denke Hu und Obama sehen das auch so und sind auf Gedeih’ in der Suche nach der „Lösung“ vereint, die dem jeweiligen Verderb’ entkommen hilft.
caw
Wahrscheinlich gibt es längerfristig nur eine Lösung, oder wie heißt auf chinesisch:WIR SIND DAS VOLK!
MfG
Lieber Herr Jahnke,
ich stimme Ihnen hundertprozentig zu. Es ist leider nicht absehbar, dass China von Innen heraus zu den nötigen drastischen ökologischen und sozialen Reformen in der Lage wäre. Die einzige Lösung scheint in den von Ihnen angesprochenen Zöllen zu bestehen. Man wird sehen, ob es dazu kommt. Schließlich würde das auch das westliche “Wachstums”modell (i.e. Vermögenswachstum bei hiesigen Aktionären) etwas gefährden: Man darf nicht außer Acht lassen, dass westliche Konzerne in China produzieren lassen. M.W. lässt z.B. Apple dort seine Geräte für staatlich garantierte Hungerlöhne bauen. Das ist Teil ihres Geschäftsmodells. Ein angenehmer Nebeneffekt von Zöllen wäre auch, dass inländische Arbeitskräfte attraktiver werden und wieder mehr vor Ort produziert würde. Das würde auch Transportkosten und -emissionen reduzieren, die ja auch mit bedacht sein wollen. Und insgesamt kämen die Dinge vielleicht vielleicht ein bisschen ins Lot. Darf man auf so eine Entwicklung hoffen? Ich bin sehr pessimistisch.
Gruß,
Ralf
Betreff USA-China:
Ich denke es wird die Frage sein: wer sitzt und ist sich dessen bewusst, am längeren/kürzeren Hebel für die Weltwirtschaft und die Ökologie. Falls beide Staaten so weitermachen kann das nicht gutgehen:wirtschaftlich und ökologisch.Wobei ich die USA momentan genau wie in dem Tandembild hinterherfahren sehe.Aber gleichzeitig ist China ja auch in keinster Weise irgendein Vorbild.
nette Aussichten!
MfG
Zu den angesprochenen Problemen ein Zitat aus:
Meadows/1972/Die Grenzen des Wachstums/S.164:
Jeder Tag weiterbestehenden expotentiellen Wachstums treibt das Weltsystem näher an die Grenzen des Wachstums.
Wenn man sich entscheidet, nichts zu tun,entscheidet man sich in Wirklichkeit, die Gefahren des Zusammenbruchs zu vergrößern……Wenn die Menschheit zu lange wartet bis die Belastungen und Zwänge offen zutage treten, hat sie,wegen der zeitlichen Verzögerungen im System, zu lange gewartet.
MfG
Guten Tag. Das Treffen Obama mit Hu hat substantiell noch nichts gebracht. Altes und neues Machtzentrum messen noch die Kräfte. Obama musste zur Rettung der chinesischen Dollarkredite geloben, das Leistungsdefizit zu senken, um die Schuldenbedienung zu sichern. Eigentlich heißt das mehr Export, weniger Import, innerer Niedriglohnsektor und Dauerarbeitslosigkeit. So wird er wohl dennoch die Vermögenden zur Krisenüberwindung heranholen müssen. Die Importkürzung kann aber nicht zu Lasten Chinas gehen, denn die werden als Gläubiger nur bedingt auf den Absatz verzichten, wenngleich sie ihren Binnenmarkt, und hier kommt man den USA auf dem Tandem entgegen, ausbauen wollen. Sicher wird auch noch mancher APEC-Krümel abfallen dürfen, um Kreditabschreibungen zu vermeiden. Ergo wird wohl Westeuropa seine Exporterwartungen eindämmen müssen. Die Chinesen ließen offen erkennen, dass sie den Dollar notfalls als Waffe betrachten. Ein Uniprofessor unterstrich dann auch, dass es entweder gemeinsame Lösungen gibt (nach chinesischem Vorbild) oder die Welt an der Konfrontation sehr leiden würde.
Die kennen die Bibel:
# Sprüche 22,7: Der Reiche herrscht über die Armen; und wer borgt, ist des Leihers Knecht.
# 5. Mose 15,6: Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen, wie er dir verheißen hat; so wirst du vielen Völkern leihen, und du wirst von niemanden borgen; du wirst über viele Völker herrschen, und über dich wird niemand herrschen.
Oder so.
MfG
Lieber Herr Jahnke,
möglicherweise gehöre ich zu der Gruppe, die Sie als “fanatische Chinafreunde” bezeichnen. Ich nutze die Gelegenheit jedenfalls, um meinen Standpunkt etwas zu verdeutlichen.
Ich glaube, dass die chinesische(n) Elite(n) mindestens genauso korrupt und verantwortungslos sind wie die deutschen. China ist ein barbarischer Folter- und Terrorstaat, in dem Menschenrechte kein Pfifferling wert sind. Im Lande fahren Todesbusse umher, um mobil einen Großteil der weltweiten Todesstrafen zu vollstrecken. Die Umweltsünden dort spotten jeglicher Beschreibung, so etwas hat es selbst in den schlimmsten und stürmischen Industrialisierung hierzulande nicht gegeben. Das Land wird geschüttelt von durchschnittlich 70.000 Aufständen und Demonstrationen pro Jahr (200 pro Tag!!!), in denen Menschenleben nicht im geringsten geschont werden. Zusammengehalten wird das Land von drei brutalen und unappetitlichen Klammern: der KP, die jegliche Opposition durch Mord und brutale Gewalt schon im Keim zu vernichten trachtet, durch die chinesische Kultur (insb. in Gestalt der einheitlichen Schrift), die eifersüchtig (und ebenfalls mit Gewalt und Mord) gegen jede kulturelle Diversifizierung verteidigt wird, und durch einen haarsträubenden Nationalismus, der sich mehr als ich das irgendwo sonst gehört, gelesen oder gesehen habe, gegen alles “fremde” oder “nicht-chinesische” wendet. Nirgendwo sonst sind etwa schwarzhäutige Afrikaner so offenem und blankem Rassismus ausgesetzt wie in China.
Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt damit soweit geklärt.
Nun kommen wir aber zu einer anderen Seite. Ob China “unsere” Märkte flutet oder nicht, das wird m. E. nicht primär in China entschieden, sondern doch bei uns, oder sehen Sie das anders? Daneben haben wir es m. E. wirklich nicht in der Hand, ob sich China irgendwelchen CO2-Regelungen unterwirft oder nicht, sehr wohl haben wir es aber in der Hand, ob WIR unseren Ausstoß verringern. Und auch bei der Armutsbekämpfung (ob zu Hause oder “global”) gehen wir momentan keineswegs mit gutem Beispiel voran, und können daher – genauso wie bei der CO2-Reduzierung – kaum damit rechnen, dass wir China gegenüber glaubwürdige Argumente zur Hand haben (jetzt mal von militärischen Argumenten abgesehen).
Manchmal drängt sich mir das Gefühl auf, wenn ich die Artikel oder auch einige Kommentare lese, dass versucht wird, unsere eigene Erfolglosigkeit im Kampf gegen Armut, Klimawandel, für eine gerechtere Gesellschaft etc. auf China zu projezieren. Ich denke aber vielmehr, dass wir alle gut beraten wären, wenn WIR UNSERE Probleme lösen – das liegt nämlich im Rahmen unserer Möglichkeiten – und im Gegenzug hoffen, dass die Chinesen IHRE Probleme lösen, dazu sind wir nämlich keineswegs in der Lage.
In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie sich durch meine möglicherweise provozierenden Zwischenrufe nicht entmutigen lassen.
Herzliche Grüße
G. S.
Lieber Herr Schwarz,
Fanatismus habe ich bei Ihnen wirklich noch nicht feststellen können. Da meine ich in der Chinadiskussion Menschen, die mir mit ziemlich schweren Beleidigungen kommen.
Um Ihre Frage aufzugreifen, ob das Marktfluten nicht primär bei uns entschieden wird: Ich denke schon, daß die KP China die Kontrolle auch über die chinesische Handelspolitik und vor allem die für den Export manipulierte Währung hat. Sie bestimmt, daß es keine unabhängigen Gewerkschaften gibt und das Streikrecht nicht geschützt wird, alles Vorraussetzungen für das Sozialdumping. Sie betreibt den enormen sozialen Graben, in dem die für den Export tätigen Wanderarbeitnehmer diskriminiert werden. Sie hat die westlichen Konzerne ins Land geholt, die zusammen mit ihr das Land durch Ausbeutung der benachteiligten Arbeitskräfte entwickeln. Daß dann unsere Kapitalisten darauf eingehen, ist schon so ziemlich selbstverständlich. Natürlich könnte die EU viel mehr zur Abwehr der Überflutung tun, doch bei dieser Schieflage in den Ausgangsverhältnissen, ist das nicht so einfach. Meine die deutsche und EU-Politik ebenso angreifende Kritik zielt ja gerade darauf ab, daß mehr getan wird, im Interesse unserer Arbeitnehmer, unserer Umwelt und natürlich auch der in China Ausgebeuteten.
Wir haben auch Möglichkeiten in der CO2-Thematik auf China einzuwirken, z.B. durch Abwehrzölle, wie sie jetzt bereits von Merkel und Sarkozy angedroht wurden und in den USA bei den Demokraten angedacht sind. Die können sogar WTO-konform ausgestaltet werden. Auch darüber habe ich mich schon wiederholt verbreitet. Leider gehen Sie auf meine Hinweise zu der so unterschiedlichen Emissionsintensität nicht ein. Da liegt doch ein besonderer Hund begraben, wenn wir unsere Waren dort produzieren lassen, wo sie besonders emissionsträchtig hergestellt werden.
Ich denke schon, daß das, was von der sozialen Marktwirtschaft noch übrig ist, sich sehr vorteilhaft von der chinesischen Situation unterscheidet. Schließlich gibt es bei uns noch Gewerkschaften, die auch streiken dürfen. Und es gibt staatliche Sozialleistungen, von denen die Chinesen nur träumen können, z.B. eine immer noch funktionierende Krankenversicherung, von der die meisten Chinesen in China ausgeschlossen sind. Wir müssen also durchaus nicht das chinesische Dumping akzpetieren, weil die Lage bei uns auch nicht besser wäre. Da schmeißen Sie uns zu unrecht in einen Topf.
Natürlich müssen wir unsere Probleme lösen. Und gerade deshalb dürfen wir nicht zulassen, daß uns das bei weitem größte Volk der Erde dabei in die Quere kommt, indem es beispielsweise über die verschiedenen Formen von Dumping unser Sozialsystem in Richtung seiner Situation treibt oder schärfere Umweltregeln bei uns ausnützt, um die Produktion nach China zu holen. Das geht eben nicht. Wir können in der Tat nicht die chinesischen Probleme lösen. Aber wir dürfen auch nicht zulassen, daß China uns bei uns zu Hause per Dumping der verschiedenen Arten die Lösung be- oder gar verhindert. Wenn es eine internatonale Umweltdisziplin nicht akzeptiert, selbst nicht auf niedrigerem Niveau, dann halte ich, jedenfalls aus meiner bescheidenen Sicht, eine handelspolitische Reaktion der EU für geboten. Angesichts der extremen Abhängigkeit Chinas vom Export und der Rolle der EU als wichtigstes Abnehmerland für Chinaware, kann das durchaus Wirkung haben.
Und ganz grundsätzlich, lieber Herr Schwarz: Wir leben nun mal in einer total interdependenten Welt. Dahinein paßt schon vom Prinzip nicht mehr, daß es jedem überlassen bleiben kann, wie er die Probleme löst, denn die Rückwirkungen auf andere sind viel zu stark. Deswegen brauchen wir internationale Vereinbarungen, an die man sich dann auch halten muß. Mit „hoffen“, daß andere ihren Teil zur Problemlösung beitragen, ist es nicht mehr getan. Dazu ist z.B. die Umweltsituation inzwischen schon viel zu ernst.
Ich betrachte Ihre Zwischenrufe wirklich nicht als Provokation und ich erwarte gar nicht, daß sie meine Sicht der Dinge teilen. Meine eigene Denke ist leider inzwischen so faktendurchtränkt, weil ich mich ja täglich damit auseinandersetze, daß ich nicht einfach mehr an den „guten Willen“ als den Problemlöser glauben kann. Auch bin ich viel zu mißtrauisch, was die neoliberalen Netzwerke angeht, in die auch China aus eigenem Interesse fest eingebaut ist.
Beste Gruesse
Joachim Jahnke