1475

Gedanken zur Zeit 1475 18-09-09: Vom Mißbrauch internationaler Vergleiche und der notwendigen Ehrlichkeit

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6 Antworten zu 1475

  1. Gaby sagt:

    Hallo miteinander,

    ich finde, man kann unseren deutschen Medien keinen Vorwurf wegen ihrer halbwahren, gar irritierenden Berichterstattung machen, schließlich berichten sie das, was die Mehrheit der BürgerInnen unseres Landes hören/lesen wollen. Wollen, wohlgemerkt! Das hat zwar nichts mit kritischem Journalismus zu tun, bedient aber die Wünsche einer eventuellen Mehrheit und die der Bundesregierung sowieso, die vor der Bundestagswahl nichts mehr fürchtet als schlechte Nachrichten und ein empörtes Wahlvolk.

    Selbst die kritischsten Geister meines kleinen Dunstkreises, die mittlerweile stark genervt auf diese Krise reagieren, fassen die Situation ungefähr so zusammen: Deutschland ist die drittgrößte Industrienation der Welt. Deutschland ist ein superreiches Land. Wäre es ein Tanker, wäre es unsinkbar! Deutschland ist ein bisschen leckgeschlagen, aber die Löcher werden durch deutsche Staatshilfe geschlossen. Und wenn wir das aus eigener Kraft nicht können, gibt es genug Institutionen, denen sehr daran gelegen ist, unsere Volkswirtschaft zu retten, weil wir die führende Volkswirtschaft in Europa sind. Alles andere ist Angstmacherei und Weltuntergangspropheten haben in Krisenzeiten sowieso Hochkonjunktur.

    Nach solchen Sprüchen haben sich für mich die „kritischen Geister“ erledigt und ich entledige mich teilweise ihrer Gesellschaft. Kritisch war gestern – heute versuchen sehr viele Menschen, sich eine Situation, die sie nicht durchschauen wollen, schön zu reden. Überall begegnet mir dieses Phänomen, ob beim Bäcker, Metzger, im SCHLECKER-Markt, ob am Arbeitsplatz, beim Plausch auf der Straße oder über den Gartenzaun, im Bekannten- und Freundeskreis. Das Gejammer über die zunehmende Arbeitslosigkeit ist groß, aber die Gründe wollen nicht gehört werden. Immer wieder derselbe Spruch: „Wir können ja eh nix machen, aber Deutschland geht gestärkt aus der Krise heraus, wir rappeln uns wieder, wir sind bisher stets wieder aufgestanden, wenn wir am Boden lagen.“ Da bleibt mir nur zu sagen: Schlaf weiter und träum’ was schönes.

    Da lob ich mir, wie vermutlich alle hier Mitlesenden, Dr. Jahnkes ehrliche Webseite und ich habe Elfis Auslands-News sehr, sehr schätzen gelernt. Danke liebe Elfi für all Deine Mühe. Darüber hinaus kann ich das Buch „Über den Zaun geblickt“, das ich seit vorgestern besitze, wirklich interessierten Menschen wärmstens empfehlen und habe der Rezension Herrn Steingrubes nichts hinzuzufügen. Er hat bereits alles gesagt.

    Bis denne,

    Gaby

    • globalnote sagt:

      @Gaby,

      Siehe dazu jetzt hier: http://www.jjahnke.net/gedanken49.html#med .

      Beste Gruesse
      Joachim Jahnke

    • Jared J. Myers sagt:

      In meinem Bekanntenkreis gibt es eine ganze Menge Leute, die sich Presseorgane wie “Welt”, “FAZ”, “Handelsblatt” oder “Wirtschaftswoche” zu Gemüte führen und sich regelmäßig über den häufig darin stehenden Bockmist ärgern. Nichtsdestoweniger halten sie diese Erzeugnisse (noch) für unverzichtbare Qualitätspresse und lassen allenfalls auf meine Empfehlung hin mal das “Handelsblatt” liegen und greifen zur “FTD”.

      Nun wissen natürlich die Redaktionen – dank surveys, Leserumfragen und regionaler Absatzziffern – wie ihre Leserschaft sie gern hätte. Leider ist ihre Leserschaft nicht ihre Kundschaft. Zu größeren Anteilen finanzieren sie sich noch immer über Anzeigen…

  2. Paten sagt:

    Guten Tag. Man kann auch so argumentieren wie neulich am CDU-Wahlstand: 8,7% AL bedeutet doch mit 91,3% fast Vollbeschäftigung. Die Sockelarbeitslosigkeit von 5% vorausgesetzt, haben wir eine krisenbedingte Abweichung nach oben, die bald wieder eingefangen wird. Dafür sind doch die Konjunkturpakete da. Der Mehrheit geht es gut und das ist die Mitte der Gesellschaft. Für linke Zahlenspielereien, die immer nur Minderheiten anführen, haben wir kein Verständnis und die Wähler keinen Bedarf an solcher Angstmacherei.

    ILO (Internationale Arbeitsorganisation der UN):

    Genf (epo.de). – Die Konjunkturprogramme der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) haben seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise rund elf Millionen Arbeitsplätze erhalten. Dennoch wird die Zahl der Arbeitslosen weltweit im Jahr 2009 gegenüber 2007 um 39 bis 61 Millionen ansteigen. Das geht aus einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hervor, der dem G20 Gipfel am 24. und 25. September in Pittsburgh vorgelegt werden soll.

    ILO-Generaldirektor Juan Somavia verweist in dem Bericht auf Prognosen seiner Organisation, denen zufolge Ende 2009 weltweit zwischen 219 und 241 Millionen Menschen arbeitslos sein werden – “der höchste Stand, der je gemessen wurde”, so die ILO. “Die Arbeitslosigkeit infolge der Krise ist weiterhin gewaltig. … Dem Bericht zufolge wäre der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den G20 Staaten ohne diese Maßnahmen um 29 bis 43 Prozent höher ausgefallen. Die häufigsten Maßnahmen waren demnach zusätzliche Infrastrukturinvestitionen, Subventionen, Steuerermäßigungen und Kredite für mittelständische Betriebe, Fortbildungsmaßnahmen, eine engere Abstimmung mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen sowie eine soziale Absicherung der Betroffenen durch finanzielle Zuwendungen.

    Die ILO verweist darauf, dass ärmere Länder zusätzliche Unterstützung in der Arbeitsmarktpolitik und beim Sozialschutz benötigen. Jedes Jahr treten rund 45 Millionen junge Frauen und Männer in einen Arbeitsmarkt ein, der bereits durch eine hohe Zahl von Arbeitslosen, von Menschen, die die Jobsuche schon aufgegeben haben, und von unfreiwillig in Teilzeit Beschäftigten belastet ist.
    Zu vernachlässigende Minderheitsprobleme oder sozialer explosive Katastrophen?

    MfG

  3. Paten sagt:

    Guten Tag. Zu meiner obigen Einleitung mit „der Mehrheit geht es doch gut“ seitens eines CDU-Propagandisten: Klingt für manchen zunächst einleuchtend. Aber: Wer so argumentiert sagt nichts anderes, als dass er einverstanden ist, dass die (scheinbare) soziale Sicherheit der Mehrheit dauerhaft (Bodensatz) und ausnahmsweise (Krisenzuwachs AL) auf eine Minderheit und zu deren Lasten abgewälzt werden darf! Solches Verständnis ist sowohl undemokratisch (Bereicherung und soziale Sicherung zu Lasten von Minderheiten = soziale Ungleichheit), Unrecht (vor dem Recht sind erst dann alle gleich, wenn sie es sozial auch weitgehend sind, denn sonst gibt es ein Spezialrecht der Minderheitenverwaltung wie Hartz IV) unsolidarisch – alle sind in GZSZ Staatsbürger desselben Landes und auch im christlichen, muslimischen, buddhistischen und griechisch-russisch-orthodoxen Sinne unmoralisch – die Schwächsten nicht zu stärken, sondern noch mehr zu belasten und zu ängstigen.

    Ein Erdrutsch beginnt, wenn Bodensatz locker und die Stützen unten schwächer werden. Vordenken und sich nicht ausspielen lassen.

    MfG

  4. Gaby sagt:

    Hallo Paten und Mitlesende,

    insgeheim bin ich beruhigt, dass nicht nur die Menschen im beschaulich-gemütlichen Rheinland-Pfalz so realitätsverneinend denken, wie ich es beschrieb. In der ganzen Republik scheint die Krise verkannt zu werden, obwohl sie sich deutlich bemerkbar macht. Oder gewöhnen sich die Leute so schnell an schlechter werdende Zeiten? Unglaublich!

    Das Dorf, in dem ich lebe, feiert ab heute Quätsche-Kermes (Pflaumen-Kirmes). Heute früh, beim 7 Uhr-Kirchenglockengeläut, lautem Hahnenkrähen und viel Hundegebell lief die Dorfjungend umher und zündete viele donnernde Böller zum Auftakt des zweitägigen Festes.

    Unweit meines Hauses formiert sich in diesen Minuten der Festumzug, der alsbald an meinem Haus vorbei durch fahnengeschmückte Gässlein zur Kirmeswiese zieht. Darunter befinden sich mehrere Blaskapellen aus dem hiesigen und den umliegenden Dörfern, verschiedene Burschenschaften in ihren bunten Trachten, die traditionsreichen Märker, die wiederum eigene Trachten tragen, die grünberockte Jägerschaft und alle Gruppen sind begleitet von Jung- und Altmädchen in traditionell bunten Kleidern mit tiefem Ausschnitt.

    Allen voran knattert ein riesiger Traktor, der die mächtige Kirmes-Buche auf einem Hänger zieht, auf dem die Jungburschen in bunt geschmückten schwarzen Filzhüten sitzen und sich fröhlich mit den Bierkrügen zuprosten und mittendrin befinden sich kleinere Traktoren, auf deren Anhänger bier- und weinselige Senioren sitzen, johlen, lachen und es mächtig krachen lassen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, umsäumt die Straßenränder, winkt, jubelt und zecht. Heute wird, wie all die ca. 175 Jahre zuvor, bis tief in die Nacht gefeiert. Joh, bei uns wird Tradition sehr ernst genommen und lebt in unserer Jugend fort. Und morgen geht alles von vorne los.

    Da kann man/frau leicht auf den Gedanken kommen, dass eine Arbeitslosigkeit von 8 oder 12 Prozent nicht weiter schlimm und ein Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (Was bitte?!) von 5 oder 6 Prozent leicht zu verkraften ist. Wir müssen ja nicht immer aus dem Vollen schöpfen, es genügt doch, wenn alles so bleibt, wie es ist. Et is’se doch suu schüün, loss us feiere, suu lang mir dat noh könne!

    Wenn das mal kein böses Erwachen gibt!

    Gaby

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